Implodierender Mummenschanz

(Saarbrücker Zeitung 8.2.2000)


"Interessieren Sie sich für Hypnose, Astrologie, Reiki, Prana-Healing, Rebirthing oder gar die neuesten Channel-Nachrichten aus Atlantis? Wollen Sie Ihre Erfahrungen mit Edelsteinen aus-tauschen? - Dann kommen Sie nach Sedona" - Anzeigen wie diese aus einem Esoterik-Blättchen finden sich heute in fast allen, auch seriösen Zeitungen. "Das Geschäft mit der Suche nach dem Sinn" - es boomt. Kurios oder gar gefährlich? Beides, meint Marcus Hammerschmitt. Der aus Saarbrücken stammende Schriftsteller, der in Tübingen lebt, hat jetzt gegen die "Zumutungen der Esoterik mit den Mitteln des Essays" angeschrieben. Das 100-seitige Büchlein will - wohl gemerkt - kein Ratgeber sein. Hammerschmitt will nicht weiße und schwarze Schafe unterscheiden helfen, auch wenn er am Ende einen nützlichen Diagnose-Fragenkatalog bietet, anhand dessen man überprüfen kann, ob eine esoterische Gemeinschaft als Sekte zu bezeichnen ist. Er sei sich durchaus bewußt, sagt Marcus Hammerschmitt im Gespräch, daß es problematisch sei, Phänomene und Praktiken etwa aus Buddhismus, katholischer Kirche oder schamanistischer Heilkunde unter dem Sammelbegriff "Esoterik" abzuhandeln. Doch ihm geht es darum, vor der allgemeinen Zunahme irrationalistischer Tendenzen zu warnen. Härtefälle wie Satanskulte würden ja zur Genüge in der Skandalpresse geschildert. Aber: "Das sind nur die Spitzen, darunter ist dieser Eisberg aus Unfähigkeit, sich seines kritischen Verstandes zu bedienen". Nicht problematisiert hingegen, so Hammerschmitt, "wird der gute Heilpraktiker um die Ecke, der seinen Kunden für Pendeltherapie 120 Mark die Stunde abknöpft, die Volkshochschule, die Ausfahrten zu Weleda anbietet und Kristallheilung". Daß es jemanden zum Pendelheiler ziehe, findet Hammerschmitt dabei durchaus verständlich: "Meine letzten Erfahrungen mit Ärzten waren schrecklich. Beim Heiler kriegen Sie wenigstens noch Honig ums Maul geschmiert. Wenn einer einen ganzen Menschen mit all seinen Fähigkeiten und Potenzen sieht, das spricht ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Anerkennung an. Und wenn man das ausbeuten kann, dann ist man König." Und Geld läßt sich, wie der studierte Philosoph und Germanist zeigt, mit dem offensichtlichsten Unsinn machen. Mit der richtigen Werbestrategie kann man selbst die eigene Magersucht als Weg für "spirituelle Kriegerinnen" verkaufen. Dabei macht Hammerschmitt auf manche braunen Wurzeln da aufmerksam, wo man sie nicht vermutet: Etwa jene Rassenmystik, die eine der ersten deutschen Tibet-Begeisterten, Helena Savatsky *, zusammenfantasierte. Savatsky wiederum war die geistige Mutter Rudolf Steiners, der ihre "Wurzelrassenlehre" dann in seiner pseudowissenschaftlichen Anthroposophie verankert habe. Es gebe Waldorfschulen, die heute noch im Fach Weltgeschichte die Realexistenz von Atlantis lehren, beweist Hammerschmitt anhand eines Schüleraufsatzes. Warum ist die Zuflucht zur Esoterik heute so groß? "Für mich gibt's 'ne ganz klare Verbindung zwischen dem Auftauchen dieser Kulte und Bewegungen und den Nachrichten über Vodaphone und Mannesmann", sagt Marcus Hammerschmitt. "Es gibt nur noch einen einzigen Wert: Wer ist Sieger in diesem Rattenrennen, wer gewinnt die feindliche Übernahme. Und die enorme Verzweiflung, Einsamkeit, Langeweile und Sinnleere, die das auslöst, die implodiert dann in solchen Mummenschänzen."

(*) Gemeint ist Helena Blavatsky



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