Hundherz
Daß man mit einer Schrotflinte im Mund schlecht reden kann, hätte ich mir denken können, daß sie aber auch das Denken erschwert, ist mir neu, voilà, manche Sachen schneidest du erst ganz zum Schluß mit. Zu schade, daß ich nichts sehen kann, auf die Art bleibt mir verborgen, ob der Prügel in meinem Mund wirklich eine Schrotflinte ist, aber, ehrlich gesagt, ich bin mir ziemlich sicher. Ich kann mich ja sonst nicht bewegen, und deswegen habe ich bisher nur mit der Zunge die beiden glatten Stahlrohre ertasten können, die etwa fünf Zentimeter in meinen Mund hereinragen, sie sind durch eine Art Steg miteinander verbunden, und wenn mich nicht alles täuscht, ist das ein Korn, das da oben gegen meinen Gaumen drückt. Sehr gut. Vorbildlich. Ich würde sagen, bei dem Gegenstand in meinem Mund handelt es sich um eine doppelläufige Jagdschrotflinte, nicht abgesägt, nicht präpariert, wahrscheinlich ein Sammlerstück mit Liebhaberwert. Als es noch Münzen gab, damals, vor der Wende, war ich noch ein Kind, und ich habe wie alle Kinder an Münzen gelutscht, um festzustellen, wie sie schmecken, und es ist ein Witz, aber der Geschmack von diesem Scheißteil erinnert mich an meine süße Jugend. Schrotflinte. Ganz sicher. So sicher wie das Amen in der Kirche.
Eigentlich ist es egal, aber ich weiß auch über die Natur meiner Blendung bescheid. Sie haben mir Mullbinden um den Kopf gewickelt, meinen Mund freigelassen, das Gewehr hineingeschoben, und von außen an dem Mull festgeklebt, es ist mir sogar so, als könne ich auch ein wenig von dem Klebstoff an dem Band schmecken, mit dem der Mull und die Knarre verbunden sind. Ich habe mich früher bei Videos immer gefragt, warum die Gangster ihre Opfer mit Klebeband an den Stühlen festhielten, es schien so zerreißbar von außen. Paul hat mir aber einmal klargemacht, daß Klebeband die beste Fessel überhaupt ist: kein Gewicht, kein Reißen, keine Schlüssel, keine Flucht. So ist es. Der gute Paul, unser praktisch denkender Perverser.
Ich kann so schlecht denken. Vielleicht kommt das auch daher, daß ich so wenig Luft bekomme. Diese kurzen Schlitze in Höhe meiner Nasenlöcher lassen einfach nicht so viel Luft ein, und wenn ich bedenke, daß ein erwachsener Mensch pro Tag 750 Liter davon verbraucht, wird mir ganz eng um die Brust. Dabei weiß ich doch gar nicht, wie lang meine Sitzung hier noch dauern mag. Ich kann schlecht denken. Traditionell liegen meine Stärken ganz eindeutig auf dem Gebiet von Kunst und Kultur. Dafür reicht es im Moment nicht ganz. Es reicht nur für die Gewißheit, daß ich bald sterbe, daß mein Gehirn nicht mehr gebraucht wird, und daß ich einen Fehler gemacht habe. Es reicht auch für eine Extrapolation über die tatsächlichen sinnlichen Gewißheiten hinaus, die man mir gönnt: ich schätze, ich sitze in einem weißgekachelten Keller auf einem Stahlrohrstuhl, den Kopf durch besagtes Mullgebinde verschönt, Ballermann inklusive, und irgendeine Teufelsmaschine sorgt dafür, daß in einiger Zeit, in ein paar Sekunden, in zwei Minuten oder fünf Tagen mein Gehirn an die Wand fliegt. Ich schätze eher früher, ansonsten würde mein Fleisch wahrscheinlich zu verdorben sein durch Hormone und Ausschüttungen und was nicht alles. Ich bin gut in Form, sie werden für meine Leber den Wert eines Kleinwagens herausschlagen, oder, sagen wir vielleicht den Gegenwert für eine neue Schrotflinte, manche mögen so etwas in ihrem Wohnzimmerschrank haben, und wer weiß, ob der Chef der Veranstaltung hier nicht ein Waffennarr ist. François ist einer.
François, der Liebling. Vielleicht sollte ich nicht so gewagt denken, aber nehmen wir an François hat Frieden geschlossen mit einem seiner Feinde, vielleicht mit Godzilla von den 49ers, und ich bin gewissermaßen ein Versöhnungsgeschenk. François kann Widerspruch nicht leiden, und ich habe ihm in letzter Zeit nicht mehr so bereitwillig den Schwanz gelutscht, ich muß sagen, ich war schon sehr verwundert darüber, daß er meine Insurrektion so gelassen hinnahm. Unter diesen Umständen könnte ich schon lange auf der Abschußliste gestanden haben. Ja, das macht einigen Sinn. Vor allem wenn man bedenkt, wie schöne Augen er immer Maurice gemacht hat, diesem versauten kleinen Schwein aus der Provinz, das eines Tages hier eintrudelte, um sich als Schlepper zu verkaufen, daß ich nicht lache. Maurice wird den Ducs das Geschäft versauen, wenn er von François angeheuert wird, man riecht die Sauerei bei ihm auf Meilen Entfernung, das ist kein Schlepper sondern ein Treiber, o là là, jetzt hätte ich beinahe zu laut gedacht.
Überhaupt geht es mit uns Ducs in letzter Zeit den Berg runter, unsere Abschußraten sind gesunken, weil sich außer den 49ers noch ein anderer Haufen in unserem Viertel breitgemacht hat; sie nennen sich die "Goldene Jugend", mein Gott wie einfältig. Heute macht jeder in Brutalität, kein Fingerspitzengefühl mehr bei der Sache, zuviel Hast im Betrieb, aber wie Buddha schon gesagt hat: die Gier ist die Wurzel allen Übels. Auf jeden Fall hat François den Schwanz eingezogen vor dieser goldenen Jugend, und das nur weil sie ihm einen seiner kleinen Laufburschen zurückgeschickt haben, und zwar in Stücken, falsch wieder zusammengenäht lag die Scheiße in seinem schönen pinkfarbenen Chevrolet, und ich mußte sie wieder aufräumen, widerlich. Das hat er nun davon: Engpässe, Dumpingpreise und unbezahlte Schäden an seinem Geschäftswagen. Das ist nicht mehr der wilde François von früher, der vor zehn Jahren den Chevi mit was Knalligem vollgeladen und vor dem Rattenloch der goldenen Jugend abgestellt hätte, damit diese Wichser das Fliegen lernen. Ich hab es ihm angeboten, ich kann mit Sprengstoff, aber was hat dieses Weichei zu mir gesagt: "Pas de guerre civile. Pas maintenant." Schiß. Banale Schiß. Erste Regel in unserem Geschäft: das Pack versteht nur Gewalt. Aber was sollte ich machen. Er ist der Chef. Diese neuartige Bündnispolitik, die in letzter Zeit in unserem Viertel und der ganzen Stadt ausgebrochen ist, hat mich schon seit langem beunruhigt, aber das ist wahrscheinlich der Fortschritt, daß mir bald der Kopf wegfliegt, anstatt den Arschgeigen, die ihm die Polster vollgesaut haben. Mein Kopf wird ein blutiger Vogelschwarm sein. Es gibt die erste Regel, und es gibt die allererste Regel: der Chef bestimmt. Wenn Paul sich hier mit mir einen Scherz erlaubt, dann werde ich, wenn ich hier lebend herauskomme, auch meinen ganzen Humor zur Entfaltung bringen. Aber so ist der Mensch!
Eigentlich sollte ich schon im Imperfekt reden, und vertändele doch die Zeit mit Rachegedanken. ... oder ich bin bei den Bullen gelandet. Mein Gott, als François und ich anfingen die Gang aufzubauen, vor der Wende, als wir noch irgendwelchen besoffenen Wichsern auf der Straße bei lebendigem Leib das Herz herausschnitten und fast noch zuckend bei unseren Kunden ablieferten, was waren die Bullen damals schon versaut! Wir wurden erwischt, kamen aufs Revier, wurden einzweimal windelweich gehauen, und dann kam dieser Fatzke mit Lametta auf den Schultern an, ließ uns in sein Büro verfrachten und traktierte uns mit Tacitus- und Senecazitaten, während er mit seiner Kanone spielte. Magazin rein, Magazin raus, Sicherungshebel vorschieben, Sicherungshebel zurückschieben, diese Art von Scheiße. Das dauerte endlos, bis er damit herausrückte, was er wirklich von uns wollte: daß wir ein bißchen in der Szene herumspionierten, und ihn auf dem laufenden hielten über die Jungs an der Front im zentralen Süden, Drogen, Waffen, Fleisch etcetera, und es ist kaum zu glauben, aber ich dachte damals wirklich noch, die Bullen stehen auf der anderen Seite, und er will uns als Spitzel benutzen, um ein paar Gangs hochgehen zu lassen zwecks Beförderung, aber nein, das war nicht alles, das Arschloch wollte auch selber noch was abhaben; er sagte: "Ich kümmere mich um euch, und ihr erstattet meine Unkosten, ist das fair? Das ist fair." Und nachdem er uns dann vollgequatscht und das Versprechen abgenommen hatte, daß wir zukünftig auch für ihn arbeiteten, schoß er François ins Bein, einfach so, die Prothese hat damals auf dem schwarzen Markt fast alles gekostet, was wir hatten, wir mußten richtig zusammenlegen; rührend, wie wir uns umeinander kümmerten, und Francois hat sich geschworen, diesen Bullen eines Tages lebendig durch den Fleischwolf zu drehen, sehr romantisch; na ja wir waren Anfänger, unsere Kampfzeit sozusagen.
Es ist schade, daß ich nicht nur nichts sehen, sondern auch nichts hören kann, deswegen kann ich auch nicht meine Vermutung verifizieren, daß ich in einem Schlachtkeller sitze, sonst würde ich vielleicht ein bißchen grunzen, und den hohlen Klang hören, den gekachelte Räume üblicherweise so an sich haben, andererseits ist es vielleicht besser so, denn möglicherweise wartet nur eine schallempfindliche Schaltung darauf, klick zu machen, und ich bin am Arsch. Wo immer ich hier sitze, man hat es auf Demütigung abgesehen, es ist widerlich, aber ich habe einfach meine Scheiße und Pisse laufen lassen müssen, jetzt fängt es hier übel an zu stinken. Natürlich bin ich auch als Säugling in meiner Scheiße gesessen, aber das ist so lange her, man kommt einfach aus der Übung. Ja, ja die Kampfzeit. Wir waren jung, wild und verwegen, man bestellte bei uns an einem Tag und wurde am nächsten beliefert, prompt, schnell, roh, wir machten damals alles, egal wie riskant. Wir liefen los, hatten unseren Abschuß, kamen nachhause, schmissen den Mist in unseren einzigen Kühlcontainer, zogen uns die Birne zu oder fickten, und trafen am anderen Morgen unsere Auftraggeber. Wir wurden gebraucht, die Transplantationsmedizin hatte so viele schöne Fortschritte gemacht, man konnte den Arsch eines Schweins mittlerweile auf dem Hals eines Politikers festnähen, und niemand merkte den Unterschied, aber es gab immer noch so viele dumme "ethische Grenzen". So war das damals, so ist es heute: auf der einen Seite der Markt, und auf der anderen die ethischen Grenzen, ein unfaires Spiel, weil der Markt immer gewinnt, und wir sorgen für Nachschub. Wir verdienten schon gleich am Anfang gut, unser Schutzengel in Uniform hielt die Hand über uns, weil wir brav diesen und jenen kleinen Scheißer anschwärzten und außerdem unseren Tribut entrichteten, und bald schon konnte sich François ein neues Bein kaufen, das Klicken der Prothese war ihm doch zu ennuyant geworden.
Langsam änderte sich unser Stil, wir wurden professioneller und cooler, die Gang wuchs, und unsere Kleidung bekam einen Touch von Raffinesse. Von daher unser Name: die Ducs. Und der Krieg mit den Subhumans veränderte alles schlagartig. Dieser Abschaum hatte sich im Viertel um den Zentralfriedhof eingenistet und machte uns Konkurrenz, kopierte unsere alte Masche und schoß Touristen, Penner und Ausreißer ab, und irgendwann mußten wir etwas dagegen unternehmen. Wir fickten einen von ihnen, sie fickten einen von uns. Scharmützel hier und dort. Und dann diese Nacht, als wir uns mit Messern um einen Abschuß rauften wie die Ratten. Danach hatte François genug. Er sagte: "So kann ich nicht arbeiten, diese schwanzlutschenden Aasgeier verderben uns noch das ganze Geschäft!" Wir lernten etwas über Sprengstoff und forschten nach ihrem Hauptquartier. Ich probierte es zum ersten Mal mit einer Autobombe, und es knallte göttlich. Aber ein paar Normalos gingen mit drauf, und die Polizei stellte eine eigene Einheit zur Bekämpfung der Fleischfresser auf, les temps dévenaient plus durs. "Fleischfresser", so nannten sie uns Organdealer jetzt. Andererseits waren wir nach dem großen Knall die unbestrittenen Könige im Süden der Stadt, und lange Zeit wagte niemand, gegen uns anzupinkeln.
Wie im Verlauf der Gesellschaftsentwicklung ergab sich auch bei uns eine immer stärkere Arbeitsteilung. Während früher noch jeder alles gemacht hatte, entwickelten wir uns jetzt zu Spezialisten. Etienne war unser Mediziner, er schnitzelte die Scheiße aus den Abschüssen raus, und kümmerte sich um die Kühlcontainer. Aristide machte die Logistik, Transport und Sicherheit, François regelte die Beziehung zu den oberen Zehntausend und verteilte die Sondersteuern an die Polizei, und ich wurde Schlepper. François sagte zu mir: "Mein Goldjunge, du hast diese sentimentalen blauen Augen, das macht die Weiber und die Arschficker weich." Du mußt es ja wissen, dachte ich. "Außerdem kannst du ein Pferd totquatschen, bei den kleinen Fotzen aus der Provinz macht sich Bildung immer gut. Du wirst unser Schlepper sein. Denk an Buddhas goldene Weisheit: Gier ist die Wurzel allen Übels. Und jetzt geh hin, mein Sohn, und bring uns Frischfleisch." François hatte schon immer einen Hang zu Opulenz und Theatralik gehabt, aber nach unserem Sieg über die Subhumans entwickelte er sich zu einem richtigen kleinen Sonnenkönig. Aristide wagte es einmal, ihn Ludwig den XVten zu nennen, danach würgte Francois ihn solange, bis Etienne ihn wiederbeleben mußte. Aber die Kasse stimmte, vor allem, als diese Mode mit den Implantaten aufkam, und öfter etwas schiefging. Die Bonzen ließen sich illegal irgendwelche Chips einpflanzen, und wunderten sich dann, wenn ihnen der Arsch abfaulte, weil der Chirurg Mist gebaut hatte. Also sorgten wir für die Ersatzteile. (...)
© Marcus Hammerschmitt, 1996