Wind
Eddie hatte zwei Gewehre. Mit einem davon schoß er auf Tontauben, wenn ihm langweilig war. Das Geballer trug zwar manchmal ziemlich weit über die See, aber das war ihm in langweiliger Stimmung egal. Er hatte schließlich auch sein Recht auf Vergnügen. Eddie war mittlerweile trotz seines schlechten rechten Arms ein ganz passabler Tontaubenschütze, denn hier draußen konnte einem schon öfter kotzend langweilig werden. Das zweite Gewehr war eine wirklich gefährliche Waffe, auch über eine Entfernung von zwanzig Metern hinaus. Es war mit Elefantenschrot geladen, 12 kleine Murmeln pro Kartusche. Eine davon konnte einen Menschen kaputt machen, zwei oder drei waren eine sichere Fahrkarte in den Elefantenhimmel. Eddie hatte dieses Gewehr erst wenige Male zu Testzwecken abgefeuert, und zwar auf überflüssige Leuchtbojen, die er von der Plattform ins Wasser hinunter geworfen hatte. Sie waren geplatzt, als hätte er sie gesprengt. Der Rückschlag des Bärentöters hatte ihm jedesmal beinahe das Schultergelenk ausgerenkt, und ganze Ameisenstraßen von Schmerz waren seinen rechten Arm hinaufgekrochen. Wenn er jemand töten wollte, der vielleicht bewaffnet war, dann brauchte er das zweite Gewehr. Er sah aus dem Fenster seiner Kabine. Der Wasserläufer war schon recht nahe. Es herrschte Sonnenschein. Die Windräder kreisten mit dem charakteristischen Zischen, das Eddie auf einmal lauter vorkam als je. Da draußen kam Besuch, den er nicht bestellt hatte. Er entschied sich für das Elefantenschrot.Eddie hatte Probleme mit der Welt, hatte sie immer gehabt. Als Kind schon. Als Jugendlicher verstärkt, bis hinein in Besserungsanstalten für die Kinder von Besserverdienern, bis vor die juristischen und psychologischen Besserwisser, die für Erwachsene zuständig sind, und die sagten: geh in ein geschlossenes Haus. Besser ist das. Dort war es wirklich besser, in gewisser Hinsicht, Eddie bekam eine Ausbildung geschenkt (und das war eines der wenigen öffentlichen Geschenke, die Eddie je angenommen hatte), er bekam dort Rastalocken, die er sich mit Bleichmittel strohblond machte, und er bekam dort die grimmige Art von Zuversicht, die er sich in einem alten Spruch auf den Oberarm tätowieren ließ: Mach die Augen zu, und was du siehst, ist dein. Die Ausbildung, die das geschlossene Haus Eddie vermachte, bestand in weitläufigen Erfahrungen über Windkraftanlagen, zusammenfaßbar zu einem Titel namens Windenergieanlagenmechaniker. Ein zweiter Teil seiner Ausbildung in dem geschlossenen Haus bestand darin, daß er unter ungeklärten Umständen von dem kleinen, fünf Meter hohen Windturm fiel, den das geschlossene Haus sein eigen nannte (10 000 Watt maximal), er lag dann einen Monat im Krankenhaus und hatte danach sowohl einen schlechten rechten Arm, als auch einen leichten Sprachfehler (Lispeln). Sein entfernt lebender Vater bot ihm über die Anstaltsleitung einen neuen rechten Arm an, Eddie lebte lieber mit seinen eigenen Ersatzteilen. (Sein Vater ließ ihn wissen, er habe nichts anderes von ihm erwartet). Als Eddie Angestellter der Impact Offshore Engineering AG, Hamburg, wurde, war er 23. Nach fünf Jahren Dienst auf einer Windplattform in internationalen Gewässern der Nordsee (1 Megawatt) trug er immer noch strohblonde Rastalocken, war er immer noch erfüllt von grimmiger Zuversicht, dachte er immer noch so: die Welt will nicht mit mir spielen, ich spiele nicht mir ihr. Außer organischem Altern war mit Eddie in diesen fünf Jahren unter den kreisenden Rotoren gar nicht so sehr viel passiert, er hatte immer noch keine Frau gehabt, sein rechter Arm war immer noch schlecht, aber er verpaßte kaum noch eine Tontaube, wie sehr ihn der semiintelligente Wurfapparat auch täuschen wollte. Eddie lebte im Zeitalter der Windkraft. Zu Zeiten des Vogelzugs konnte die Plattform übersät sein von Federn, Kadaver fand er seltener, die fielen oft noch ins Meer. Bravo West versorgte zusammen mit den drei anderen seines Atolls eine norddeutsche Kleinstadt mit Strom. Eddie war ein kleiner Fisch am Rande von gar nichts.
Eddie schwitzte, und er haßte das. Der sechsbeinige Wasserläufer lag jetzt dicht an einem der Pfeiler der Plattform an, sanfter Seegang schaukelte ihn immer wieder dagegen, aber das automatische Abstandssystem beschäftigte zwei der sechs Beine mit einem sanften Tanz, der verhinderte, daß das zarte Gebilde an dem Pfeiler zu Schaden kam. Eddie wünschte sich, er hätte das Rauchen nicht erst letzte Woche wieder einmal aufgegeben, das Gewehr wog zu schwer in der Beuge seines rechten Arms. Der Fremde hatte am richtigen Pfeiler fest gemacht, an dem mit dem Lastenaufzug, also kannte er sich mit Windplattformen aus. Der Wasserläufer kroch nun wie eine langsame Spinne an dem Pfeiler hinauf, um seinen Lenker möglichst nahe an die Luke zum Aufzug zu bringen. Unter dem milchigen Glas der Kanzel war undeutlich eine menschliche Gestalt zu erkennen. Der Wasserläufer hielt an der richtigen Stelle. Wenn Eddie jetzt den Aufzug herunterließ, konnte man mit ein wenig Übung sicher von der Kanzel des Fahrzeugs in den Aufzug überwechseln, man konnte aber auch zehn Meter tiefer auf der Oberfläche der Nordsee aufklatschen, vor allem dann, wenn man von einer Ladung Elefantenschrot durchlöchert worden war. Das Problem bestand darin, daß Eddie a) definitiv nicht zur gewaltförmigen Lösung von Problemen neigte b) im Gegensatz zu seinen sonstigen Rückzugstendenzen bisweilen extrem neugierig war und c) absolut keinen geeigneten Schußwinkel finden konnte, weil nämlich die Plattform mehrere Meter über ihre Auflage überkragte und deswegen den Fremden im Moment ziemlich wirksam vor Eddies Schrot schützte. Das Vicom zeigte nun seit einigen Minuten einen bewegungslosen Wasserläufer, der an Pfeiler C der Windplattform Bravo West (Impact Offshore Engineering AG / Siemens / NEW) herumhing, und in dessen Kanzel offenbar jemand wartete. Eddie zappte sich durch die verschiedenen Kanäle, er wollte doch mal nachsehen, ob der Fremde nicht vielleicht noch ein paar Kumpels mitgebracht hatte. Auf diese Art war nämlich Bravo Ost vor drei Monaten von militanten Ökos besetzt und zu Dreivierteln demontiert worden, nachdem der dort zuständige Windenergieanlagenmechaniker unter die Fische gegangen worden war. Aber das Vicom zeigte nur Normalzustände. Graue Strukturen mit aufgemalten gelben Markierungen, Blinkende Signalfeuer, ein leerer und autonom vor sich hin funktionierender Instrumentenstand, sauber getrimmte Ballasttanks, alles in Ordnung. Bis auf Pfeiler C. Wenn der Kerl unbedingt wollte, konnte er dort kleben bleiben bis zum Sanktnimmerleinstag, es sei denn, Eddie fuhr herunter und kratzte ihn höchstpersönlich ab. In dem Aufzug war zwar Platz für drei, aber fürs erste wollte er vor diesem Fremden mindestens fünf Meter Abstand, dafür war im Aufzug kein Platz. Da schien es ihm doch sicherer, den Aufzug hinunterzuschicken, und den Kerl auf diese Art vor das andere Ende seiner Flinte zu holen, denn hier oben war er wirklich am Drücker, wenn es sein mußte, und nicht umgeben von Querschlägerstahl. Eddie ließ den Aufzug herunter. Er hatte einen Plan.
(...)
© Suhrkamp Verlag, 1997