Maya-Könige in Spanien
(Ulrich Stolte, Schwäbisches Tagblatt, 2.2.2002)
TÜBINGEN (us). Selten wurde die Weitgeschichte so akkurat gegen den Strich gebürstet. Der neue Roman "Der Zensor" des Tübinger Schriftstellers Marcus Hammerschmitt schildert die späte Rache an der Inquisition. Die indianische Minderheit in Südamerika hat mit Hochtechnologie einen sensationellen Aufstieg zur Weltmacht erlebt. Die Indios vertreiben nicht nur die Spanier aus Südamerika, sondern besetzten im Sinne einer Reconquista die iberische Halbinsel, um dort ein Maya-Königreich zu errichten. Doch auch diese Herrschaft ist im Jahre 2136 (13.6.5.4.17 nach Maya-Zeitrechnungen) an ihrem Ende angelangt und zerbricht unter den Palastintrigen der Mayas, den Interventionen des Vatikans und der spanischen Untergrundarmee. Die Handlung erleben wir aus zwei Sichtweisen: der des Maya-Zensors Yaqui und des Freiheitskämpfers Enrique, doch wird die Ähnlichkeit der Köpfe, der Perspektivenwechsei nicht immer sofort deutlich - vielleicht die einzige Schwäche des sonst hervorragenden Science-Fiction-Romans. Die Hammerschmitt'schen Helden sind immer die Außenseiter in den Systemen. Es sind gehetzte, kaputte Desillusionierte, mental zwischen Bruce Willis und Schwarzenegger, ihr beunruhigendes Innenleben besteht allein aus Sex und Chemie. Obwohl es in den Maya-Tempeln über der abgerissenen Wallfahrtskirche in Santiago de Compostela ständig um Götter und Religion geht, bleibt Marcus Hammerschmitt erschreckend profan: Zeigt die Religionen als Mittel für Imperialismus, Unterdrückung und aller Arten von Unmenschlichkeit. Brillant ist seine Beschreibung der Maya-Gesellschaft und der unterdrückten Spanier. Darüber hinaus bereichert er die Science Fiction mit ein paar netten Ideen. Beispiel gefällig? Ein Gerät, das Gehirne scannt und dann die Todesfantasien der Sterbenden aufzeichnet: "Die Nahtod-Visionen, die sich sein Gehirn kurz vor dem Verlöschen vorgegaukelt hatte, waren interessant. Er wurde nicht von Maria oder Jesus im Himmel empfangen, wie das bei Spaniern üblich war, sondern von einem amorphen Lichtfleck."
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