Offener Brief an Martin Walser



Es reicht

Sehr geehrter Herr Walser,

es reicht. Es reicht eigentlich schon lange, aber selbst nach Ihrer entsetzlichen Paulskirchenrede 1998 hoffte ja mancher, Sie kämen doch noch zur Vernunft.

Diese Hoffnung hat sich mit dem von Ihnen fein eingefädelten Skandal um Ihr neuestes Buch zerschlagen. Sie
machen aus dem Trotz der Dummheit eine Tugend - und ein Geschäft. Sie wollen nicht begreifen, in was für einer unverantwortlichen Weise Sie am gesellschaftlichen Klima in diesem Land herumzündeln. Sie möchten gerne mit
dem Feuer spielen, verbrennen sollen sich andere daran.

Wie Sie aus Ihrer gekränkten schriftstellerischen Eitelkeit eine Staatsaffäre machen, indem Sie ein Nichts wie "Tod
eines Kritikers" mit dem Hautgout abgestandener rassistischer Ressentiments würzen, wie Sie den blutenden Sebastian der tiefempfundenen Seelengründelei geben, wie Sie spielen, immer nur spielen und andere die todernsten Folgen dieses Spiels ausbaden lassen: Es widert uns an.

Ihr Dauerflirt mit dem Antisemitismus, Ihre Entlastungs- und Ausweichdiskurse, all die publizistischen Winkelzüge, mit denen Sie sich jeder ernsthaften Diskussion um Ihr Verhalten entziehen, der Geruch nach Altersstarrsinn und
instinktsicherer politischer Gedankenlosigkeit, den Sie um sich verbreiten, die Art, wie Sie nach Ihren immer ausgefeilteren Medieninszenierungen die verfolgte Unschuld spielen; all das ist so unerträglich geworden, dass ein Einspruch erforderlich wird.

Als im Dezember 1998 das Grab von Heinz Galinski zerbombt wurde, drohten Sie mit dem Gang ins Exil, sollte jemand den Anschlag mit Ihrer Paulskirchenrede in Verbindung bringen. Wie ein verwöhntes Kind füttern Sie die Presse auch jetzt wieder mit Umzugsplänen, denn erneut fühlen Sie sich öffentlich mißverstanden, verleumdet und gekränkt - während Sie sich privat ins Fäustchen lachen, daß der Verlag mit dem Drucken kaum nachkommt.

Lassen Sie sich gesagt sein: Wenn Peter Suhrkamp, Uwe Johnson, Max Frisch noch lebten, Sie wären mittlerweile auf dem Weg ins selbstgewählte Luxusexil, und könnten endlich in ihrem ganz privaten Haus Wahnfried Platz nehmen, um weiterhin den Märtyrer der deutschen Geistesfreiheit zu mimen. Lassen Sie sich gesagt sein: Ihre pseudoliterarischen Brandstiftungen, die Ihre neue Klientel so attraktiv findet, wären in einem Suhrkamp-Verlag, der den Namen seines Gründers verdient, nicht willkommen.

Allein, Ihnen scheint es noch nicht zu reichen. Sie sind nun endgültig auf den Geschmack gekommen. Kokett kündigen Sie einer Schweizer Wochenzeitung an, vielleicht noch ein weiteres Buch in der Machart von "Tod eines Kritikers" schreiben zu wollen.

Uns reicht es. Tun Sie sich selbst, der Literatur, dem Publikum, und denjenigen, die sich an Ihren Zündeleien ernsthaft zu verletzen drohen, einen Gefallen: Schweigen Sie.

Marcus Hammerschmitt, Schriftsteller, Tübingen
Hellmut G. Haasis, Schriftsteller, Reutlingen

17.6.2002

Außerdem unterschrieben:

Wolfgang Haug, Verleger, Grafenau/Württ.
Dr. Ernst Mögel, Germanist, Tübingen
Gunnar Schedel, Verleger, Aschaffenburg
Wolfram P. Kastner, Künstler, München


Materialien:

Artikel aus dem "Schwäbischen Tagblatt".

Meine Rezension zu "Tod eines Kritikers"

Artikel von Stefan Ripplinger in der Jungle World

Das Weltwoche-Interview, auf das in dem Brief Bezug genommen wird

Meine Reaktion auf die Paulskirchenrede 1998

Eine sehr gute Einlassung zu Walsers Vernebelungsstrategien



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