Kaltstart (Leseprobe Teil 2, c't 13/01)


Im ersten Teil unserer kleinen nostalgischen Artikelserie beschrieb Autor Marcus Hammerschmitt die Prähistorie seiner unglücklichen Liebesbeziehung zum PC. Der zweite Akt handelt - nach einem Exkurs über den wahren Grund für den Erfolg der PC-Technologie - von Kämpfen mit unzulänglichen Rechnern, Druckern und Betriebssystemen.

Einer der Gründe für den Erfolg der PC-Technologie besteht darin, daß sie nicht funktioniert. Es ist kein Wunder, daß erwachsene Männer, zum Heldentum erzogen, die fanatischsten PC-Benutzer sind. Man hat ihnen die Aufgaben des Jägers und Sammlers genommen, sie müssen nicht mehr Beschützer und Rächer sein, der Befehl zur Stärke hat jeden noch so phantasmagorischen Grund verloren, aber es ist noch nicht genug Zeit vergangen, um tatsächlich ein neues Männerbild mit gesellschaftlicher Tiefenwirkung entstehen zu lassen. Was bleibt einem Mann, der körperlichen Männerhobbies wie Bodybuilding, Extremsport, Autorennen und anderen leeren Exzessen nicht zugeneigt ist? Wie kann er Mutti zeigen, daß er stark ist, so stark, wie sie ihn immer wollte? Er bastelt an seinem PC. Männer mögen den Spruch erfunden haben, daß man ein funktionierendes System in Ruhe lassen solle, aber sie beherzigen ihn nicht.

Ich habe genug Freunde, die einen beträchtlichen Anteil ihrer Zeit damit verbringen, ihren PC durch Umbauten und Software-Updates mehr oder minder absichtlich zu ruinieren, damit er nachher wieder "zum Laufen gebracht" werden muß. Als ob die Maschinen nicht schon von selbst oft genug Probleme machen würden, als ob das nicht reichte. Es reicht nicht. Dieses Gefühl um 3.00 morgens, wenn man nach sechs oder sieben Stunden Gebastele und Geschraube wieder einen funktionierenden PC auf dem Schreibtisch stehen hat, dieses Gemisch aus Übermüdung und postorgasmischer Erleichterung, dieser Triumph des einsam gewonnenen Kampfs mitten in der Nacht ist durch nichts zu ersetzen, und wenn der Kampf zu lange ausgeblieben ist, muß man ihn eben künstlich herbeiführen. Man hat zwar nach einer solchen Schlacht morgens beim Frühstück dunkle Ringe unter den Augen, aber dieses eine hingeknurrte "Er läuft wieder!" und das solidarisch-liebevolle Glänzen in den Augen der Partnerin entschädigt für die schlimmsten Strapazen, sogar für eine komplizierte Linux-Installation.


Der erste PC (1993)

Ich zitterte. Beim Öffnen der Kartons begann ich wirklich und wahrhaftig zu zittern. So fühlte es sich also an, wenn man 3000 DM auf den Ladentisch des Computerhändlers hingelegt hatte, und nun daran ging, den ersten richtigen Computer seines Lebens auszupacken. Die 3000 DM stellten das Voraushonorar für meine erste größere Veröffentlichung überhaupt dar, das Hörspiel "Der silberne Thron". Und jetzt stand der Gegenwert von einem halben Jahr Arbeit in Kisten auf dem Fußboden, und die Welt flimmerte mir vor Augen. Es ging mir nicht schnell genug, und gleichzeitig hatte ich davor Angst, enttäuscht zu werden. Ich wollte endlich die Schätze in Händen halten, sie berühren, und gleichzeitig fürchtete ich den Moment, in dem alles vor mir stehen und meinem kritischen Auge unterworfen sein würde.

Natürlich fiel es mir damals nicht auf, aber von heute aus gesehen fühlte sich das Auspacken meines ersten richtigen Computers wie mein erster Liebesakt an: Angst und Lust waren auf diese furchtbare, ekstatische Art gemischt wie in dem Moment, in dem ich zum ersten Mal die Haut einer Frau richtig berührte. Um ehrlich zu sein, war das Gefühl eher intensiver. Ich war hysterischer als bei meinem ersten Liebesakt, und ich wollte noch unbedingter alles richtig machen.

Das Objekt der Begierde war ein handelsüblicher Noname, mit einem 386 DX 40 Prozessor, 4MB RAM, einer 105 MB Festplatte, einem Diskettenlaufwerk und sonst nichts. Der Bildschirm, ein 14-Zöller von Philips, war exzellent, der beste, den ich bisher je hatte, ich habe es noch schwer bedauert, ihn losgeworden zu sein. Der Rechner war mein piper at the gates of dawn: Ohne mein Wissen war ich in die dunkle Welt von Microsoft hinabgestiegen. Windows 3.1 lief auf der Kiste, Works 2.0 hatten sie dazugetan, ansonsten war der übliche Mist des Herstellers vorhanden, "Tools" und "Utilities", die kein Mensch brauchte, und die ich selbst in meinem Zustand seligen Nichtwissens als völlig überflüssig erkannte und löschte. Ich hatte auch einen eigenen Drucker! Ein HP 510 C, der aussah wie ein Brotkasten aus grauem Plastik, aber die für meine Verhältnisse unglaubliche Fähigkeit besaß, in Farbe zu drucken. Man stelle sich vor.

Ich wußte wirklich noch gar nichts. Ich hatte das dumme Geschwätz des Verkäufers noch im Ohr, der mir auf meine kritischen und ängstlichen Fragen nach Erweiterungsfähigkeit versichert hatte, der Rechner sei auch für 486er und die kommenden 586er Prozessoren ausgelegt. Er hat mich eben für einen Gimpel gehalten, der 3000 DM auf einen durchschnittlichen Computer verwenden will, und der ansonsten die Mühe nicht wert ist. Wie konnte ich ahnen, daß dieses Gerät für genau zwei Jahre bei mir gut war? Ich dachte, ich hätte die Zukunft gekauft, stattdessen stand auf meinem Tisch von Tag eins an nur besserer Elektroschrott. Zum Glück wußte ich das nicht, ich wäre kreuzunglücklich gewesen. Ich benutzte den Gegenwert des Hörspiels um das Hörspiel, das noch gar nicht gesendet worden war, ins Reine zu schreiben, und schickte der Dramaturgin stolz die korrigierten Fassungen. Ich liebte das Gerät, wenn es funktionierte (selbstverständlich streichelte ich es manchmal auch) und hätte es aus dem Fenster werfen können, wenn es nicht funktionierte. Mit einem Wort, ich war verliebt. Als unsere Beziehung schon eine ganze Weile lang dauerte, ging ich daran, den Computer auszureizen und zu überfordern.

Ich hatte eine ganze Weile mit Aquarellfarben herumexperimentiert und einen gewissen eigenständigen Stil entwickelt. Mithilfe meines neuen Computers glaubte ich, die Bilder erst genau planen, und dann vom Bildschirm abmalen zu können. Das Ergebnis meiner Versuche mit computergestützter Aquarell-Lackschichttechnik war, daß ich die Aquarellfarben in den Schrank packte, und fortan nur noch mit Computergrafik beschäftigt war. Ich war so begeistert von den Möglichkeiten der Computergrafik, daß ich es sogar tolerierte, wenn der Ausdruck eines Blattes eine ganze Nacht dauerte. Mehr als einmal taumelte ich schlaftrunken von meinem Bett zu meinem Drucker, um festzustellen, daß sich das Papier festgefressen hatte, und die stundenlange Rechen- und Druckarbeit umsonst gewesen war. Als das Bilderbuch fertig war, dauerte es zwei Wochen, ein Exemplar davon auszudrucken. Ich war beinahe glücklich. Alles was ich brauchte, war ein schnellerer Computer und ein besserer Drucker, denn ich plante schon das nächste Projekt.

(...)


© Marcus Hammerschmitt, 2001




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