Leseprobe zu "Der Zensor" von Marcus Hammerschmitt


12. Juni 2136

13.6.5.4.17 4 Kaban 0 Xul Nachtgott 7


Die beiden Männer sahen aus wie Inspekteure der Wartungsmannschaften. Die Uniformen, die Käppis, die Abzeichen: Alles stimmte genau. Der auf der Leiter schien am Bauch der Pipeline etwas zu befestigen. Er arbeitete präzise und konzentriert, jeder Handgriff saß. Sein Kollege am Fuß der Leiter beobachtete wachsam die Umgebung. Er war wie die Inspekteure der Wartungsmannschaften bewaffnet. Das Fahrzeug, mit dem sie gekommen waren - ein kleines elektrisches Lastendreirad - war genauso echt wie der Rest der Ausrüstung. Es war heiß, und beide Männer schwitzten, aber wenigstens konnten sie sich im Schatten der Pipeline aufhalten. Stille ringsumher. Die unglaublichen Wassermengen, die in jeder Sekunde durch die Pipeline rasten, waren nicht zu hören. Das war schade, denn in einer Hitze wie dieser hätte der Klang von rauschendem Wasser sicher erfrischend gewirkt. Der Mann auf der Leiter beendete seine Arbeit und prüfte sie mit kritischen Blicken. Dabei hakte er mehrere Punkte auf seinem Klemmbrett ab. Dann kam er herunter, klappte die Leiter zusammen, trug sie zu dem Fahrzeug, verstaute sie, und stieg in die kleine Führerkanzel. Sein Kollege beobachtete währenddessen wachsam die Umgebung. Dann stieg auch er ein, und die beiden fuhren weg. Was der Mann auf der Leiter an der Pipeline befestigt hatte, wirkte wie ein Dreckbatzen, den ein Kind dort hinaufgeschleudert hatte. Man hätte schon sehr genau hinsehen müssen, um festzustellen, daß es keiner war.

Der Palast lag beinahe still. Die Luft wälzte sich durch seine Räume wie ein schwitzendes, stöhnendes Tier. Die Brüllaffen im Urwald rings um die Stadt waren unruhig. Die Hitze hätte dem Zensor nichts ausmachen sollen. Er war an sie gewöhnt von Kindesbeinen an. Auch legte er trotz seines Status keinen großen Wert auf ausgefeilte Kleidung. Sein einfacher Wickelrock genügte ihm, sogar auf den Zeremonialgürtel mit dem Abbild Itzamnas auf der Gürtelschnalle hätte er verzichten können. Er haßte Formalitäten, und gerade aufgrund seiner Sparsamkeit erkannte ihn jeder. Aber wenn er schon statt seiner Federkrone nur das einfache rotweiße Stirnband trug, war der Zeremonialgürtel das minimale Statussymbol. Ohnehin galt der Zensor als Sonderling unter den Adligen: ein Sonderling in einer Gesellschaft, die Sonderlinge nicht mochte.

Der Zensor seufzte leise. Auch damit hätte er vielleicht vorsichtiger sein sollen, das Seufzen entwickelte sich in letzter Zeit zu einer Gewohnheit. Trotz seiner leichten Kleidung drückte ihm die Hitze auf die Stirn. Er hätte er sich in einer Hitze wie dieser die Haut ausziehen können, und ihm wäre immer noch heiß gewesen. Der Zensor sah einen langweiligen Tag voraus. Einen Tag voller stupider Repräsentationspflichten und ohne wirkliche Arbeit. Der Zensor sah einen Tag ohne Zensur voraus. Unschlüssig stand er in einem der Hauptkorridore des Palastes herum. Der leere Komplex, der sich in der aufsteigenden Morgensonne immer weiter aufheizte, deprimierte ihn. Er beneidete den Harem, der sicher gut geschützt von Bäumen und Schirmen auf einer der Badeinseln im Fluß herumlag, während schwitzende Sklaven mit Fächern für Frischluft sorgten. Das Bild von kühlem, klarem Wasser wurde in der Phantasie des Zensors so mächtig, daß er Durst bekam. Er hatte genug getrunken. Sollte er noch einmal in seine Residenz zurückkehren? Sollte er einige der Nachrichten bearbeiten, die von gestern übriggeblieben waren? Das hatte alles keinen Wert. Sein Stundenplan war vorgezeichnet, und es machte keinen Sinn, ihn durch Ausflüchte durcheinander zu bringen.

Der Zensor horchte auf. Ein flaches Stöhnen und Keuchen ging durch den Palast. Zuerst glaubte er, das Belüftungssystem spiele ihm einen Streich, aber dann war er sicher: Da stöhnte und keuchte jemand. An den leeren Gemächern der Favoritinnen und Nebenfrauen vorbei ging er dem Geräusch nach. Im Vorbeigehen streifte sein Blick einen kleinen, hübschen Altar, und unwillkürlich neigte er seinen Kopf. Er wußte nicht, welchem Gott der kleine Altar geweiht war, und er machte sich nicht die Mühe, es in Erfahrung zu bringen. Das Stöhnen kam aus einem der größeren Gemächer, die den Favoritinnen und ihren Kindern vorbehalten waren. Der Zensor mußte sich über die Natur des Geräuschs keine Gedanken mehr machen. Er hörte zwei Liebenden zu. Er dachte nicht groß über Diskretion nach, als er den Raum betrat. Neugierig war der Zensor schon immer gewesen, und über den Begriff "Privatsphäre" konnte er nur lachen. Das Paar lag auf einem niedrigen Podest und war sehr mit sich selbst beschäftigt. Die beiden waren noch recht jung, sicher noch kein Katun alt. Der Zensor dachte an seine drei bitteren Frauen und wurde ein wenig neidisch, als er das Mädchen so hingegeben sah. Auch der Mann hielt die Augen geschlossen und konzentrierte sich auf seine Gefühle. Die Situation war eindeutig. Während der Hofstaat außer Haus war und badete, machten hier zwei Kinder ihre ersten Erfahrungen. Eine harmlose Episode. Verglichen mit dem, was er alles über die sexuellen Eigenarten der Adels-Oberhäupter wußte, waren das hier kleine Fische.

Er wandte sich zum Gehen, aber in diesem Augenblick entfaltete sich die kleine Seerose an seinem Handgelenk und gab das Grillenzirpen von sich, mit dem sie eine Nachricht ankündigte. Die beiden Liebenden schraken auf. Sie sahen den Zensor an, er sah sie an, und für eine Weile rührte sich nichts. Dann nahm die Frau einen Fächer vom Podest und bedeckte ihr Gesicht. Die Bewegung war träge und nicht sehr zielgerichtet. Der Blick des Mannes fokussierte nicht richtig, er wanderte im Gesicht des Zensors umher, als fände er kein Ziel. Die beiden schienen berauscht. Das war interessant. Der Zensor schloß die Seerose, die noch immer zirpte, ging auf das Paar zu und packte den Mann am Kinn. Er wehrte sich kaum, seine Haut war von einem kalten Film bedeckt. Die Pupillen waren extrem geweitet, die Augen blutunterlaufen: Er war bis an die Schädeldecke voll mit Götterschweiß. Der Zensor schüttelte den Kopf, ließ das Kinn des Mannes los und ging zur Tür. Kaum war er auf den Gang getreten, hörte er die beiden schon wieder stöhnen. Sie taten ihm leid. Er würde dem Ahau berichten müssen, daß in seinem Palast wieder einmal Götterschweiß konsumiert wurde. Wenn die beiden Glück hatten, wurden sie nur ausgepeitscht. Wenn sie Pech hatten, starben sie dabei. In einer der zahllosen Altarnischen öffnete er die Seerose und fragte sie nach der Nachricht von eben. Die entfalteten Blätter schimmerten leicht gelblich, und am Blütengrund erschien ein Gesicht.

"Edler Herr Yaqui, die Schüler erwarten euch."

"Ich komme."

(...)

© Argument Verlag, 2001



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