Die Krankheit des englischen Patienten


Warum sich eigentlich heute mit einem Film beschäftigen, der 1996 in den Kinos war? Und das auch noch in kritischer Weise? Ist das nicht alles kalter Kaffee? Und ist "Der englische Patient" nicht für zwölf Oskars nominiert gewesen, hat er nicht neun davon wirklich erhalten und waren nicht Zuschauer rund um die Welt von seinen "beeindruckenden Wüstenaufnahmen" und seinen "herausragenden Darstellerleistungen" begeistert? Das Problem besteht von allem Anfang darin, daß er angeblich eine fiktionale Geschichte über fiktionale Charaktere erzählt, dabei diesen fiktionalen Charakteren aber Namen von Personen gibt, die historisch sind, und die historisch eine ganz andere Rolle gespielt haben, als der Film uns glauben machen mag. Selbstverständlich hat ein Künstler das Recht, aus realen Personen Inspiration für seine fiktionalen Charaktere zu ziehen. Bei "Der englische Patient" besteht aber die Gefahr, daß die Fiktion mit der Realität verwechselt wird, eben weil das durch die unkritische und oberflächliche Benutzung realer historischer Gegebenheiten und Namen nahegelegt wird. Der Film, der eigentlich von Art und Anlage her nichts anderes als ein perfekt inszeniertes Märchen sein kann, gerät zu einer Umdeutung historischer Tatsachen. Und wie die Zuschauerreaktionen und selbst die Bewertungen ausgebildeter Historiker zeigen, hat diese illusionäre Art der Umdeutung auch erhebliche Wirkung gezeigt. László de Almásy, der Held des Films, wird als Wüstenforscher und Liebender vorgeführt, und dabei wird genehm unter den Tisch gekehrt, daß er

- ein Antidemokrat war, der 1921 einen monarchistischen Putschversuch in Ungarn unterstützte

- ein Nazi-Kollaborateur war, der der Wehrmacht in Nordafrika nicht nur freiwillig, sondern unter hohem persönlichem Einsatz diente und dafür mit zwei eisernen Kreuzen ausgezeichnet wurde

- 1943 ein Buch über Rommels Libyenfeldzug veröffenlicht hat, in dem er die Unbesiegbarkeit der Wehrmacht und die Qualitäten Rommels als Feldherr pries

Diese politischen Fakten sind Grund genug, die Romantisierung de Almásys in "Der englische Patient" kritisch zu begutachten; ein zweites Täuschungsmanöver betrifft dann den >romantischen< Aspekt des Films. Denn László de Almásy war höchstwahrscheinlich homosexuell. Frauenaffären sind von ihm nicht bekannt, in seinem Nachlaß wurden aber 80 leidenschaftliche Liebesbriefe an einen deutschen Wehrmachtsoffizier namens Hans Enholt gefunden wurden, den er erfolglos vor seiner Verschickung an die "Ostfront" zu schützen versuchte. Vielleicht muß ich anmerken, daß für mich die Homosexualität eines Menschen überhaupt keine moralische Frage ist. Es ist aber eine Frage der künstlerischen Aufrichtigkeit, ob ich als Regisseur aus einem historischen Homosexuellen einen filmischen Heterosexuellen mache, weil mir das dramaturgisch in den Kram paßt. Um das Maß vollzumachen, kann darüberhinaus erwähnt werden, daß der Wüstenheld möglicherweise seinen Adelstitel zu Unrecht trug. Geboren wurde er damit nicht, und die Historiker streiten darüber, wie er sonst zum Grafen geworden sein kann.

Mit diesen Tatsachen und Zweideutigkeiten konfrontiert, reagieren die Fans des Films und vor allem des Schauspielers Ralph Fiennes mit Emotionen, die an persönliche Kränkung heranreichen. Wenn sie sich weit genug auf das Terrain der historischen Realität vorwagen, sind sie sogar verblüfft, daß der echte László de Almásy nicht wie der Schauspieler Ralph Fiennes ausgesehen hat. Aber es gibt keinen Grund, das gewöhnliche Publikum dafür zu tadeln, wenn sogar ausgewiesene und mit allen Wassern gewaschene Historiker an dem Verdrängungs- und Verleugnungszirkus um den "englischen Patienten" teilnehmen. So hat zum Beispiel der ungarische Geschichtswissenschaftler Janos Kubassek in einem Buch über László de Almásy bruchlos die Behauptungen aus einem Kriegsverbrecherprozeß von 1946 übernommen, in dem dieser bezeichnenderweise nur der "Propaganda" beschuldigt und innerhalb von zwei Stunden freigesprochen wurde, unter anderem mit der Begründung, er habe selbst zwei Juden das Leben gerettet. Der akademische Lehrer von Janos Kubassek, Janos Mazsu, nennt dieses Gerichtsverfahren einen "Schauprozeß mit einem sehr glücklichen Ausgang". Mit dem echten Almásy, der seine beträchtlichen Fahigkeiten als Pilot und Wüstenforscher mit Erfolg der Wehrmacht andiente und der Männer liebte, konnte der Regisseur von "Der englische Patient" genau wie schon der Autor der Romanvorlage wenig anfangen, und so wurde aus dem historischen László de Almásy im Verlauf eines filmischen Schauprozesses mit bittersüß-tragischem Ausgang ein romantischer Frauenliebhaber und Wüstenheld. Ergebnis: neun Oskars, klingelnde Kinokasse weltweit. Warum sich mit dem Film beschäftigen? In einer Zeit der Geschichtsblind- und -blödheit, in der Kampfhundbesitzer schon einmal auf die Idee kommen, gegen die angeblich "rassistische" Diskriminierung ihrer Köter protestieren zu wollen, indem sie ihnen gelbe Davidssterne anheften, mag es sinnvoll sein, hinter die Fassade zu sehen und nach der historischen Realität zu forschen. Beim englischen und bei anderen Patienten.

Die Kontroverse über den Film und seinen Helden kam am 4.12.1996 mit einem Artikel namens "A Queasy Feeling About The English Patient" von Elizabeth Salett richtig in Gang. Er sei hier, mit Erlaubnis der Autorin, in meiner Übersetzung wiedergegeben.

 

Das Unbehagen am englischen Patienten

von Elizabeth Salett

Washington Post, 4.12.1996

Übersetzung: Marcus Hammerschmitt


Der Film "Der englische Patient" läuft in allen Kinos des Landes und bekommt dabei glänzende Kritiken. Weil der Held Ungar ist und der Film über weite Strecken in Ägypten spielt, wollte ich ihn sehen. Ich wurde in Budapest geboren und wuchs in Alexandria auf. Einige meiner frühesten Kindheitserinnerungen handeln vom zweiten Weltkrieg in der ägyptischen Wüste.

Im Verlauf des Films erkannte ich, wer der Held war. Aber meine Erinnerung an Graf László de Almásys Aktivitäten zu Kriegszeiten waren von denen, die im Film dargestellt wurden, sehr verschieden. Vor meinem Augen entwickelte sich das Drama eines leidenschaftlichen Helden, der sehr wenig Ähnlichkeit mit dem Mann aus den Erzählungen meines Vaters hatt, und ich war schockiert. Der Film und das Buch von Michael Ondaatje, auf dem er beruht, implizieren, daß Graf Almásy (dargestellt von Ralph Fiennes) eine fiktionale Person war, die als ein Wüstenarchäologe während des Krieges mit den Briten zusammenarbeitete, und in der Not Hilfe von den Deutschen annahm um die Geliebte zu retten, die in der Wüste verunglückt war.

Nachdem ich den Film gesehen hatte, ging ich nach Hause um die Transkripte eines Oral History-Projekts nachzuschlagen, in dem meinVater gebeten worden war, seine Kontakte zu Almásy darzustellen. Mein Vater war ungarischer Generalkonsul in Alexandria, bevor Ungarn sich mit den Deutschen verbündete (Ungarn hatte damals keine Botschaft in Ägypten). Sich lebhaft dieser Zeiten erinnernd, beschrieb er Almásy als einen erfahrenen Wüstenforscher, der diese Rolle als Deckmantel für weit weniger romantische Unternehmen nutzte. Tatsächlich war er ein Nazi-Kollaborateur.

Im Frühjahr 1936 bat Bischof Mikes von Szentbethely meinen Vater, Almásy dem ägyptischen König Fuad vorzustellen, um diesem bei seinem Projekt der Errichtung eines Wüstenmuseums in Ägypten zu helfen. Eine Audienz wurde mithilfe des Großwesirs Zulfikar Pasha arrangiert und fand dann tatsächlich eine Woche später im Koubbeh- Palast in Kairo statt. Mein Vater erinnerte sich sehr gut daran: Almásy unterbreitete dem König ein Album, das seinen Plan zu einem Wüstenmuseum enthielt. Der König hörte etwa eine halbe Stunde aufmerksam zu und beendete die Aufienz, indem er erklärte, Almásy würde seine Antwort aus dem Munde meines Vaters erfahren.

Ohne Wissen meines Vaters bat König Fuad den ägyptischen Geheimdienst und die britische Botschaft um ihrer Meinung zu dem Museumsprojekt. Dem König wurde eröffnet, daß Almásy für die Nazis arbeitete, und daß das Museum in Wirklichkeit als Hauptquartier für Spionageaktivitäten dienen würde. Etwa zehn Tage nach der Audienz wurde mein Vater zu seiner großen Überraschung und anscheinend sehr brüsk darüber informiert, daß der König Almásys Projekt ablehne. Almásy hingegen war sehr wütend über die Ablehnung und glaubte, wie wir später noch erfahren sollten, daß mein Vater dafür verantwortlich war.

Mein Vater hatte keinen weiteren Kontakt zu Almásy, und es dauerte bis nach der Schlacht von El-Alamein, daß wir von Almásys Racheplan Kenntnis bekamen. Die Schlacht dauerte vom 23. Oktober bis zum 4. November 1942 und fand in der ägyptisch-lybischen Wüste statt, wobei das deutsche Afrika-Corps von Feldmarschall Erwin Rommel und die britische 8. Armee von Feldmarschall Bernard Montgomery angeführt wurde. Sie war eine der Entscheidungsschlachten des zweiten Weltkriegs und wird als die größte Panzerschlacht in der Geschichte bezeichnet.

Es scheint, daß es Almásy, der zu dieser Zeit ein Adjutant von Rommel war, kurz vor der Schlacht gelang, die deutschen Linien hinter sich zu lassen und nach Kairo zu reisen. Während seines zehntägigen Aufenthalts dort wurde er von den Briten beschattet, die seinen Dokumentenkoffer entwenden konnten, bevor er wieder hinter den deutschen Linien verschwand. In diesem Dokumentenkoffer befand sich neben anderen interessanten Dokumenten eine Namensliste derer, die zuerst zu verhaften seien, wenn Rommel Ägypten erst einmal erobert hatte. Der Name meines Vaters fand sich auch auf dieser Liste.

Zur Zeit von El-Alamein informierte uns die ägyptische Regierung darüber, daß unsere Familie im Fall der deutschen Besetzung Alexandrias in Gefahr war, und daß eine Evakuierung nach Kairo und möglicherweise noch weiter weg geraten schien. Eine meine frühesten Erinnerungen handelt von unserer Abreise aus Alexandria, das nicht weit von der Front entfernt war, und von unserer Vorbeifahrt an Kairo auf der Straße entlang des Nils, die Scheinwerfer des Wagens verdunkelt. Wir fuhren langsam und leise, darum bemüht, keine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Wir fragten uns, was die Zukunft wohl bringen mochte.

Ganz im Gegensatz zu seiner Darstellung im Film war Almásy kein zufälliger Spion, den das Schicksal zu seinen Handlungen nötigte. Er war ein entschlossener Nazi-Kollaborateur. Das Wissen und die Informationen, die Männer wie Almásy den Nazis verschafften, war der deutschen Seite sehr bedeutsam und hätte der Geschichte eine andere Wendung geben können. In dem Maß, in dem unsere kollektive Erinnerung an den zweiten Weltkrieg schwindet, wächst die Gefahr, daß eine fiktive, personalisierte Geschichtsschreibung in Dokudramen die wichtigen moralischen Themen der Vergangenheit ersetzt. Der zweite Weltkrieg war kein simpler Territorialkonflikt, sondern ein Kampf auf den Tod gegen rassistische und barbarische Regimes.

"Der englische Patient" bezeichnet sich selbst als fiktional. Aber leider verzerren Regisseur und Autor eine wahre Geschichte und eine historische Persönkichkeit, indem sie ihre Aktivitäten verharmlosen und sie als einen leidenschaftliche, liebende Heldenfigur neu erfinden. "Der englische Patient", der als schöner, romantischer und lyrischer Film angelegt ist, ist amoralisch und ahistorisch. Er tut so als habe es eine Äquivalenz zwischen und Deutschen und den Alliierten gegeben und trivialisiert damit die Entscheidungen, die von Männern wie Almásy getroffen wurden, und die enormen Auswirkungen ihrer Aktivitäten.

Elizabeth Salett ist Präsidentin des National Multi Cultural Institute in Washington, einer privaten nonprofit-Organisation, die Konferenzen zur Verständigung zwischen den Kulturen veranstaltet und Training zum selben Thema anbietet.

 

Links und Quellen:


1) Operation Wüstensturm

Ein Artikel zu den Idealisierungen und Geschichtsklitterungen, die aus Almásy einen romantischen Helden gemacht haben, und einem Roman aus Österreich, der gegenzusteuern versucht (deutsch).

2) Nazi or hero?

Der Text konfrontiert das Filmimage des Ungarn mit einigen unangenehmen Tatsachen aus seiner Biographie, und berichtet von der Kontroverse zwischen Janos Kubassek und Janos Mazsu (englisch).

3) Almasy Photographs

Auf dieser Webpage befinden sich Photographien des echten Almásy, unter anderem eine, auf der er in Luftwaffenuniform mit eisernem Kreuz an der Brust zu sehen ist. Leider ist die Qualität der Bilder nicht sehr gut (englisch).

4) László Almásy: The real Hungarian desert explorer

Webpage eines ungarischen Historikers. Konzentriert sich auf die Aktivitäten Almasys als Wüstenforscher und erwähnt seine Naziverstrickungen nicht (mit Bildern / englisch).

 


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