Target

Leutnant Vo machte keinen Hehl daraus, daß er die ganze Veranstaltung für überflüssig hielt. Für einen Mann, der auf seine asiatische Abstammung stolz war, lehnte er sich mit erstaunlicher Nonchalance in seinem Sessel zurück. Er legte sogar die Hände hinter seinem Kopf zusammen, wie ein Büroangestellter, der in einer Besprechung auf die Mittagspause wartet. Sein Adjutant wirkte um so konzentrierter; wenn etwas schiefging während des Abwurfs, würde er es gewesen sein, der geschlafen hatte. Die Mannschaft hätte gerne mit Vos Lässigkeit gleichgezogen, leider hing ihr Leben von ihrer Aufmerksamkeit ab. Vo würde sie nur in einem Feuerball aufgehen sehen, von der Kommandobrücke aus. Es war schon vorgekommen, daß Atmosphärentaucher einem Berechnungsfehler zum Opfer gefallen waren. Hatte es alles schon gegeben.

"Wir schwenken also mit der Synalpheus um 17.00 Uhr Bordzeit in die Umlaufbahn um Target ein. Lagestabilisierung. 17.15 Abwurf der Satelliten, meteorologische Messungen und so weiter und so fort; danach klettern wir in den Taucher und halten uns startbereit."

"Hm", sagte Leutnant Vo, eigentlich war es eher ein Grunzen. Der Adjutant faltete seine Hände. Seine Augen waren weit geöffnet.

"Computer ein. Der Taucher geht auf Betriebsbereitschaft, Instrumentencheck. Triebwerke ein. Nochmalige Umrundung von Target, Überprüfung der meteorologischen Daten, Berechnung des günstigsten Eintrittsfensters, Abwurf."

"Ja ja", sagte Vo und machte mit seiner rechten Hand leicht wedelnde Bewegungen. Die Linke löste sich nicht einmal von seinem Kopf. Ich lag flach auf dem Tisch und zeichnete alles auf. Ich war über die Frechheit Vos sehr erstaunt. Es wurde schon seit einiger Zeit gemunkelt, daß er bald Kommandant der Synalpheus werden sollte. Er mußte sich sehr sicher fühlen, um als Soldat vor meinen Kameras ein solch legeres Verhalten an den Tag zu legen. Wenn man es jetzt bedenkt, mag das einzig komische an unserem Desaster die Tatsache sein, daß es Vo die Karriere gekostet hat. George versuchte Haltung zu bewahren und fuhr so gelassen wie möglich mit dem Szenario für unsere Expedition fort.

"Eintauchen in die Atmosphäre. Wissenschaftliche Routineuntersuchungen, Sonnenwind, Strahlungsintensität, Gaszusammensetzung, etc. etc. Eventuelle Kurskorrekturen. Umkreisung des Waldes, Fotografie. Mannschaftsinternes Kurzbriefing. Statusmeldung an die Synalpheus."

"An mich direkt", sagte Vo und unterdrückte halb ein Gähnen.

"An Sie direkt, Leutnant Ngyen Thong Vo", sagte George mit unterdrückter Wut.

"Eintauchen in die Zentralhöhlung des Waldes. Erreichen des Grundes. Automatische Kalibrierung des Tauchers. Beginn der extravehikulären Aktivität. Beginn von Target II."

George stand auf, ich stoppte die Aufzeichnung. Alles erhob sich von den Sitzen. George wollte mit der Mannschaft schon den Raum verlassen, als Leutnant Vo plötzlich schneidig wie ein Unteroffizier sagte: "Einen Moment noch." Er legte seine rechte Hand auf die linke Brusthälfte und begann die Hymne zu singen. Ich startete die Aufzeichnung wieder, wobei ich die Diodenmeldung darüber auf meiner Außenhaut unterdrückte. Da in Gegenwart eines hymnensingenden Offiziers der Gesang obligatorisch ist, kamen jetzt zwei weitere Hände auf einer linken Brusthälfte zu liegen (die der Frauen lagen flach an der Kombinaht), und die Hymne wurde feierlich zum Vortrag gebracht. Tanja und Sabrina sangen mit Inbrunst eine falsche Melodie, George war immer noch wütend, Benjamin introvertiert und leise wie immer. Nachdem die Katzenmusik geendet hatte, schmetterte der Leutnant ein ironisch-festes "Ich danke euch, Kameraden" in den Raum, und die Mannschaft antwortete ebenso ironisch: "Danke, Kamerad." Diese Grußformel ist Pflicht, wenn die Hymne zum Vortrag gebracht worden ist.

In den endlosen Sonnenuntergängen Targets, die über meine Infrarotsensorfelder kriechen, schaue ich mir diese Aufzeichnung oft an. Wenn ich lachen könnte, könnte ich darüber lachen.

Target I hatte zum Vorschein gebracht: daß der neu entdeckte Planet der Terraklasse (1,10 g mittlere planetare Beschleunigung, atembare Luft, keine natürlichen Feinde für Menschen) ein ziemlicher Haufen Dreck war. Es gab nur eine zusammenhängende Landmasse (von einem humorvollen englischsprachigen Mitglied von Target I "Hope" genannt), die allerdings riesengroß war und fast die Hälfte der Oberfläche des Planeten bedeckte, der Rest war Wasser ("Sea"). Der größte Teil von Hope bestand aus "Steppe". Diese "Steppe" wiederum war von einem Ende zum anderen mit einer Mischung aus Gras, Tang und Flechte bewachsen ("Kraut"), das von den unerschrockenen Kolonisten in die Kochtöpfe getan wurde. Die Fauna von Hope und Sea war kaum der Rede wert und spielte sich hauptsächlich im Millimeterbereich ab. Einige irdische Biologen bestritten überhaupt, daß es sich um Fauna handelte. Biologen, die sich mit Target abgaben, wurden von ihren Kollegen schief angesehen. Der Dreck, auf dem "Kraut" wuchs, war bis in unerforschte Tiefen homogen, das erklärte sich daraus, daß die extrem heftigen "Monsune" und "Platzregen", die sich über "Hope" und "Sea" zusammenbrauten, die weggeschwemmte Erdkrume nur von einer Lagerstätte zur nächsten transportieren konnten. Wo wenig Kraut wuchs, zerschnitten gewaltige Canyons das Land. Der größte Fluß auf Hope ("Ti") war an seinem Mündungsbecken nach einem ordentlichen Wirbelsturm 200 km breit. Das alles war wenig spannend, und die Kontroversen um die Frage, warum Hope nicht schon lange den Weg von Gondwanaland genommen hatte und warum es so wenig Leben auf Target gab (wenn es doch schon überhaupt welches gab), erloschen schon bald nach seiner Entdeckung. Auf Target lebten zu wenig Menschen, als daß sie "Hope" und "Sea" über die Jahrzehnte hin in Hoop und Si hätten umwandeln können. Die tapfere Gruppe von Kolonisten, die Target hatte bezwingen wollen, wurde nach ihrem Scheitern wieder vollständig eingesammelt, und machte danach auf Phereen, dem Therapieplaneten des Sektorensysndikats, ermutigende Fortschritte.

Es gab zwei Dinge, die Target trotzdem interessant machten. Die Sektorenflotte des Syndikats brauchte wegen der andauernden Kriege mit den T’sai dringend Planeten wie Target zur Erprobung ihrer planetaren Waffensysteme. In einer hohen Umlaufbahn um Target entstand bald der größte Soldatenpuff des Sektors, genannt "Paradies". Noch während die Siedler unten auf Target zu siedeln versuchten, kam es regelmäßig dazu, daß etwa ein Viertel von Hope mit den jeweils neuesten Waffensystemen gegrillt wurde. Das Kraut erwies sich gegenüber Pulslasern, Gasen, Mikrowellen und dem ganzen anderen Riesenspielzeug als so resistent, daß in der Tat nicht einmal groß von "Zerstörung" geredet werden konnte. Die potemkinschen Dörfer und Städte, die die Leveller-Legionen bei Landemanövern dem Erdboden gleichmachten, störten sowieso niemand: Sie wurden aufgebaut, um in Rauch aufzugehen. Zwar errechneten die Wettersatelliten nach Aufnahme der Manöver eine Zunahme der Wirbelstürme um schwache drei Prozent, aber solange die Kolonisten da waren (Paris/Target), wurden sie gewarnt, wenn Manöver oder Wirbelstürme anstanden, und als sie nicht mehr da waren, war auch das nicht mehr nötig. Den Militärs behagte das Verschwinden von Paris/Target sehr, konnten sie doch danach ihre überirdischen Nukleartests nach Target verlegen. Nuklearversuche waren nach recht alten Verträgen mit dem Nachbarsektor verboten, aber mit dem Nachbarsektor gab es um einige Sonnensysteme an den Raumgrenzen immer wieder kleinere Scharmützel, also wurden die Protestnoten der Nachbarn immer gleich gelöscht. Target wurde der Manöverplanet des Sektorenflotte, basta. -- Er ist es bis heute. Target ist ein idealer Schießübungsplatz für den ewigen Krieg mit den T’sai, deren elegante silbrig schimmernde Dosenöffner sich immer noch schwarz verfärben, wenn sie über einer Stadt auftauchen, um sie flockige Krümel aufzulösen. Die T’sai sind in Menschen, vor Hunderten von Jahren mit gestohlenen Schiffen an den Rand der Galaxis ausgesiedelt, was ich aber auch nicht immer wußte. Die Sektorenflotte schützt die Interessen des Syndikats. Das Syndikat beutet strahlende Erze in rauhen Mengen aus. Die Sektorenflotte verbrennt damit regelmäßig einen kleinen Teil von Target zu Asche. Geschlossener Brennstoffkreislauf. Das Target der Nachbarn heißt A5, dort interessiert eine halbintelligente Art von lebendgebärenden Mollusken auch nur die Tierschützer. Und nimmt man auf Target etwa keine Rücksicht? Wegen der zweiten Sache, die es interessant macht? Oh doch. Der Wald wird nicht gegrillt, bombardiert, verseucht, verbrannt. Der Wald ist ökologisches Sperrgebiet. Deswegen, und weil Target II abgeschrieben ist, und weil Leutnant Vo einen Fehler gemacht hat, werde ich hier unbehelligt liegen, bis ich sterbe. -- Der Wald: ein Gebiet so groß wie die iberische Halbinsel auf der Erde, so dicht bewaldet, daß sich Target I nicht hineingewagt hatte, eine Gebirge von einem Wald, sanft ansteigend bis zu einer Gipfelhöhe von 5000 Metern, ein einziger Dschungel von der Größe eines kleineren Subkontinents, an seinen Rändern wie mit einem Messer vom Umland abgegrenzt, auf dem nichts als Kraut wächst. Der Wald, der Dschungel, der Waldberg hat einen Krater, der hinabreicht bis auf Meereshöhe. Kurz vor Target I, der ersten wissenschaftlichen Expedition nach Target, hatten automatische Sonden den Krater zu erforschen versucht (im Wald selbst konnten sie schon gar nicht manövrieren), und die, die zurückgekommen waren, hatten eigenartig glatte Kraterwände aufgezeichnet, einen völlig dunklen Kraterboden, das Dunkel durchzuckt von undefinierten Lebensformen. Eine Tiefsee ohne Wasser. Als Target I damals zurückkam, mit diesem vollkommen ernüchternden Bericht, der besagte, daß außer dem Wald an Target wissenschaftlich nichts dran sei, sagten die Militärs:

"Was ist mit dem Wald, wir hören immer nur Wald?"

Die ökologisch interessierten Mitglieder des Syndikatsrats sagten: "Genau. Das wüßten wir auch gerne, was damit ist. Laßt uns aus dem Wald eine ökologische Sperrzone machen."

Die Militärs knirschten mit den Zähnen, und schworen sich, bei der nächsten Gelegenheit den Wald "unabsichtlich" derart heiß zu röntgen, daß nichts mehr von ihm übrigblieb. Die Ökologen ließen das nicht zu, arrangierten sich aber damit, daß der Planet der Kasernenhof des Sektors war, wenn nur der Wald keinen offensichtlichen Schaden litt. Dann kam ein relativer Friede, und die Ökologen trieben bei den Militärs ihre Schulden ein. Target II wurde aus der Taufe gehoben. Wir sollten den Wald erforschen.

(...)

Target © Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1998


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