Der silberne Thron


13.Mai, Mittwoch

Ich habe John und Claire es treiben gesehen, auf dem Teppich im Wohnzimmer. Eigentlich bin ich eher dabeigestanden, denn ich habe durch die Tür gesehen, die nur angelehnt war. Sie haben sich leise geliebt, um keine Aufsehen zu machen, und ich habe zugesehen.

Es ist deutlich zu merken, daß der Sommer kommt. Die Männlein und Weiblein treibt es zueinander, weil die Luft so weich wird. Ich kann es in meinen Knochen spüren, daß der Sommer kommt, auch wenn sie morsch sind.

16. Mai, Sonntag

Einer von zwanzig zu sein ist sinnlos. Es reicht nicht, um die Aufmerksamkeit der Pharmaindustrie zu erregen, und es ist zuviel, um wirklich einmalig zu sein. Einer von zwanzig zu sein ist lächerlich. Ich bin Harold der zwanzigste.

Wenn ich beim nächsten Jahrestreffen unseres exclusiven Clubs noch lebe, werde ich Diane etwas schenken. Diane hat mir das letzte Mal ein Gedicht aufgesagt, etwas über Rosen. Ich werde ihr etwas schenken.

Bis ich zehn wurde, wollte ich nicht zu den Jahrestreffen gehen. Damals lebte mine Großmutter noch. Sie wollte nirgendwo mehr hingehen, sie sagte: "Da sind doch lauter alte Leute!" Sie war Ende siebzig, und niemand lachte, wenn ich im Zimmer war. Ich verstand mich mit meiner Großmutter gut, bevor sie starb. Ich muß mir das Geschenk für Diane gut überlegen. Vielleicht sollte ich Claire fragen.

17. Mai, Sonntag

Kevin, mein guter Bruder Kevin. Spielt gern Football. Geht ungern zur Schule. Fängt an, den Mädchen hinterherzusehen. Raucht seit neuestem, um mitzuhalten. Als heute seine neue Freundin zu Besuch war, blieb sie still. ICH dachte: Alien. So würde man sich bei einem Schulfreund benehmen, der einen Außerirdischen in der Familie hat, und der einem sanfte Hinweise gegeben hat, wie man mit ihm umgehen soll: "Also hört zu: Harold, so nennen wir ihn, kommt nicht von der Erde. Wir haben ihn in unserer Familie aufgenommen, weil er den Kontakt zu seinem Mutterschiff verloren hat und Hilfe braucht, möglicherweise kann er nie mehr nach Hause. Er mag es nicht, angestarrt zu werden, er mag keine Fragen über seine Herkunft und er mag keine UFO-Witze."

18. Mai, Montag

John hat mich endlich zur Rede gestellt, weil er gemerkt hat, daß ich ihn und Claire beobachtet habe. Er hat mir empfohlen, meine Nase aus-ich weiß-schon-was rauszuhalten, wenn ich keinen Ärger haben will.

Ich brauche mir auch keine Sonderrechte einzubilden, nur weil ich krank bin, sagt er. Der gute John. Der unklare John. Der John, der mich gelobt hat, als meine Zeugnisse gut waren. Ein John, der meine Mutter im Schlafzimmer ficken soll.

(...)

© SWF Baden-Baden, 1993