Medizin
An dieser Stelle meiner Homepage werden regelmäßig Editorials und Beiträge zu einer Publikation veröffentlicht, die nicht in den Kiosken zu haben ist, aber trotzdem (oder gerade deswegen) zum Lesbarsten und Interessantesten gehört, was zu politischen Fragen in der BRD auf Papier gedruckt wird: die "rundschreiben" von medico international.Ich möchte an dieser Stelle für medico international werben. Nicht weil die anderen Hilfsorganisationen alle schlecht sind. Sondern weil medico international noch etwas anderes zu bieten hat außer guter Arbeit beim Kampf gegen das Elend in dieser Welt. Nämlich einen Ansatz zu seiner Erklärung.
Aus dem rundschreiben 4/00
Liebe Leserinnen und liebe Leser,
Am Tag der redaktionellen Fertigstellung des neuen medico-Rundschreibens trafen sich in Brüssel Staatspräsidenten, Regierungschefs, Minister, der Generalsekretär der Vereinten Nationen und mehrere hundert Hilfsorganisationen: Teilnehmer & Beobachter der »Dritten UN-Konferenz zu den ärmsten Entwicklungsländern« . Das sind von A wie Afghanistan bis Z wie Zentralafrikanische Republik 640 Millionen Menschen in 49 Staaten. Fokussiert wurden die gebündelten Ziele der Konferenz in einem »Aktionsprogramm«, dessen Umsetzung garantieren soll, bis zum Jahr 2015 das Ausmaß der Armut zu halbieren.Das klingt gut & ist auch gut gemeint: aber das waren die gleichlautenden Versprechungen zur Armutsbekäumpfung von 1980 und 1991 ebenso, aus denen sämtlich nichts geworden ist. Besonders deutlich läßt sich das am Beispiel der Wohlstandskluft veranschaulichen, die aus dem Pro-Kopf-Einkommen resultiert: Die in reichen Ländern durchschnittlich pro Jahr verdienten 24 500 Dollar übersteigen um das Hundertfache das entsprechende Niveau der 49 ärmsten Länder. Und jene 235 Dollar, die dort derzeit jährlich die Menschen »erwirtschaften«, wird in diesen Tagen manch kleiner Zirkel der Konferenz-Delegierten in einem der Brüsseler Spesenlokale für ein einziges Abendessen hingeblättert haben.
Ähnlich schwindsüchtig erging des den optimistisch-euphorischen Beschlüssen der berühmten Weltgesundheitskonferenz von Alma Ata, die mein Kollege Andreas Wulf in diesem Heft zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen macht, wenn er die Geschichte der Basismedizin kritisch reflektiert. Da ging es darum, der gesamten Menschheit ein physisches wie psychisches »Wohlergehen« zu versprechen, dessen erstes wichtiges Fundament aus der Garantie einer medizinischen »Grundversorgung« entspringen sollte. Bei den Armen ist daraus wenig geworden. (Allerdings wird dieses Ziel heute von Sozialpolitikern für die Menschen in Deutschland propagiert.)
Die Zeit der Projektion romantischer Ideale auf Basisgesundheitsdienste in der ärmeren Welt ist passé, resümiert Andreas Wulf: auch hier muß realistisch geplant, rnüssen Finanzierungsmodelle und reelle Kalkulationen zur Anwendung kommen, wie gleichzeitig diese Dienste in größere politische und soziale Zusammenhänge integriert sein sollten. In einem noch weiterreichenden Sinne macht Thomas Gebauer sich Gedanken über das, was man letztlich die »Krankenkasse für die menschliche Weltsolidargerneinschaft« nennen möchte. Ist das denkbar und endlich gelungen, dann will mein Kollege sogar die »Spende« für unsere Spenderinnen & Spender abschaffen: die wir jetzt gerade noch so dringend brauchen.
Das Rundschreiben verfolgt das Ziel der Verständigung über die gesundheitspolitischen Absichten von medico mit unseren Freundinnen und Förderern. Wie aber beeindrucken wir die Träger der politischen oder der neoliberalen Wirtschaftsmacht? Auf der Brüsseler Konferenz fiel ein schlichter Satz des Staatsoberhauptes von Lesotho, der überzeugen könnte: »Um Handel treiben zu können, müssen wir produzieren; um produzieren zu können, benötigen wir gesunde Menschen«.
Herzlichst IhrHans Brandscheidt
Die Spendenkonten von medico international:
1800 Frankfurter Sparkasse (BLZ 50050201)
oder
6999-508 Postgiro Köln (BLZ 370 100 50)
Wenn Sie auf das Ganze neugierig geworden sind:
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Obermainanlage 7
60314 Frankurt/M.
Tel.: 069/944 38-0
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