Das Schlimmste ist Schweigen (Auszüge)

Ein Gespräch zu zehn Jahren Künstlergruppe Holzmarkt

- Schwäbisches Tagblatt, 20.07.05 -


TÜBINGEN. Vor zehn Jahren gründete sich die Künstlergruppe Holzmarkt ebendort, am Ort der damals hier ansässigen Lyrikbibliothek. Die Lyrikbibliothek ist inzwischen in Leipzig, die zehn Tübinger Schriftsteller (darunter auch zwei Maler) treffen sich aber immer noch, einmal im Monat, jeweils bei einem anderen Gruppenmitglied, um sich gegenseitig die neuen Arbeiten vorzustellen. Daneben finden immer wieder öffentliche Lesungen statt. Zum Zehnjährigen ein Versuch via Interview, das Phänomen „Künstlergruppe Holzmarkt" etwas zu erhellen.

TAGBLATT: Und wie läuft das jetzt ab an so einem Abend (...)?

Marcus Hammerschmitt: (...) Bei uns ist es eine schöne Balance zwischen Empathie und Sadismus.

Peter Hoffmann: Wenn ich vor dem Holzmarkt was vorstelle, bin ich mindestens so nervös, fast sogar nervöser als wenn ich öffentlich lese.

Hammerschmitt: Ja, weil man nämlich genau weiß: Das sind alle höfliche Menschen, aber wirklich Pardon gibt's nicht.

Michael Kapellen: Wir sind kein Streichelclub, der sich gegenseitig ablobt.

Michael Herrmann: Jeder von uns ist mindestens schon einmal baden gegangen mit irgendwas.

Hammerschmitt: Und das Schlimmste ist Schweigen. Das ist mir zweimal passiert. Und ich bin total frustriert nachhause gegangen und dachte: Du bist durchgefallen! Scheiße!

TAGBLATT: Und du hast den Kommentar der anderen nicht eingefordert?

Hammerschmitt: Ich wollte mein Schicksal nicht herausfordern.

(...)

TAGBLATT: Was bedeutet die Holzmarktgruppe denn für euch?

Kapellen: Ich finde ganz wichtig das Rausschauen über den eigenen Tellerrand. Es gibt ja ganz unterschiedliche thematische Schwerpunkte. Beim Peter ist das zum Beispiel die chinesische Literatur, aus der er dann was erzählen kann. Er hat auch schon mal einen Abend über Tusch-Malerei gemacht. Oder wenn Jürgen über seine Maltechniken berichtet oder Marcus was über Weblogs (...). Oder der Catull- Abend, den Jörg Hirsch gerade vorbereitet. Solche Sachen sind ungemein bereichernd.

Hoffmann: Es ist nicht so einfach, jemand zu finden, der auf dem Niveau ist und weiß, wovon man redet. Das soll nicht hochnäsig klingen. Aber die einen reden beim Tennis über die Rückhand. Wir hier halt über andere Fragen. Und das hilft oft sehr weit. Dass ich zum Beispiel mal seh, Mensch, das ist aber ein Kniff! (Zu Hammerschmitt:) Wenn du zum Beispiel so trocken anfängst und dann mit so einer überraschenden Wendung einen Text hochjuxt, das ist jedes Mal so klasse!

Herrmann: Leute, die selber schreiben, lesen halt auch anders. Nicht besser, aber anders.

Jörg Hirsch: Bei mir ist es so, dass ich die ästhetischen Fragen, die ich habe, wenn ich schreibe, die finde ich nirgends, höchstens in Fachzeitschriften, aber das ist ja kein lebendiges Diskussionsforum.

(...)

Kapellen: Wir haben ja (...) ziemlich unterschiedliche Schreibstile.

TAGBLATT: Extrem unterschiedliche Stile, jedenfalls für einen Außenstehenden. Wie geht das zusammen? Wie könnt ihr da zu den Texten der anderen überhaupt was sagen?

Herrmann: Das ist vor allem eine Vertrauensfrage und über Jahre gewachsen. Also man weiß, wenn da was Kritisches kommt, dann ist es nicht, weil einer einen schlechten Tag hat. Sondern wir sind befreundet miteinander und können uns drauf verlassen, dass das ehrliche Statements sind. Dann beruht das auf Gegenseitigkeit. Der andere wird auch wieder was von sich preisgeben. Und außerdem: Mich interessiert, was genau diese paar Leute dazu sagen, mehr als das, was möglicherweise irgendein Professor oder irgendein Kulturkritiker oder wer auch immer dazu verlauten lassen würde.

Hoffmann: Ich denke, es ist ein allgemeines Interesse an der Kultur. Man kann nicht sagen, das und das ist Literatur, aber wenn man so und so schreibt, dann ist man draußen und es ist keine Literatur. In meinen Augen widerspricht das dem Grundgedanken von Literatur, von Kunst.

TAGBLATT: Dann widersprechen aber viele Künstler dem Grundgedanken der Kunst. Die können doch oft gar nicht aus ihrer Haut raus und andere Richtungen honorieren oder überhaupt bewerten.

Hoffmann: Ja schon, aber das kann für uns kein Vorbild sein.

Hammerschmitt: (...) Wir antworten mittlerweile irgendwie aufeinander. Das hört man nicht gleich. Es gibt aber (...) gemeinsame Punkte: Pathos und Absurdität in einem, davor hat keiner von uns wirklich Angst, das machen wir. Dann die gebrochene Natur. Und schließlich ein Interesse am Flexibilisieren von Grammatik. Dass wir gucken, was da in den kleinen Falten und Nischen der Grammatik noch so vor sich geht.

(...)

TAGBLATT: Die meisten eurer Lesungen sind ja nicht-öffentlich.

Kapellen: Also grad in den letzten Jahren haben wir mehr gemacht als unsere jährliche Lesung (...).

Herrmann: Wir sind keine Vielschreiber, die irgendeinen Saft rauswürgen - die Sachen sollen gut abgehangen sein. Andererseits wollen wir immer neue Sachen präsentieren. Also nicht so aus der Schublade, ach, vor fünf Jahren hab ich doch auch schon mal was geschrieben, was ganz gut war.

TAGBLATT: Ich meinte weniger die Zahl eurer Auftritte, ich meinte: mehr Krach machen.

Hammerschmitt: Ah, mehr provokante, radikale, subversive Kunst. Das liegt uns halt nicht, dieses Remmidemmi, diese Pseudoavantgarde.

Herrmann: Gut, es gibt ja Möglichkeiten, das Ganze peppiger oder unterhaltsamer oder bunter zu gestalten. Ob buch & bühne oder Ohrmacht oder was weiß ich. Davon gibt's hier halt ein Überangebot. Oder Poetry Slams.

Hammerschmitt: Sollen wir das mal machen, den Holzmarkt-Slam? Das ist doch die Idee! (Ein paar Szenarien passieren Revue)

Herrmann: OK, wir denken das jetzt schon mal weiter und verwerfen es dann.

TAGBLATT: Wie wollt ihr das 25-jährige feiern?

Hammerschmitt: Im Münchner Olympiastadion.

Herrmann: Ich würde jetzt nicht so tief greifen.

(...)

Fragen: Peter Ertle



[Tonspur: Mulch] [Texte] [Home]