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"...aber du schlägst doch auch Fliegen tot...?!"

Die Frage kommt so sicher wie das Amen in der Kirche: Zum wer-weiß-wievielten-Male erkläre ich mit der gleichen Freundlichkeit wie an den anderen 364 Tagen im Jahr, warum ich kein Fleisch esse, warum ich kein Zins bezahlen möchte für den feigen Massenmord and Tieren, nicht Auftraggeber, Nutznießer und Hehler sein möchte, die Milliarden Schweinen, Rindern, Hühnern, Schafen, Gänsen und Fischen das Leben kostet. Die Reaktion ist (fast) immer die gleiche: "Aber DU schlägst doch auch Fliegen tot?!"

Oder neulich in irgendeinem Ort im Schwäbischen: Nach einem Radiointerview, als ich mit Freundin und Moderator noch in ein Straßencafé ging, und mich der Mensch doch partout mit instierender Bösartigkeit dazu bringen wollte, daß ich zu der friedlichen Wespe, die hungrig mein Glas O-Saft umflog, handgreiflich werde.

Wenn die Zinszahler, die Auftraggeber für das millionenfache Massaker im Schlachthof, die Gleichgültigen, die Mitläufer im System, mit ihren Argumenten am Ende sind; wenn wir die Dinge beim Namen nennen, nich verlogen von "humanen" Schlachten sprechen sondern von Rindern, die sich dabei die Beine brechen und auf die weiter eingedroschen wird, auf die Augen, auf den Mund, damit sie aufstehen und den Gang in die Vernichtung gehen, und sie können doch gar nicht mehr gehen mit den gebrochenen Beinen. Wenn wir von Schweinen sprechen, die in die Box getrieben werden, und er Bolzenschußapperat ihnen einige Sekunden Schmerzfreiheit verschafft, die aber am Förderband hängend wieder erwachen und bei vollen Bewußtsein durchs Brühbad gezogen werden, durch kochendes Wasser. Wenn wir von männlichen Hühnerküken sprechen, die vergast werden, weil sie für die Legebatterie ohne Nutzen sind. Oder die zermust werden, von einer riesigen Zerstückelungsmaschine lebendig zerrissen. Genau hier kommt der Verweis auf die Fliegen, und ich weiß eigentlich nie, was ich darauf antworten soll, was die passende Antwort auf diese unverfrorene Frage ist.

"Nein, ich schlage keine Fliege tot, sondern fange sie mit dem Glas und Postkarte und entlasse sie in die Freiheit. Ich zertrete auch keine Spinnen und rette Wespen, die in ein Colaglas gefallen sind und um ihr Leben schwimmen." Aber ist hier wirklich die Wahrheit als Antwort passend, oder verfolgt unser Gegenüber mit der Frage nicht einen ganz bestimmten Zweck?

Wenn du "Nein!" sagst: "nein, du läßt auch kleine Insekten am Leben, warum sollst du sie auch töten, sie haben auch Recht auf Leben und das willst du ihnen lassen!"dann hat man dich erwischt: Du bist also ein(e) ganz Radikale(r), Fanatiker(in), Weltfremde(r), so ein Buddhist, der die Straße fegt, damit er kein Teichen zertritt und der ein Tuch um den Mund trägt, damit er kein Insekten einatmet. Dann bist du schlechtenfalls ein(e) Sektierer(in), der/die die anderen missionieren will, oder Du bist bestenfalls ein(e) Heilige(r), und es ist zwar höchst anerkennenswert, wie du mit deiner Mitwelt umgehst, aber für einen normalen Europäer ist das nichts: "Soweit würde ich es nie bringen!" Und aus der mit lächelndem Bedauern vorgebrachten Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit wird dann der Schluß gezogen deshalb auch das Leiden der Rinder und Schweine weiter negieren zu dürfen. "Ich bin halt nicht so edel", flüchtet sich sich der Zustimmung der Umsitzenden sicher. Du darfst es noch als Gnade empfinden, wenn er dir wohlwollend auf die Schulter klopft und dich nicht - wie es etwa Fassbinder mit einer vegetarisch lebenden Schauspielerin seines Teams getan hat, die er zum Fleischessen zwang, bis sie sich übergab- und die Gemeinschaft der der rechtgläubigen Fleischfresser zurückpeitscht oder dich als Ketzerin ("Spinnerin") ausgrenzt.

Zeigst Du aber Bereitschaft, auch eigene allzu menschliche Unvollkommenheit zuzugeben, indem du erklärst, wohl auch mal nach einer Mücke gepatscht zu haben, die dabei war, dir das Blut abzusaugen - dann hat dich dein Herausforderer auch in der Falle: Du bist ein(e) Heuchler(in), willst Rinder schützen, aber keine Fliegen, ha - Artenrassismus! Der/diejenige , der/die überhaupt nichts ändern will, weder im eigenen, noch in dem gesellschaftlichen Umgang mit Tieren allgemein ist in jedem Fall fein raus.

Es ist mindestens unlogisch, vor allem aber eine Frechheit, ein gelegentliches, reflexhaftes und unter Umständen tödliches Abwehren eines akut lästigen Insekts mit dem vorsätzlichen, ausgeklügelten, industrialisierten Massaker an hochentwickelten Säugetieren gleichzusetzen. Im Grunde geht es sogar niemanden etwas an, ob ich persönlich in jeder Hinsicht "edel" und "vollkommen" bin. Wir sprechen über die Not der Rinder und Schweine und Hühner und Gänse und Fische- nicht über mich. Wir sprechen über die Hühner in KZ- Anlagen, über trauernde Muttersauen und bewegungslos gemacht Mastbullen, über den qualvollen Erstickungstod im Viehtransporter oder im Treibnetz - nicht über Fliegen und über mich, es geht um den Kampf gegen ein institutionalisiertes, perfektioniertes Verbrechen, nicht um einen Heiligenschein für die KämpferInnen.

Ich weiß immer noch nicht, was ich an dieser Stelle antworten soll. Aber ich habe begriffen, was der Gesprächspartner signalisiert, wenn er die demagogische Fliegenfalle aufstellt: Er will abblocken, sich entziehen, er will nichts lernen müssen!

(aus dem Broken Silence Fanzine Nr. 5)

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