Vierzig
Dann wurden wir vierzig und wussten
beinah schon
alles. Zum Beispiel die Sache mit der Zeit. Eben waren wir noch
achtzehn
gewesen, und hatten uns gefürchtet und gefreut. Jetzt war alles
eingetreten und
wir fanden uns bestätigt. Kindern wuselten um unsere Beine, die
uns mit den Vornamen
tadelten. Wir hatten unsere Mütter noch siezen müssen, jetzt
siezten sie uns.
Ständig wuchs die Entfernung zwischen den Molekülen, so dass
wir plötzlich zu
kurze Arme hatten. Allergien, Ängste, Neurosen und viele andere
Krankheiten,
die uns die Jugend zur Hölle gemacht hatten, verflüchtigten
sich, und wurden
durch einen feinen Seelenschimmel ersetzt, der als Veredlung durchging.
Wir
sprachen jetzt in ganzen Sätzen, das hatte man uns in der Kindheit
empfohlen,
aber wir sahen erst jetzt, dass halbe Menschen ihre Lage
verschärfen, wenn sie
auch noch die Sprache verstümmeln.
Morgens tranken wir Kaffee wie Wasser, abends tranken wir Kaffee wie
Wasser,
auch in der Nacht, um besser zu schlafen, denn Wasser machte uns
unruhig. Wir
schliefen gut. Wir arbeiteten wie die Tiere. Wenn unsere viel
jüngeren
Konkurrenten schon längst bei ihren Geliebten lagen, arbeiteten
wir immer noch.
Unsere Geliebten waren fortgegangen, weil wir sie fortgeschickt hatten
mit
ihren funktionalen Koffern, und nur wir waren übrig geblieben. Wir
sagten oft:
"Nur wir!" und verstanden nicht ganz den Sinn. In der Zeitung lasen
wir ausschließlich Nachrichten über uns, auch wenn sie von
Afrika handelten.
Unsere Verbrechen waren von Vorsicht bestimmt. An allen, die uns je
gekränkt
hatten, rächten wir uns durch Erfolg. Der hatte viele Gesichter.
Auf dem Weg zu
einem flachen Gipfel waren wir horizontalen Bergsteiger unseren
Feinden, die
wir nur vom Hörensagen kannten, immer drei Schritte voraus. Einige
von uns blieben
auf der Strecke, die anderen mussten um sie herumgehen. Letztendlich
war alles
kein Problem, und wir trafen uns zu einem Seminar mit Bewirtung, bei
dem die
Stühle lachten.
© Marcus Hammerschmitt, 2006
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