Die Entstehung von "Der Zensor"
v. Marcus Hammerschmitt
Meistens gibt es für meine Arbeiten eine "Kerninspiration", an die sich im Verlauf einer erzählerischen Inkubationsphase verschiedene andere Dinge anlagern. Im Falle des Zensors war das die drollige Geschichte von einem nordamerikanischen Indianer, der nach Paris flog, um auf dem Flughafen Orly seinen Speer in den Boden zu stoßen und zu behaupten, er habe hiermit "Europa entdeckt". Die indigene, hauptsächlich von heutigen Mayas getragene Revolte in Chiapas / Mexiko und ein schon länger gepflegtes Interesse für altamerikanische Kulturen ließen mich mit der Idee einer "reversen Conquista" herumspielen, also einer Eroberung der iberischen Halbinsel durch südamerikanische Indianer. Diese Idee kam länger nicht zur Reife, aber eine erstes Ergebnis der Beschäftigung mit dem Thema waren bestimmte Elemente in dem Kurzroman Troubadoure. Zum Beispiel spielt an seinem Ende eine neomayanische Sekte eine wichtige Rolle. In diesem Stadium der Entwicklung stieß ich auf Michael D. Coes Buch "Das Geheimnis der Maya-Schrift - Ein Code wird entschlüsselt" (Rowohlt 1995), und im Verlauf der Lektüre, die mich sehr fesselte, wurde mir nicht nur klar, daß ich die Idee mit der mayanischen Eroberung Spaniens umsetzen wollte (die Mayas sind seither meine "Lieblingskultur" des alten Amerika), sondern auch Yaqui tauchte auf, der Maya-Hofbeamte, der später dem "Zensor" seinen Namen geben sollte. Das war ein ähnlich spontanes Auftauchen wie bei Latil in dem Vorgängerroman Der Opal.Die Recherchen zu "Der Zensor" zogen sich allerdings über ein Jahr hin, weil die Literatur dazu vielfältig, widersprüchlich und von wissenschaftlichen Disputen gekennzeichnet ist. Die Mayanistik ist seit etwa zwanzig Jahren sehr in Bewegung, und neue Funde und Erkenntnisse erforderten noch während der Arbeit an "Der Zensor" Korrekturen am Aufbau der Story, eine Tatsache, die mich manchmal belastete. Ein weiteres Problem: Enrique, der Gegenspieler Yaquis, materialisierte sich relativ spät, gewann aber eine solche Eigendynamik, daß er Yaqui zu überlagern drohte. Die beiden im Gleichgewicht zu halten, war nicht unbedingt immer einfach.
Auf jeden Fall war die Arbeit an "Der Zensor" ein spannender Prozeß, der mich einiges gekostet, mir aber auch viel gebracht hat, und damit meine ich nicht nur ein vertieftes Verständnis der Maya-Kultur. Hilfreich waren natürlich Resourcen wie der Mayan Date Calculator, Abbildungen der vier erhaltenen Maya Codices, wissenschaftliche Texte, und ähnliches. Wer mehr wissen will, dem empfehle ich zwei Interviews, die im Internet zu lesen, bzw. zu hören sind: eines speziell zum Zensor, ein zweites mit einem etwas breiteren Fokus.
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