Mit psychischem Anlagebetrug zu Glück und Geld?

(Rolf Spinnler / Stuttgarter Zeitung 5.10.99)


"Instant Nirwana'' - Marcus Hammerschmitt stellt im Schriftstellerhaus seine Abrechnung mit dem Esoterikboom vor. Die kritische Theorie sei tot, hat jüngst der Philosoph Peter Sloterdijk konstatiert. Doch es wächst eine junge Generation nach, die den Faden dort wieder aufnimmt, wo die Altvorderen ihn liegen ließen. Marcus Hammerschmitt ist zweiunddreißig, hat in Tübingen Philosophie studiert und sich als Autor von Science-Fiction-Romanen, Kinderbüchern und Hörspielen einen Namen gemacht. Jetzt hat er im Berliner Aufbau-Verlag einen Essay vorgelegt, der den Esoterikboom kritisch unter die Lupe nimmt. "Instant Nirwana - Das Geschäft mit der Suche nach dem Sinn'' lautet der Titel seines Buchs, das er kürzlich im Stuttgarter Schriftstellerhaus vorstellte. Eigentlich, so meint Hammerschmitt, habe Adorno mit seinen "Zehn Thesen gegen den Okkultismus'' aus den "Minima Moralia'' schon alles zum Thema gesagt. Das Problem sei nur, dass Adornos Esoterikkritik in einer Sprache abgefasst sei, die selbst ziemlich esoterisch daherkomme. Adorno habe Recht, aber auf einem so hohen Niveau, dass er das breite Publikum mit seiner Kritik gar nicht mehr erreiche. Diesem Manko möchte Hammerschmitt mit seinem Buch abhelfen. Es bedient sich ungeniert aller Stilebenen des zeitgenössischen Diskurses, formuliert frech, polemisch und cool - immer mit dem Ziel, die esoterischen Pfade zur Erleuchtung als schieren Nonsens zu entlarven. Astrologen und Anthroposophen, Indienwallfahrer und Tibetschwärmer, New-Age-Jünger und amerikanische Fernsehprediger, Schamanen, Wünschelrutengänger und Tierschützer: all diese Spielarten einer neuen diffusen Religiosität stuft Hammerschmitt als Rückfall hinter die Aufklärung ein. Da finde eine "krankhafte Regression'' in magisches Denken statt, sei "psychischer Anlagebetrug'' am Werk. Mit einer Zitatcollage aus einschlägigen Inseraten erntete er einen Heiterkeitserfolg im Schriftstellerhaus und sattelte noch drauf, als er sich Gedanken über mögliche Marktnischen machte. Wie wär's mit "spirituellem Jodeln'', "Astrologie für Haustiere'' oder "Meditation für Autos''? Doch Hammerschmitt findet die ganze Esoterikwelle nicht nur zum Lachen. Er hält sie für eine Bedrohung der liberalen Demokratie und will auch schon eine schleichende Infiltrierung des politischen Systems ausgemacht haben. Besonders die Grünen hat er da im Visier, aber auch Otto Schily, der schließlich ein bekennender Anthroposoph sei. Der Anthroposophenpapst Rudolf Steiner sei ein Rassist gewesen und seine Lehre ein "sanfter Kreuzzug gegen die Moderne''. Auch die Nazis hingen esoterischen Lehren an und begeisterten sich für Tibet. - Was tun? Toleranz sei hier nicht angebracht, findet Hammerschmitt, Repression allerdings auch nicht. Man müsse aber die Esoterikjünger unerbittlich mit skeptischem Nachfragen, der Forderung nach empirischer Überprüfbarkeit und dem gesunden Menschenverstand konfrontieren und auch die Geschäftsinteressen aufdecken, die hinter dem ganzen Boom stünden. Hammerschmitt wich in der Diskussion der Frage nicht aus, woher das Bedürfnis nach Esoterik komme. Die Aufklärung habe ihre Versprechen nicht eingelöst; die Moderne produziere Ohnmachtserfahrungen, auf die die Menschen mit Fluchtbewegungen reagierten. Doch die Beschränktheiten der eindimensionalen Vernunft ließen sich, so postuliert Hammerschmitt ganz in der Tradition der kritischen Theorie, nicht durch eine Abdankung des kritischen Denkens überwinden, sondern nur durch mehr Vernunft: Die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug.