Wüstenlack

 

Als ich das Fenster einschlug, merkte ich noch nichts. Das Fenster war an sich kein Problem, selbst für einen so miserablen Hobbyeinbrecher wie mich, aber wenn ich die Kriminalität nicht als eine Art Nebenerwerbshobby betrachtet und alle Tassen im Schrank gehabt hätte, hätte ich dieses Fenster als eine Warnung betrachtet. Ich erinnere mich genau an den Moment, bevor das billige Glas nachgab, ich sah die roten und grünen, die blauen und gelben Flächen, die mit aufgemalten schwarzen Steifen eine Bleiverglasung nachahmten. Ich wußte damals noch nicht, was man unter einer "Bleiverglasung" zu verstehen hatte. Nur daß dieses Fenster ein wenig an die neochristlichen Gebetshäuser erinnerte, die in allen Stadtteilen aus dem Boden schossen, das merkte ich. Ich vermerkte den neochristlichen Kontext und dachte: Pech gehabt. Hier würde wenig zu finden sein. Ich hörte das Glas zu Boden prasseln, und bildete mir ein, daß an diesem verhaltenen Prasseln die schlechte Qualität des Glases zu erkennen war. Nur für einen erfahrenen Schwerkriminellen wie mich, selbstredend. Ich erinnere mich an den Moment des Zögerns, bevor ich einstieg. Da wäre immer noch Zeit zum Umkehren gewesen. In der Nachbarschaft bellte ein Hund, es hörte sich an, als mache er das jeden Abend um die Zeit so. Die Wächter? Kümmerten sich um die wirklich wichtigen Dinge des polizeilichen Lebens, und selbst sie hätten einen Einbruch in dieser Gegend, um fünf Uhr nachmittags für wenig wahrscheinlich gehalten. Sagte ich mir. Glaubte ich mir. Im Schweiße meines Angesichts. Kann man das entschuldigen? Sicher nicht. Ich habe schon viele Dinge getan, die man nicht entschuldigen kann, aber die Liste der Peinlichkeiten anführen würde meine kurze Verbrecherkarriere, die an dem Abend aufhörte, als ich das nachgemachte neochristliche Fenster zu Boden prasseln ließ. Ich werde nie wissen, ob ich dabei einen Alarm ausgelöst habe. So clever ich mir auch vorkam, ich hielt die Möglichkeit eines Alarmsystems für ausgeschlossen, weil dieses Haus nicht danach aussah. Unglaublich, wenn man bedenkt, daß die Leute damals buchstäblich ihre Hundehütten mit Bewegungsmeldern ausrüsteten, damit die Hunde nicht gestohlen wurden. Besonders in Celfa, der Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate des PLANS. Verworfenheit war damals schick. Ich allerdings zwängte mich zunächst einmal durch die etwas schmale Öffnung, die ich mit meinem simplen Backstein in die zarte Haut des Hauses gebrochen hatte. Die Öffnung war etwas zu schmal, weswegen ich sofort zu bereuen begann, daß ich nicht ins Dreieck gegangen war, um zwei, drei Flaschen Schwarze Milch zu trinke und den Frauen beim Tanzen zuzusehen. Ich erinnerte mich sogar an das lichtüberflutete Gesicht der Vortänzerin, die sich Tantaloú nannte. Ich muß eine Ahnung davon gehabt haben, daß es angenehmere Freizeitbeschäftigungen gab, als mein Hobbyverbechertum. Ich ließ mich in den Raum hinabgleiten. Während ich meine Stoffmaske überzog (wie ein Profi, guter Gott), rotteten sich auf dem Gehweg vor dem Haus ein paar Jugendliche zusammen, um irgendeine dämliche Diskussion vom Zaum zu brechen. Ich konnte sogar verstehen, was sie sagten, es ging um Band, von der jeder wußte, daß sie eine Simulation war, nur eben die bescheuerten jugendlichen Fans nicht, die da oben lautstark über die idiotischen Texte ihrer künstlichen Idole stritten. Ich hätte sie alle erschießen können, gleichzeitig machte ich mir vor Angst fast in die Hose, und fand diesen Zwiespalt der Gefühle auch noch originell und intensiv. Als sie endlich verschwunden waren, hatte sich der erste Staub gelegt, der mit der verdrängten Luft durch meine tolpatschigen Bewegungen aufgewirbelt worden war. Ich war drin. Ich war glücklich.

Celfa war ein mittelmäßiges Sündenbabel am Rande des Randes, eine Randhauptstadt sozusagen, die letzte Abfahrt vor der Wüste. Celfa bestand hauptsächlich aus völlig verzettelten Subzentren und Stadtteilen, die zu dem nichtssagenden geographischen Zentrum des Stadt, das von einigen antiken Säulen markiert wurde, keinerlei Bezug hatten, wie auch die Menschen der verschiedenen Viertel einander völlig fremd waren. Der kleinste gemeinsame Nenner der Bewohner Celfas war die Tatsache, daß sie alle von fossilem Wasser lebten, und das bedeutete, daß Celfa eine sterbende Stadt war, und das Bewußtsein ihrer Bewohner ein Bewußtsein von Durchreisenden. Mag sein, daß die Durchreise noch zehn oder zwanzig Jahre dauern würde, aber dann mußten die Sachen gepackt sein. Jeder konnte zum Großen Spiegel fahren, über den die Militärpolizei mit ihren leichten, lichtdurchlässigen Gespinsten dahinschwebte, jeder wußte, daß das schmutzgraue Recyclingwasser letztendlich nicht ausreichen würde, und niemanden interessierte es. Man erzählte sich in den "europäischeren" Vierteln, daß mancherorts in der Banlieue, die genausowenig ein Rand wie das Zentrum ein Zentrum war, nicht einmal Fusion gesprochen wurde. Also war die allgemeine Sprache des PLANS nicht Teil des kleinsten gemeinsamen Nenners in Celfa. Was sprachen die Leute in der Banlieue dann, wenn sie Fusion nicht beherrschten? Die Gerüchteköche zuckten mit den Schultern. Vielleicht stimmte es ja auch gar nicht. Aber allein die Tatsache, daß es glaubhaft war, sagte genug. In den arabischen Vierteln herrschten arabische Sitten. In den europäischen europäische. Es gab L.A. (Little America) und Chinatown. Es gab 162 Ethnien in der Stadt, die Polizei hatte sie alle gezählt und abgeheftet. Wer mit anderen Leuten Handel treiben wollte, sprach Fusion. In vielen Vierteln gab es Leute, die aussahen, als würden sie gar nicht mehr viel sagen. Letztendlich kam man vielleicht sogar ohne das ganze Gequatsche aus.

Es ist vielleicht übertrieben, zu behaupten, daß allein das Wasser den kleinsten gemeinsamen Nenner in Celfa darstellte. Da gab es immerhin noch andere Sachen, wie zum Beispiel Cola und Tabak. Der Konsum von Cola war überall der gleiche. Das weiß ich ganz sicher, denn wenn ich nicht aus Langeweile in Wohnungen einbrach, die arm genug aussahen, um ungesichert zu sein, verkaufte ich Cola. Und Tabak war in allen Vierteln frei konvertierbar, auch in den islamistischen und den Anti-Raucher-Neighbourhoods. Ach ja, und überall war Polizei.

In vielerlei Hinsicht war Celfa stinklangweilig, andererseits war es sehr erstaunlich. Obwohl es von Dummschwätzern das San Angeles der alten Welt genannt wurde, waren innerstädtische Kriege in Celfa unbekannt. Das mochte daran liegen, daß Celfa bedeutend kleiner war als San Angeles, oder daran, daß weniger illegale Waffen unterwegs waren (auch wenn man ohne große Probleme an sie herankam), oder an der Tatsache, daß jeder dritte Einwohner Celfas in der Sicherheitsindustrie arbeitete. Oder an was auch immer, Tatsache war: Celfa war kriminell, aber nicht selbstzerfleischend. Videospiele wie Inner City Wars II und die regelmäßigen Sportnachrichten aus den zeitgenössischen Bürgerkriegen waren sehr beliebt, aber anstatt sie nachzustellen, trank man lieber Pfefferminztee. Gelegentliche Zornesanwandlungen unterdrückte der PLAN mit Polizei und Liebe. Die Assekuranz hatte aus dem Orbit wohl einen besseren Überblick als die Politiker von damals. Wie schon gesagt, mittelmäßiges Sündenbabeltum. Man konnte da leben. Man mußte aber nicht. Celfa ist gar nicht so schlecht, sagten sich die Leute, wenn das Wasser wieder einmal rationiert wurde. Oder, im verschärften Fall: Celfa ist überall. "Kann ja nicht wahr sein", antwortete ich dann manchmal. Was gab es in Celfa noch, außer schmutzigem Wasser, Cola, Tabak und Polizei? (Und den rissigen Lehmbauten, glasglänzenden Wolkenkratzern, aufwendig bewässerten und ständig mehr versalzenden Parkanlagen, dem ubiquitären Staub, den ein speziell benamter Wüstenwind in die Stadt trug, als sei er dazu vertraglich verpflichtet, usw. usf.) Es gab Orte wie das Dreieck. Die schwarzen Löcher des mittelmäßigen Sündenbabels. Wo die Kriminellen waren, um sich konzentriert von den Polizisten überwachen zu lassen, bis man die Rollen getauscht hatte. Ich wurde von einem jungen Verbindungsoffizier der Militärpolizei, der im Dreieck immer in einer Kriminellenuniform auftauchte (Lederschick, Messerklick) so lange umworben, bis ich ihm gegenüber glaubhaft behauptete, ich habe schon einen Beratervertrag bei der GESIPO.

"Zwei Hochzeiten, du weißt schon".

"Du und Sitte?", fragte er mich erstaunt. Und ich drehte mich nur um. Danach konnte ich weiterhin Colaverkäufer sein und gleichzeitig einer der üblichen Lumpenhunde, die Tantaloú beim Vortanzen mit kleinen Tabakbriefchen bewarfen. (In manchen war genug für eine Zigarette, in anderen nur Straßendreck oder Rattengift). Ich wollte eine Zeit lang etwas besonderes sein und warf mit gestohlenen Blumen nach ihr (man sagte, sie nehme manchmal jemanden mit nachhause). Dann sagte sie zu mir recht streng: "Mein lieber Junge, wenn du schon was werfen mußt, dann soll es auch einen Wert haben." Also warf ich wieder Tabak. Das Dreieck war im Grunde so langweilig wie ein toter Hund. Langweiliger, es stank nicht einmal. Wenn Tantaloú et leurs amis alt wurden, würden sie durch eine neue Tittentruppe ersetzt werden, Stück für Stück. Wenn die Bullen versetzt wurden, kamen die jüngeren Kollegen (für manche der alten Triefnasen gab es Abschiedsfeiern mit Live-Musik). Wenn die Kriminellen einen knastologischen Abgang hatten, warteten schon zwei oder drei Trottel, um geschäftlich in die Bresche zu springen. Makro- wie mikrokosmisch ein gut geordnetes Gemeinwesen. Immer was los, immer dasselbe, ein lokales Sprichwort im Dreieck. Darauf antwortete ich oft: "Manchmal aber auch nicht." Wenn dir der Arsch gewischt wird, frag doch nicht von wem. Anderes lokales Sprichwort, zu dem mir nie eine originelle Antwort einfiel. Khaled, der sozusagen mein Hehler war, weil ich ihm den dürftigen Plunder anschleppte, den meine dilettantischen Streifzüge erbrachten, sagte zu mir:

"Du bist der schlechteste Einbrecher, den ich kenne. Der Dreck, den du mir anschleppst, das ist doch bei deiner Mutter geklaut. Willst du nicht mal was anderes machen?"

"Demnächst sattle ich um", sagte ich dann immer. "Getränkegroßhandel in der Wüste. Und Tiernahrung für Heuschrecken."

Khaled kam einmal die Woche mit einem blankgewienerten Wagen, der eigentlich zu klein für einen Chauffeur war. Man sagte, er wohne auch in der Karre und müsse dem Chauffeur namens Bob für seine Dienste täglich einen blasen. Verzwickte Beziehungen gegenseitiger Gunst. Khaled begegnete solchen Gesprächen stets mit einem Schütteln seiner Hand. Wenn die Hand dann wieder stillstand, hielt sie ein erstaunlich langes, stumpfgraues Skalpell. Unter deine Nase. Und so hieß er auch in der Szene: die Nase.

Ich kam aus einem Kaff nach Celfa, das nicht einmal einen Namen verdient. Die ökologische Verseuchung durch Langeweile in dieser Ansammlung von hungrigen Geistern war so groß, daß manche Menschen sich ins Meer stürzten, nur um mal was zu erleben. Ich hatte Bruchstücke einer völlig verfaulten und idiotischen Schulbildung genossen, die mich dazu berechtigt hätte, als dreizehnter Untertrottel in einem Reorganisierungsprojekt zu vergammeln, als Subhelfer eines Hilfshydrogeologen die Absenkung des gefährlich tiefen europäischen Grundwasserspiegels zu unterstützen, oder mich einfach in die Sonne zu stellen und von Zeit zu Zeit einen Furz zu lassen. Die angeblich heranrückende Wüste hatte die Gehirne der Menschen stärker verwüstet als alles andere, meines eingeschlossen. Die Assekuranz beobachtete aus dem Orbit die Ausbreitung der Wüste, wie konnte man da ihren Maßnahmen widersprechen? Wurden die Sommer nicht immer heißer und länger, die Winter immer trockener und kürzer, sogar in dem Kaff an der Küste, das keinen Namen verdient? Die Wüste rückte immer näher, kein Zweifel, die Assekuranz tutete diese Ansicht aus allen Lautsprechern, und bereitete den PLAN auf das Verschwinden des Wassers vor. Seltsam nur, daß die Pole immer noch nicht abgetaut und seit einigen Jahren die Töne von der globalen Verwüstung etwas leiser geworden sind. Aber das ist eine andere Geschichte. Da ich also kein Unterteufel in der Behelfshölle werden wollte, und auch nach zwei, drei Fürzen vom Stehen in der Sonne (der "erbarmungslosen Sonne", ihre Assekuranz) genug hatte, kam ich auf die Idee mit Celfa. Ich sagte zu meinem Vater:

"Ich gehe nach Celfa."

Mein Vater sagte:

"Ja und?"

Ich sagte:

"Für immer."

Er entgegnete:

"Ja und?"

Seit er sich nicht mehr traute, mich körperlich zu züchtigen, versuchte er mich durch Gleichgültigkeit zu verletzen. Aber dieses Mittel war aufgrund seiner inflationären Anwendung etwas stumpf geworden. Der Tod meiner Mutter hatte ihm sein Denkorgan genommen, und er wartete den Tag ab, an dem die herbeigesehnte Wüste ihn unter Bergen von feinkörnigen "Ja unds" begrub. Ich ging noch in der gleichen Woche. Ich hatte keine Ahnung, was ich in Celfa wollte. Ich war ein dummer Hund mit einer etwas zu großen Nase. Es wird mir schon etwas einfallen, dachte ich. Und es fiel dann ja auch.

(...)

© Marcus Hammerschmitt, 1998


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