Gary Graham, der sich selbst Shaka Sankofa nannte, wurde in der Nacht vom 22. auf den 23.6. 2000 in Huntsville / Texas per Giftspritze hingerichtet. Davor hatte er 19 Jahre lang in der Todeszelle gesessen, verurteilt für den Mord an Bobby Lambert, den er bis zuletzt hartnäckig bestritt. Zum Zeitpunkt, zu dem er angeblich Bobby Lambert erschossen haben soll, war Gary Graham selbst erst 17. Sein Pflichtverteidiger glänzte während des Mordprozesses durch himmelschreiende Inkompetenz. Nur eine einzige Zeugin identifizierte ihn als den Mörder. Die Kugel, die Bobby Lambert tötete, stammte nicht aus Gary Grahams Waffe, usw. usf. Von einer bewiesenen Schuld kann also keine Rede sein. Schrecklicherweise werden in den USA laufend Menschen hingerichtet, an deren Schuld erhebliche Zweifel bestehen. Dadurch sticht der Fall Shaka Sankofa / Gary Graham nicht so deutlich aus einer Vielzahl ähnlicher Fälle heraus. Sondern durch die Tatsache, daß sich Gary Graham während seiner Haft zu Shaka Sankofa entwickelte. Nicht nur zeigte er deutliches Bedauern für Taten, derer er sich wirklich schuldig gemacht hatte (darunter eine Vergewaltigung und mehrere andere Verbrechen), sondern er entwickelte auch ein starkes politisches Bewußtsein, und interpretierte seine Verurteilung und die Praxis der Todesstrafe in den USA selbst als Teil eines politischen Unterdrückungssystems, das sich gegen die schwarze Bevölkerung richtet. Der menschenverachtende Charakter der Todesstrafe kam bei der Hinrichtung Shaka Sankofas / Gray Grahams sehr deutlich zum Ausdruck. Der sich heftig wehrende Gefangene mußte von einem "cell extraction team" von seiner Todeszelle zur Hinrichtungskammer gebracht werden. Seiner Aussage nach wurde er dabei zusammengeschlagen und auf verschiedene andere Arten mißhandelt. In seinen letzten Worten, buchstäblich auf der Hinrichtungsliege, spricht er von Videobändern, die diese Vorfälle dokumentieren. Die Abschiedsworte von Shaka Sankofa sind der Versuch eines Menschen, im Angesicht eines stinkenden Terrorsystems seinen letzten Rest von Würde zu wahren, und daher bewegen sie mich.

Bemerkung:

Shaka Sankofa / Gary Graham bedankt sich in seine letzten Worten bei den Menschen, die sich für ihn eingesetzt haben. Namentlich erwähnt er Al Sharpton, Robert Mohammed, Bianca Jagger, Jesse Jackson. Die sehr emotionalen Worte, die er an diese Unterstützer richtet, waren schwer zu übersetzen, ich habe mein Bestes getan.

Weitere Infos zu den Hintergründen des Falls, den letzten Stunden von Gary Graham, zu seiner fragwürdigen Verurteilung wegen Mordes etc.:

http://www.wsws.org/de/2000/jun2000/grah-j27.shtml

 

Letzte Worte von Shaka Sankofa / Gary Graham


Übersetzung: M. Hammerschmitt

Ich möchte gern noch einmal wiederholen, daß ich Bobby Lambert nicht getötet habe. Ich bin ein unschuldiger Schwarzer, der ermordet werden soll. Hier geht es um Lynchmord, Lynchmord in Amerika, heute abend. Meine Verteidigung hat überwältigende Beweise für meine Unschuld gesammelt, und sie sind nie vor einem amerikanischen Gericht gehört worden. Was hier passiert ist ein Schlag ins Gesicht jedes zivilisierten Landes und ins Gesicht von jedem, der sich anschaut was hier passiert, und der weiß: es ist falsch. Ich danke allen, die sich hinter mich gestellt haben. Sie haben mich unterstützt. Sie sind diesen Weg mit mir zu Ende gegangen.

Ich sage zu Mr. Lamberts Familie: Ich habe Bobby Lambert nicht getötet. Ihr verfolgt die Hinrichtung eines Unschuldigen.

Ich möchte euch allen da draußen meinen tiefempfundenen Dank ausdrücken. Wir müssen vorwärts gehen und alles tun, um legalen Lynchmord in Amerika unmöglich zu machen. Wir müssen uns überall auf der Welt stark machen für dieses Ziel und wir müssen zusammenkommen um die systematische Abschlachtung armer und unschuldiger schwarzer Menschen zu beenden. Wir müssen unsere Stimme erheben um ein Moratorium gegen die Todesstrafe zu fordern. Wir dürfen diesen Lynchmord heute abend nicht vergessen, meine Brüder. Wir müssen die Nation darüber aufklären. Wir müssen zu dem stehen, an das wir glauben. Viele unserer Anführer sind gestorben. Malcolm X, Martin Luther King und andere, die sich für das Recht eingesetzt haben. Sie haben sich für das Recht eingesetzt. Wir müssen, ihr müßt das auch tun, Brüder, deswegen habe ich euch heute abend angerufen. Ihr müßt diese Bestimmtheit weitertragen. Hier geht es um Lynchmord. Aber sie werden weiter lynchen, für die nächsten hundert Jahre, wenn ihr diese Tradition des Widerstands nicht weitertragt. Wir werden siegen. Es mag sein, daß wir diese Schlacht verlieren, aber wir werden den Krieg gewinnen. Dieser Tod, dieser Lynchmord wird gerächt werden. Er wird gerächt werden, er muß gerächt werden. Bleibt stark meine Brüder, und geht weiter vorwärts.

Ihr müßt wissen, daß ich euch alle liebe. Ich liebe das Volk, ich liebe euch alle für euren Einsatz, für euren Mut, eure Stärke, für eure Würde, die Art, wie ihr heute abend hergekommen seid, und die Art, in der ihr heute abend protestiert und unsere Gemeinschaft demonstriert habt. Die Sklaverei hat uns nicht gebrochen. Die Lynchkampagnen im Süden haben uns nicht gebrochen. Dieser Lynchmord heute abend wird uns nicht brechen. Wir werden vorwärts gehen. Unser Bestimmung in diesem Land ist die Freiheit. Wir werden unsere Freiheit erobern, unter allen Umständen. Egal was es kostet, wir gehen weiter vorwärts.

Ich liebe dich, Mr. Jackson. Bianca, bitte kümmere dich darum, daß der Staat die Finger von meinem Körper läßt. Sorge dafür, daß wir an mich unter dem Namen Shaka Sankofa denken. Ich heiße nicht Gary Graham. Kümmert euch darum, daß die Grabinschrift auf Shaka Sankofa lautet.

Ich sterbe im Kampf für das woran ich glaube. Ich sterbe im Kampf für Recht und Gerechtigkeit. Ich habe Bobby Lambert nicht getötet, und die Wahrheit wird ans Licht kommen. Sie wird ans Licht gebracht werden.

Ich will, daß ihr all dies vor einen internationalen Gerichtshof bringt, Mr. Robert und ihr alle da draußen. Ich will daß ihr und meine Familie einen Prozeß über all dies vor einem internationalen Gerichtshof anstrengt. Es gibt Videobänder davon, wie sie mich geschlagen haben. Sie haben mich in den Rücken geschlagen. Sie haben mich zusammengeschlagen, hier in der Todeszelle. Kümmert euch um die Videobänder, die für diesen Prozeß wichtig werden könnten. Zeigt der Öffentlichkeit den Völkermord und diese Welt aus Brutalität, und laßt sie wissen, was wirklich hier hinter diesen verschlossenen Türen passiert. Ihr müßt an diese Videobänder herankommen. Ihr müßt diese Ungerechtigkeit der Welt zeigen. Ihr müßt ein Moratorium für alle Hinrichtungen verlangen.

Wir müssen vorwärts gehen, Mr. Robert Mohammed. Hochwürden Al Sharpton, ich liebe dich, mein Bruder. Bianca Jagger, ich liebe sich sehr. Du wirst dafür sorgen, daß wir einig sind in unserem Kampf. Hochwürden Jesse Jackson und ich, wir wissen, daß dieser Mord, dieser Lynchmord niemals vergessen wird. Ich liebe dich auch, Bruder. Das ist Völkermord in Amerika. Das ist, was mit schwarzen Menschen passiert, wenn sie aufstehen und sich für Recht und Gerechtigkeit starkmachen. Wir gehen keine Kompromisse ein. Wir lehnen es ab uns zu unterwerfen, weil das Recht auf unsrer Seite ist. Wir werden vorwärts gehen, weil wir auch schon früher stark waren. Wir werden stark sein, ein Volk. Man kann einen Revolutionär töten, aber die Revolution kann man nicht aufhalten. Ihr müßt diese Revolution weitertragen, um unsere Kinder von diesem Völkermord zu befreien und von dem was sie mit mir heute abend vorhaben. Was seit hundert Jahren in Amerika geschieht. Das ist Teil des Völkermords, das ist Teil der afrikanischen [unverständlich], die wir als Schwarze in Amerika zu erdulden hatten. Aber wir werden siegen, wir werden weitermachen. Bleibt stark. Sie können uns nicht alle umbringen. Wir werden vorwärts gehen. Meine Söhne, meine Töchter, ich liebe euch alle. Ihr wart wunderbar. Geht mit erhobenem Kopf. Geht weiter vorwärts. Bleibt vereint. Haltet die Liebe und die Einigkeit in der Gemeinschaft aufrecht.

Unser Sieg ist gewiß. Das Volk wird siegen. Wir werden unsere Freiheit in diesem Land erlangen. Wir werden sie erlangen, was immer es kostet. Wir werden weitergehen. Geht vorwärts, Brüder! Geht mit erhobenem Kopf. Geht weiter. Und ihr, unsere Anführer, geht vorwärts. Redet mit den Leuten. Predigt das Moratorium gegen alle Hinrichtungen. Wir werden die Todesstrafe in diesem Land stoppen. Und wir werden sie auf der ganzen Welt stoppen. Ihr müßt dafür kämpfen. Wißt, daß es richtig ist, was ihr tut. Was ihr tut, ist richtig. Was hier heute abend geschieht ist schlicht und ergreifend Mord. Nichts anderes als staatlich erlaubter Mord, staatlich erlaubter Lynchmord, genau hier in Amerika, genau heute abend. Sonst nichts. Sie wissen, daß ich unschuldig bin. Sie kennen die Fakten, die meine Unschuld beweisen. Aber sie können das nicht zugeben, denn das würde im gleichen Atemzug ihre Schuld beweisen. Das werden diese Rassisten nie tun. Denkt daran Brüder, darum geht es. Wir müssen unsere Ziele verfolgen. Wir müssen stark bleiben. Wir werden siegen. Wir werden weitergehen. Geht vorwärts, all ihr Schwarzen, black power. Geht vorwärts, all ihr Schwarzen, black power. Sie bringen mich heute abend um. Sie ermorden mich heute abend.

 


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