"Jüngling, der du, von unsterblichen Lenkerinnen geleitet, mit Rossen, die dich fahren, zu unserem Hause kommst: Sei gegrüßt! Denn kein schlechtes Los hat dich ausgesandt zu fahren diesen Weg - gar weit abgelegen ist er wahrlich von der Straße der Menschen -, sondern Gebühr und Recht. Daher ist es notwendig, daß du alles erfährst, sowohl der wohlgerundeten Wahrheit nie zitterndes Herz, als auch die Meinungen der Sterblichen, in denen keine wahre Gewißheit ist."

Parmenides


Wenn nur der Regen nicht gewesen wäre. Sein rotes Cape schützte ihn nur unzureichend vor all dem Wasser, das ungefragt aus dem Himmel fiel, und seine Hose war bis an den Schritt naß, weil der Wind den zu leichten Saum des Capes immer wieder hochwirbelte, um eine Faust Regen darunterzuwerfen. Er war zu lange so unterwegs, um seine Müdigkeit noch zu spüren, aber hätte er sich an den Straßenrand gesetzt und wäre es nur ein bißchen wärmer gewesen, wäre er auf der Stelle eingeschlafen. "Nicht krank werden", dachte er sich. "Ich kann mir keine Krankheit leisten." Und das konnte er wirklich nicht. Seine Versicherungskarte war leer, und ohne die Karte konnte er nur in eines der Siechenhäuser, in denen man sich Krankheiten holte, statt sie loszuwerden, und die Wassersuppe, die es dort einmal am Tag umsonst gab, konnte er im Moment auch haben, indem er einfach nur den Mund aufmachte. Noch fünfzehn Kilometer. Alkmaion war lange genug zu Fuß durch dieses Land gelaufen, um zu wissen, daß das bei diesem Wetter einen Fußmarsch von dreieinhalb Stunden bedeutete, mindestens. Er biß die Zähne zusammen beim bloßen Gedanken daran. Er faßte nach dem Rucksack. War diese Feuchtigkeit auf der Elastoplan-Oberfläche des Rucksacks Schwitzwasser oder begann es ernsthaft durch das Cape hindurchzuregnen? Er konnte naß werden, er konnte zur Not auch krank werden, aber wenn der Inhalt des Rucksacks feucht wurde, war es vorbei. Freischaffender Künstler. Ja, soweit hatte er sich schon freigeschafft, daß er frei von allem Schutz hier am Straßenrand entlangstapfte, jederzeit in Gefahr, von einem Frachter überrollt zu werden. Naßgeschwitzt hing der Brustbeutel vor seinem Herzen. Auf dem Rücken trug er sein unternehmerisches Kapital. Vor dem Bauch sein Vermögen. "Das nenne ich persönlichen Führungsstil", dachte er bitter. "Mein Unternehmen ist eines, bei dem der Chef noch jeden Winkel der Firma selbst kennt". Alkmaion blieb vor Erschöpfung stehen und schloß die Augen. Im Stehen schlafen können, wie ein Pferd, welch ein Traum. Er hörte den Frachter, lange bevor er ihn sehen konnte. In dem schmalen Graben am Straßenrand, der viel tiefer war als angenommen, hätte er sich beinahe die Beine gebrochen, als er hineinsprang. Er fluchte, als der gigantische Schatten des Frachters donnernd an ihm vorbeirauschte, keine zwei Meter entfernt. Bevor er noch erkennen konnte, für wen der Fahrer unterwegs war, nahm ihm eine Druckwelle aus aufgewirbelter Feuchtigkeit den Atem. Die riesigen roten Rücklichter entfernten sich durch den Nebel, und kurz bevor sie ganz verglommen, hörte Alkmaion, wie der Fahrer sein Nebelhorn betätigte. Alkmaion erschrak und merkte jetzt erst, wie weich seine Knie waren. Hätte er den Frachter nicht bemerkt, wäre er von ihm zerquetscht worden wie eine Fliege. Und das da war ein ziemlich kleines gewesen, gerade noch tauglich für die Landstraße, an der Alkmaion entlangtigerte. Mühsam kletterte er aus dem Straßengraben, um seinen Fußmarsch fortzusetzen. Als er seine normale Reisegeschwindigkeit wieder erreicht hatte, sagte er sich: "Ich bin nicht Alkmaion. Ich bin Jürgen Eitner. Eine Badewanne," dachte er. "Das ist es, was ich jetzt wirklich brauche. Und ein schönes Bett."

Eigentlich hätte er schon in Reichweite des Mundes sein müssen, und er rechnete jede Minute mit dem Einsetzen des leisen Gewispers, aber in seinem Kopf war es still, verdächtig still, und auch der metallische Geschmack, der ihm jedesmal den Gaumen verzinkte, wenn er mit einem Mund in Kontakt kam, war bislang ausgeblieben. Dieser metallische Geschmack war übrigens seine Spezialität, keiner der anderen hatte je etwas ähnliches erwähnt, und nachdem ihm Arignote mild ironisch mitgeteilt hatte, dabei handele es sich wohl um so etwas ähnliches wie eine Zwangsvorstellung, hatte er nicht mehr davon gesprochen. Nicht Arignote. Petra. Bei den letzten fünf Mündern hatte sie eine Nachricht für ihn hinterlassen, und er hatte sich zu fragen begonnen, ob das etwas bedeutete. Die Gruppe verbot den Austausch privater Nachrichten über das Rizom, und deswegen hatten Petras Briefe auch meistens ihre Ansichten zu Fragen der Lehre, Lektürehinweise für das C-Net, Artikel mit Kritiken zu seinen Auftritten und ähnliches enthalten, aber trotzdem, trotzdem, sie waren ihm vorgekommen wie Liebesbriefe. Oder war er schon so ausgehungert, daß seine Seele normale Gruppenkorrespondenz erotisch behauchte? Wollte er Petra haben? Er schüttelte den Kopf. Er hatte nicht einmal bemerkt, daß der Regen nachgelassen hatte. Als er seine Position per Satellitenortung bestimmte, erschrak er zutiefst: Eigentlich war er dem Mund so nahe, daß es in seinem Kopf hätte brüllen müssen. Statt dessen nur weißes Rauschen, die Hintergrundstatik seiner Stimme, kein Signal. Es kam vor, daß Münder zur Fernwartung abgeschaltet, oder daß sie rekonfiguriert wurden, dann meldeten sie sich aber mit einer kurzen Sequenz, die genau dies anzeigte. Von einem Mund, der in Anwesenheit eines Mitglieds völlig stumm blieb, hatte Jürgen noch nie gehört. Münder gingen nicht kaputt. Die einzige Erklärung, die Sinn machte, entsetzte ihn, und deswegen war er nicht bereit, sie unbewiesen zu akzeptieren: Jemand mußte den Mund ausgegraben haben. Das Rizom war das strengste Geheimnis der Gruppe. Die Engel zerbrachen sich schon ewig den Kopf darüber, wie die Mitglieder der Gruppe sich untereinander verständigten, aber bisher war es ihnen nicht gelungen, das Rätsel zu lösen. Bisher. Jürgen sah sich verstohlen um, er fühlte sich mit einem Mal beobachtet. Wilde Wolken am Himmel, ein schmaler Streifen Wald aus jungen Bäumen, der sich der Straße entlangzog, das nasse Teerband ins Tal hinab. Es war mit einem Mal so still, daß er das Wasser von seinem Cape herabtropfen hörte. Seine Gummistiefel quietschten. Absurderweise spürte er in diesem Moment, daß er immer noch Fußpilz hatte, er würde wohl doch langsam ein Medikament besorgen müssen. Er war völlig allein. Außer den Satelliten über seinem Kopf sah ihn niemand. Keine Gefahr drohte. Aber der Mund war verschwunden. Wenn er nicht verschwunden war, dann war er stumm, und das war genauso beunruhigend. Verunsichert setzte er sich wieder in Bewegung.

In der gewaschenen Luft war der Galgen von weitem sichtbar, genauso der leblose Körper, der an einem Strick von dem Gerüst herunterhing. Das Wetter verbesserte sich zusehends, der Himmel war jetzt fast wolkenlos. Jürgen starrte in das Tal hinunter, und dort unten, auf der Krone eines sanften grünen Hügels, stand ein Galgen mit einem Gehenkten daran. Die Straße führte sehr nahe an dem Galgen vorbei, sie maß fast eine halbe Kreisstrecke am Fuß des Hügels ab, um dann nach Westen abzubiegen. Wenn er auf der Straße bleiben würde, was eigentlich sein fester Vorsatz gewesen war, dann würde er sich die Leiche in aller Ausführlichkeit ansehen können. Jürgen begann zu bedauern, daß er den Vertrag nicht aufgelöst hatte, wie es sein erster Impuls gewesen war an diesem grauen, verregneten Morgen. Es war also wahr. Auch in Süddeutschland fanden wieder Hinrichtungen statt. Eigentlich hatte man geglaubt, die Lynchepidemie sei im Niedergang begriffen, aber seit einiger Zeit mordete es sich im Norden wieder fröhlicher, und scheinbar wollte der Süden in dieser Frage nicht hinterherhinken. Das war nicht der erste Gehenkte, den Jürgen gesehen hatte, er war ja sogar bei einigen "legalen" Hinrichtungen als Zuschauer dabeigewesen, aber daß er vorhin den Mund nicht hatte kontaktieren können, und daß er jetzt auf diese Szenerie hier traf, war ein bißchen zuviel Pech für einen Tag. Er bückte sich und tastete nach dem Messer in seinem Stiefel. Es saß locker in dem versteckten Heft an der Innenseite des Stiefelschafts und ließ sich leicht ziehen, aber das beruhigte ihn nicht sehr. Als Tänzer war er gleichzeitig ein passabler Messerkämpfer, aber gegen Schußwaffen war er machtlos. Jürgen stöhnte. Mit was für einem Unsinn er sich beschäftigen mußte. Er war ein Künstler, kein Messerstecher. Er hätte zu gerne gewußt, was einen in dieser Gegend an den Galgen bringen konnte: um es zu vermeiden. Vielleicht gab ihm die Leiche ja selbst Auskunft. Als er sie und den Galgen durch sein Fernglas ansah, bemerkte er etwas Weißes, das dem Körper vor der Brust hing. Auch handelte es sich anscheinend um eine Frau. Beides zusammen erhöhte die Wahrscheinlichkeit, daß es sich hier um den Lynchmord an einer "Hexe" handelte. Er würde es bald wissen. In der Ferne, vielleicht noch zehn Kilometer weit weg, Passau. Er mußte sich beeilen, wenn er rechtzeitig ankommen wollte. Der kürzeste Weg zur Stadt führte an dem Galgenberg vorbei. Er hatte gar keine Wahl.


© Marcus Hammerschmitt, 2000

 


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