Mimikry-Spiel mit geschundenen Seelen
(Kerstin Doberenz, Rhein-Neckar-Zeitung, 26.5.2000)
Wiesloch. Für etwas zu sein, für das sowieso schon alle sind, ist leicht; aber gegen etwas zu sein und das auch noch laut zu sagen, dazu gehört schon fast Unverfrorenheit und eine Portion Mut. Wer der Einladung der VHS Wiesloch in die Stadtbücherei gefolgt war, konnte Zeuge eines solchen "Outings” werden. Marcus Hammerschmitt, seines Zeichens freier Schriftsteller in Tübingen, las aus seinem neuen Essay "Instant Nirwana - Das Geschäft mit der Suche nach dem Sinn”. Ein etwas mühsamer Titel, wie auch der Autor selbst zugeben muss, doch der Verlag hat es so gewollt. Dem Inhalt tut dies jedenfalls keinen Abbruch. Das Essay versteht sich als Aufklärungsversuch über die Machenschaften und Verstrickungen und eventuellen Folgen der kommerziellen Seiten der Esoterik. Hammerschmitt beschreibt Esoterik so: "Esoterik gibt Antworten auf die Frage - Was ist Wahrheit - und verzichtet dabei auf den notwendigen Umweg über die Realität.” Dies ist auch der Hauptvorwurf, den er den Esoterikern und allen, die sich dafür halten, macht. Sie scheuen eine dialektische Sicht der Dinge, so der Schriftsteller. Nichts fürchten sie mehr als die Auflösung ihrer unrealen Bilder in Realität. In der heutigen Zeit, in der auch die Wissenschaft als Hort der Vernunft für viele am Ende ist und in ihrer aufklärerischen Rolle versagt hat, sucht jeder nach neuen Orientierungen. Dies benutzend, verkauft sich die Esoterik Hammerschmitt zufolge als Alternative zur Ist-Situation und spielt Mimikry mit geschundenen Seelen. Der Autor verschweigt auch nicht, dass er selbst Erfahrungen auf dem esoterischen Gebiet hat. Doch er hat im Gegensatz zu vielen seiner Freunde vom Tarotkartenlegen wieder zurückgefunden in die Realitäten des Alltags. Wenn man den jungen Mann ansieht, der vor dem kleinen Kreis Zuhörer sitzt, traut man ihm die Radikalität, die sein Buch durchaus enthält, gar nicht zu. Und doch hat er zu einem Rundumschlag mit essayistischen Stilmitteln gegen alles und jeden ausgeholt, der sich auch nur im Dunstkreis der Esoterik bewegt. Spirituelle Feministen, Satanisten und religiöse Sekten, Heilpraktiker und Schamanen, Magier und Handleser, Astrologen und Kartenieger, tibetische Zen-Buddhisten und neochristliche Missionare - keiner bleibt ungeschoren. Selbst das heiße Eisen der Verbindungen von esoterischem Wahrheitsgeschwätz mit neonazistischen Überzeugungen nimmt der Essayist in die Hände. Eine kaum zu bewältigende Fülle von Themen. Aber so ist nun mal Literatur und ihr ist es gestattet, Streiflichter zu werfen und Denkanstöße zu geben, ohne alles bis ins Detail ausloten zu müssen. Das kleine, handliche im Aufbau-Verlag Berlin erschienene Buch enthält so viel Brisanz, dass es in der anschließenden Diskussion unweigerlich zu sehr kontroversen Meinungsäußerungen kam. Marcus Hammerschmitt ist solch heiße Debatten gewöhnt. Seit der Erscheinung seines Buches steht weder das Telefon still noch wird der Briefträger arbeitslos. Allerdings kann er keine Fanpost erwarten. Ganz im Gegenteil, er ist selbst von handfesten Drohungen nicht verschont geblieben. Nicht jedes alte Hausmittel ist Nonsens. Nicht jede alte Weisheit darf nihiliert werden. Doch sich Gedanken darüber zu machen, inwieweit wir Menschen manipuIierbar sind, kann überlebenswichtig sein. Das Buch von Marcus Hammerschrnitt ermöglicht einen ersten Einstieg, hinter die Kulissen zu schauen und bei der Auswahl der “helfenden Hände” vorsichtig zu sein.
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