Nicht schlafen, weil noch jemand kommen kann

- Schwäbisches Tagblatt, 30.12.03 -


Die Künstlergruppe Holzmarkt hat ihre erste gemeinsame Publikation vorgelegt

TÜBINGEN (pme). Was ihre Ausbildungen und Brotberufe angeht, haben wir es mit Literaturkritikern, Literaturwissenschaftlern, freien Journalisten, Schauspielern, Philosophen, Soziologen, Theologen, Kunstwissenschaftlern, Professoren der Behindertenpädagogik oder solchen für chinesische Literatur, Redakteuren, Lehrern und wenigen hauptamtlichen Künstlern zu tun (diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit). Was sie eint, sind ihre künstlerischen Ambitionen. Von den zwölf Holzmärktlern (hauptsächlich Schriftsteller, aber auch die angrenzenden Künste spielen herein) publizieren die einen bereits seit Jahren; und bei den anderen wäre dies zumindest denk- oder wünschbar, will sagen: es gibt da eine spürbare Ernsthaftigkeit, ein Niveau. Seit 1995 treffen sie sich regelmäßig, am Ende eines jeden Monats, dann werden eigene Arbeiten vorgestellt, seit Dezember 1999 auch jährlich einmal im Atelier Jürgen Klugmann. Lesungen haben sie schon viele veranstaltet. Eine gemeinsame Publikation aber gab es bislang noch nicht.

Eine Liebhaberangelegenheit

Nun gibt es "Holzmarkt", den ersten Band der Gruppe. Es handelt sich um eine Blattsammlung im Kartonschuber, nein, es ist eine richtige kleine Kiste, die man also erstmal erwartungsvoll öffnet, um darin auf zehn Mal zwei gefaltete und ineinandergelegte Blätter, also acht Seiten pro Künstler zu stoßen. Ein Künstlerbuch, eine Liebhaberangelegenheit, durchnummeriert (200 Exemplare) in Schlichtheit und sorgsamer Aufmachung sich wohltuend von der glänzenden Alltagsware unterscheidend.

Zu den Künstlern und ihren Präsentationen: Da ist Marcus Hammerschmitt, der schillerndste aus der Gruppe, bei dem man sich allmählich fragt, was er eigentlich nicht kann, nicht macht. Hammerschmitt, vor allem durch Science-Fiction-Bände und einen Essayband zur Esoterik (alles bei Suhrkamp) bekannt geworden, präsentiert diesmal: Einen saumseligen Tagtraum, dann ein nachbarliches Mini-Porträt, dann zweisprachige Gedichte, wirklich schöne, mit vielen literarischen Anklängen. Der "Aufsatz Werkstoffkunde" ginge fast und vom Titel her sogar gänzlich als echter Enzensberger durch. Dem wunderbaren Schlusssatz aus "Der Brief des Nachtportiers": - "Ich darf nicht schlafen, weil noch jemand kommen kann" - kommentieren wir nickend: "Einer muss wach bleiben." (Und schon versteht der Rest der Welt wieder nichts mehr.)

Veritable Poesie

Einige von Brita Hempels bösen, absurden, verstörenden und hochkomischen Texten wurden ja schon bei der diesjährigen Gutenachtgeschichte vorgestellt und mit auffallend viel Applaus bedacht. Vielleicht darf man sich hier mal der Publikumszustimmung anschließen, ausnahmsweise, denn, um es matt kalauernd zu sagen: Die meisten Texte der Holzmarkt-Künstler sind nicht aus jenem Holze, das große Popularität verspricht und hofften sie dies, sie wären auf dem Holzweg.

Das gilt auch für Michael Herrmanns Gedichte und Prosa. Seine "Schnittstelle" darf das bei jeder Ungelegenheit herumgeschmissene Attribut "kafkaesk" durchaus beanspruchen. Sein eigenartiger "Directors Cut" ist ein schwer durchschaubares Ding aus Fantasy (?)- und autoreflexiven Elementen, angeregt womöglich durch Bennschen Bewußtseinsrauschquark, wer weiß? Seine Gedichte veranlassen die Synapsen der Leser stellenweise zu heftigen Nervenreizen: doch, das ist veritable Poesie.

Jörg Hirschs "Baumstück" in sieben Bühnenbildern ist Muster einer weltabgewandten, reinen und hellen Diesseitigkeit, paradox. Das Weltgetriebe ist fern, wie die Stadt Bagdad, die doch auftaucht in diesem Stück Naturbetrachtung, konkret und symbolisch zugleich. Das kreuzt mitunter Robert Walsers Umlaufbahnen oder Peter Handtkes Herbeischreibungen der schönen, langen Weile. Eine Prosa wie eine Wanderung, auf der Suche nach unangestrengten Satzpreziosen, einer anderen, treffenderen Sprache, also auch Welt. Aber: "Man findet keine Worte. Das werden Sie mir wohl ansehen".

Hans Peter Hoffmann, durch Gedichtbände und zuletzt den Roman "Der Nichtstuer" in Erscheinung getreten, steuert eine Sammlung gedankenreicher Notate bei, Reflexionen, Assoziationen, Verdichtetes: "Ein Gedicht müßte so sein, daß einer sich schämt. Und einmal nichts sagt, nichts schreibt, nichts schweigt. Wie ja auch keiner den Baum deutet, den ersten Schluck Bier nach den Wüsten des Tags und den Schatten, in den er sich flüchtet. So müßte es sein. Aber keine Chance. Sie tun es. Entlauben den Wald, pissen an Hölderlins Grab, verschenken Gesamtausgaben wie Kernseife."

Zunächst Torhüter

"Auch Albert Camus, Vladimir Nabokov und Che Guevara waren zunächst Torhüter gewesen." Wer es schafft, in einem Text über "Gmünd und sein Umgebung" zu dieser Feststellung vorzudringen, hat besondere Beachtung verdient. Die Lektüre von Michael Kapellens Reisenotaten über Gmünd erhellt, was gängigen Reiseführern fehlt: Ein subjektiver Blick, ein Fenster auch auf entlegenere Details, eine Sprache, die einen zum Weiterlesen animiert, eine völlig untouristische Unaufgeregtheit. Und weil dies so ist, ist "Gmünd und seine Umgebung" eben kein Reiseführer sondern Reiseschriftstellerei. Beate Schmeichel-Falkenberg stärkt in einem auszugsweise abgedruckten Essay der Ungeschicklichkeit den Rücken: "(...) Es gibt einen wunderbaren Ausweg für uns Ungeschickte: Statt als Tölpel, als Trottel dazustehen, entwickeln wir uns zum Spaßmacher, übernehmen die Rolle des Familienclowns, des Klassenclowns. Das bedeutet, die Ungeschicklichkeit, die Unbeholfenheit maßlos zu übertreiben, aus dem Misslingen eine Show zu machen." Oder: "(…) Es waren die Ungeschickten, die die Arbeitsteilung in die Welt brachten. Ohne sie gäbe es keinen Spezialisten, der dem Ungeschickten sagte: Komm, lass es mich mal für dich machen! (…)" Manfred Schmeichel wartet mit vier detailgetreu-naturalistischen, teils photographisch präzisen Zeichnungen auf, die auch aus dem letzten Jahrhundert stammen könnten. Oder dem vorletzten. Doch wo ein sagen wir heutiger Picasso Nachahmer augenblicklich abgestanden-rückwärtsgewandt wirkt, bewegen sich Schmeichels Arbeiten schlicht auf der Umlaufbahn einer bestimmten Technik, zeitlos.

Kapitulationen

Vor Oliver Herwigs "Seen"-Druck meldet der Rezensent, Beschreiber, Wiedergeber und Gedankenhinzutuer vollständige Kapitulation an. Rüdiger Tschachers Texte wiederum sind stark verdichtete, bildmächtige Texte, deren einzelne Bestandteile einem auf der nächsten Seite nochmal in anderer Variation wiederholt begegnen können. "Hörcollagen" nennt das die Gruppe auf dem Inlet mit Kurzbeschreibungen und Biographien. Ja, warum nicht. Tschacher ist Autor, Komponist und Maler (die Mehrfachbegabungen der Holzmarkt-Mitglieder sind auffällig). In einer beigelegten CD-Rom gehen er, Andreas Hoffmann und Jürgen Klugmann denn auch multimedial auf "drei Wegen" spazieren. Ebenda sind auch Jürgen Klugmanns Berg- und Flussbilder zu sehen. Die man denn doch lieber mal im Original sähe als auf dem Schirm beziehungsweise in dieser für Bildende Kunst nicht ganz adäquaten, sonst aber sehr hübschen Text-Edition.

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