Biosphere IV
10. 7 .29Synergie. Natürlich ist es darum gegangen, einen synergetischen Effekt zu erzeugen, aber keiner hat gedacht, daß er so wirken könnte, und das legt die ganze beschissene Ökologie aufs Kreuz, mit der hier gebastelt wird. Der synergetische Effekt, der durch die Beziehung zwischen uns und dem Biotop erzeugt wird, fräst uns das Hirn aus, das ist sein Vektor, und nicht die Stabilität des Systems, wie man sich das eingebildet hat. Ein System besteht aus seinen Teilen, aus sich selbst und einem fremden Dritten, das keine Beschreibung erträgt.
Heute wieder viele Wesen, und deutlich. Einmal mit Augenbraue dicht an meinem Gesicht, so nah und schmerzhaft wie eine Frau, die ich einmal gekannt habe und deren Namen ich nicht mehr weiß. Weisgerber versucht weiterhin, durch völliges Schweigen satori zu erreichen, was ihm genauso wenig nützen wird wie seine Geschwätzigkeit vorher. Nagy und Bloomfield immer noch auf der Suche nach Übertragunsmechanismen für springende Gene, die nicht in das Biotop miteingebracht worden sind, sondern sich spontan entwickelt haben sollen, sie nennen sie Faktoren. Keine Viren, keine Bakterien, keine Raubmilben, sondern etwas anderes. Sollen sie. Van Ackeren immer noch auf der Krankenstation. Kann sich an nichts erinnern, sabbert, nässt sich ein und will von Milena die Brust haben. Habe ihn mir angesehen. Milena stand neben dem Bett und sprach beruhigend auf ihn ein, wie auf einen Säugling. Böse innere Stimme: ihre Brust wird er ja wohl kennen. Eifersucht jetzt?
Der zweite Kommissar für Fragen wissenschaftlicher Koordinierung in den kontaminierten Gebieten unterbreitet dem Wissenschaftsminister den folgenden Bericht, der das Scheitern des Biosphere IV - Projekts und seine Gründe zum Inhalt hat. Der Kommissar weist ausdrücklich darauf hin, daß die Aufzeichnungen des Projektleiters Ulberg, die trotz der Katastrophe gerettet werden konnten, aus Gründen der Vollständigkeit und Genauigkeit nicht gekürzt, zensiert, verbessert oder sonstwie verändert worden sind, so unbotmäßig im Ton, unverständlich und verzerrt sie auch sein mögen. Der EFFEKT (einige sprechen auch von der Krankheit) der letztendlich zum Scheitern des ganzen Projekts geführt hat, hatte zum Ende hin auch den Projektleiter Ulberg voll ergriffen. Die Aufzeichnungen aus dem Zeitraum vor dem 11.7.2029 sind verschwunden. Die einzig mögliche Erklärung dafür ist, daß Ulberg die elektronische Sicherung des Logbuchs der Mission überwunden und die Daten gelöscht hat. Unsere Spezialisten haben auf sehr trickreiche Arten und Weisen versucht, die gelöschten Daten zu rekonstruieren, aber sowohl die opto-elektronischen als auch die bionischen Datenspeicher waren so blank, als seien sie eben aus der Fertigung gekommen. Das völlige Fehlen irgendwelcher Aufzeichnungen vor dem besagten Datum, auch der Formatierungen und der in jedem Fall üblichen automatischen Status und Funktionsfeststellung haben zu Spekulationen über den Löschvorgang geführt, die derzeit noch geprüft werden. Ulberg selbst bleibt weiterhin unauffindbar. Entsprechende Hinweise in seinen Aufzeichnungen, die Tatsache, daß die sehr genaue Untersuchung des Umlandes im das Projekt herum ohne jedes Ergebnis geblieben ist und weiterhin das Fehlen einer der beiden Schutzanzüge, die das Team zu Außenreparaturen benutzte, legen den Schluß nahe, daß Ulberg tatsächlich versucht hat zu flüchten, was unmöglich gelingen konnte. (Siehe Untersuchungsergebnisse des Chefökologen der Suchexpedition). Allerdings ist seine Leiche oder auch nur eine Spur von ihm bisher nicht aufgetaucht. An der Beseitigung der Folgeschäden, die das Projekt hervorgerufen hat, wird weiterhin gearbeitet.
,,Sie wissen gar nichts". Der Wissenschaftsminister sah hinab in das grüne Hochtal, in der Ferne weideten echte Kühe. Obwohl die Sonne schien, ging es dem Minister nicht gut, denn er hatte gerade eben den ersten Teil des Berichts abgehört, der ihm gestern vom zweiten Kommissar für die verseuchten Gebiete überstellt worden war. Wenig Strahlung, kein Smog, stabiles Wetter, und trotzdem ging es dem Minister nicht gut. Obwohl er sich darüber im Klaren war, daß er sich unnötigerweise Gedanken über ein Unglück machte, daß er nicht hätte verhindern können, konnte und wollte er nicht aufhören zu grübeln. Er grübelte, weil das Projekt ihn persönlich überzeugt hatte, weil er gerne den Menschen, die er regierte, einen Anlaß zur Hoffnung gegeben hätte, und weil er in letzter Zeit im Rat sowieso hatte Federn lassen müssen: Die Landgewinnung an der Nordsee hatte er nicht gegen den Finanzminister durchsetzen können, es war erneut zu ,,Unruhen" in den Trockengebieten Spaniens und Südfrankreichs gekommen, weil ernsthafte Hungersnöte drohten, und jeden Tag wurden neue wilde Deponien entdeckt, wo vor fünfzehn Jahren , in der Phase des Ausstiegs aus der Kernenergie, jede Menge radioaktiver Müll einfach so verbuddelt worden war. Anstatt die Talsohle durchschritten zu haben, ging es weiter abwärts mit dem vereinten Europa, und ein Erfolg von Biosphere IV hätte dieser allgemeinen Verschlechterung wenigstens punktuell etwas entgegensetzen können. Aber Biosphere IV war gescheitert, niemand wußte genau, warum, weiter gab es dazu im Moment nichts zu sagen, aber das wollte der Rat genausowenig hören wie der Nornalbürger. Der Wissenschaftsminister war ein besonnener Mann, aber er wurde sehr wütend, wenn er daran dachte, daß dieses ganze Heer von Spezialisten, Informationstechnologen, Anthropologen, Ökologen, Gentechnikern, Sozialarchitekten nicht nur nicht in der Lage gewesen waren, das Scheitern von Biosphere IV zu verhindern, sondern nicht einmal erklären konnten, warum ihr bis ins Kleinste ausgetüfteltes Projekt so katastrophal in die Binsen gegangen war. ,,Sie wissen nichts", dachte der Minister noch einmal, "sie wissen nichts. B-IV ist den Bach runtergegangen, und der Rat will mir deswegen die Hölle heiß machen. Wem soll ich deswegen die Hölle heiß machen?" Als er so deprimiert aus seiner luftdichten Panoramascheibe hinaussah, flog ein Schmetterling wie zufällig daher, gelb, ahnungslos, natürlich. Der Minister konnte sich darüber nicht freuen, denn er wusste, daß er aus einer der Genbanken des Rats stammte. Die sogenannten ,,bevorzugten Gebiete", zu denen auch die Refugien der Regierung gehörten, wurden von diesen Genbanken ständig mit gentechnisch veränderten Züchtungen versorgt, die wenigstens für eine Weile die Umweltbedingungen ertrugen, denen sie ausgesetzt wurden. Der Falter sah aus wie ein Zitronenfalter, aber er war ein Kunstprodukt der Abteilungen für Nachzucht und Modifikationen des Wissenschaftsministeriums. Der Minister wandte seinen Blick von der Landschaft ab und den Resten seines Frühstücks zu.
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© Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1995