Der ewige Fluch der Esoterik

(Ulrich Stolte, Schwäbisches Tagblatt, 14.3.2000)


TÜBINGEN (us). Endlich mal einer, der den pseudowissenschafffichen Jargon von Pseudowissenschaftlem als Mittel bezeichnet, hilflose Bürger einzuluben, um ihnen dann das letzte Hemd über den Kopf zu ziehen.- Marcus Hammerschnütt hat in seinem neuesten Buch "lnstant Nirwana" mit der Esoterik aller Couleur deftig abgerechnet. Der Titel, wohl frei nach John Lennons Titel "lnstant Karma", ist eines jener Bücher, die zu jeder Zeit geschrieben wurden und die immer wieder von neuem geschrieben werden müssen, solange jedenfalls immer neuer Aberglaube immer neue Köpfe verwirrt. Mit Wonne gleitet man über die Seiten und denkt an selige Fernseh-Stunden zurück, als Hoimar von Didurth einst Uri Gelller als billigen Taschenspieler entlarvte, indem er einen billigen Taschenspieler engagierte, um dessen Tricks nachzumachen. Nein: Aufklärung in die modrigen Winkel der Esoterik zu bringen, das ist ein mühsames Geschäft, das ist ein undankbares Geschäft, und vielleicht auch ein gefährliches. Aber eines ist einfach nicht einzusehen: Wenn man denn schon einen Glauben braucht, an den man sich in Freud und Leid klammern kann, warum nimmt man dann nicht einen, der das Gute predigt, der Menschenrechte verteidigt, der die Welt besser macht? Warum glaubt man an den Beelzebub der Erdstrahlen, an den Mephisto, der auf UFOs reitet, an die Fratze der Magie beim Tischrücken oder an die wolkigen Grimassen einer überwunden geglaubten Theosopie? Marcus Hammerschmitt urteilt in seinem Buch hart. So hart, dass es wehtut, zum Beispiel mit dem Satz "Das Besondere an Steiner war die Fähigkeit, immer hart an der Grenze des vollentwickelten Wahns entlangzudelirieren, und gleichzeitig mit einem ganz erstaunlichen Organisationsgeschick die Unterstützung der Mächtigen für seine Bewegung zu erlangen und zu erhalten." Wo man zur Güte noch einwenden könnte, dass es auch Anthroposophen gibt, die gewisse Äußerungen Steiners kritisch werten. Trotzdem - "lnstant Nirwana" ist ein Buch, das auf den Nachttisch gehört, wenn in den lauen Vollmondnächten die UFOs um die Straßenlatemen kreisen. Das Buch wird natürlich niemanden bekehren, keiner, der sein Heil in Tarockkarten, 1-Ging, Fengshui oder Lütscha sucht. Es könnte aber manchen, der heimlich Horoskope liest, vielleicht wieder auf den rechten Weg des klaren Denkens bringen. (...)