Leseprobe aus "Die Helfer"


Die Helfer schickten mich zunächst nach Heraklion, Kreta. Von dort aus nach Loutro, einem winzigen Küstendorf, ganz und gar in geschmackvoller Andacht dem Tourismus vorbehalten. Die Fachkräfte waren einheimisch, das Publikum zu großen Teilen amerikanisch. Tagesgäste überwogen, sie hielten sich nicht lange mit dem Hinterland auf, das mühsam nur über einen Bergrücken (sechshundert Höhenmeter) zu erreichen war, dort gab es auch angeblich nur Schlangen und eine geschleifte deutsche Raketenstellung aus dem Krieg. Keine Probleme mit meiner Nationalität. Die Wirtin der winzigen Pension, auf deren rot gefliester Terrasse ich abends saß, um die letzte Fähre ablegen zu sehen, hielt mich nur für einen zahlenden Gast und war vernünftig freundlich. Es war noch nicht allzu heiß, der Sommer bereitete sich erst vor; es war vor allem die Sonne, die mich an diese Auszeit glauben ließ. Nachmittags Männer mit viel Eisenwolle auf der Brust in bunten Unterhemden, die rittlings auf umgestürzten Holzkisten Fische verkauften (schmelzendes Eis umher). Ein Denkmal an der Hauptstraße, die die einzige war: kleiner Obelisk in einem gepflegten, kettenumsäumten Blumenrondell, an der Vorderfront eine eingelassene Metallplatte, die zwei gekreuzte Schwerter zeigte, kein Name, kein Datum. Die Sprache mit "o" und "ph", mit "ella!" und "ne!" Ich hatte in Loutro nichts zu tun. Ich bewegte mich in geliehenen Booten viel auf dem Wasser der Bucht, die Loutro als natürlicher Hafen diente. Ich mag dabei hin und wieder eine lächerliche Figur abgegeben haben. Es schien mir, als wolle die Müdigkeit langsam aus mir ausziehen, als verdampfe sie unter der Sonne und mache einer gelinden Sattheit und Sicherheit Platz. Ich aß einigen Fisch. Mein Geschlecht war gleichbleibend männlich. Einer schönen grauhaarigen Amerikanerin um die vierzig, die an einem Nachbartisch alleine rauchte, sah ich auf subsexuelle Art und Weise in die Augen, das war mein einziger Urlaubsflirt.

Am zweitletzten Tag vor meiner Abreise setzte sich ein Einheimischer hinter meine Fischplatte und verdeckte mir damit den Ausblick auf die untergehende Sonne. "Tryantafelidis mein Name", sagte er in einem gepflegten Deutsch, und streckte mir seine Hand herüber. Ich kaute recht laut, um ihn zu verscheuchen, aber er ließ sich nicht beeindrucken.

"Schön hier, nicht?", sagte er lächelnd, seine Artikulation hörte sich an, als stamme sie aus dem Fernsehen und von Sprachlehrgängen auf Kassette. Andererseits schien er hin und wieder nach Deutschland zu telefonieren, denn der Tonfall stimmte.

"Sie sind Deutscher?", fragte er, und ich wußte, daß das eine anstrengende Unterhaltung werden würde.
"Nein, Schweizer."
Er lachte und machte eine wegwerfende Bewegung mit der rechten Hand.
"Ach was, ich habe Freunde in der Schweiz. Sie sind Deutscher."

Pause. Ich verspürte das dringende Bedürfnis, der Sonne beim Untergehen zuzusehen, allerdings saß Tryantafelidis genau davor, sein Gesicht lag ein wenig im Schatten, die knollige Nase, die etwas altmodische Brille, die gepflegten Haare waren schon leicht hineinverwaschen in das milde Grau des Abends, das Weiße in seinen Augen war klar, seine Zähne waren klar. Er war herausgeputzt. Dies war eine Gelegenheit. Über uns, sehr hoch, noch in der Sonne, einige Möwen.

"Mögen Sie Musik?", fragte er. "Ich liebe Musik. Wagner. Ah, Wagner!"
Er atmete den Namen in meine Richtung, als läge sein ganzes Leben darin. Eine Bewegung am Rande meines Gesichtsfelds. Die Bewegung verdichtete sich zu der kompakten Masse eines zweiten Griechen, der sich ziemlich nah bei Tryantafelidis aufbaute und mit unterdrücktem Zorn auf ihn einzureden begann. Viele o- und ph-Laute, aber "ella!" und "ne!" kamen jetzt nicht vor. Tryanafelidis tat zuerst so, als bemerke er den anderen gar nicht, aber als dieser sich noch weiter zu uns herunterbeugte, schoß er über die Schulter einen einzigen kurzen Satz auf den Stehenden ab, der daraufhin verstummte, und vor Wut kochend auf dem Absatz umdrehte.

"Diese Bauern", sagte Tryantafelidis. "Jetzt sitzen sie in der Regierung, und denken, sie können sich alles erlauben. Wo waren wir stehengeblieben? Ah ja, Wagner. Wagner hat einmal ..."
"Ich mache mir nichts aus Musik", sagte ich kurz angebunden, mehr schon um seine Reaktion darauf zu testen, als um ihn wirklich zu verscheuchen. Mir war klar, daß er nicht gehen würde, bevor er sein Anliegen vorgebracht hatte, und ich war neugierig geworden.
"So, ach, na dann. Sicher."

Er lehnte sich ein wenig zurück. Er angelte eine Zigarettenpackung aus seiner Sackotasche, und zündete sie sich an. An seiner rechten Hand fehlten zwei Finger. Er rauchte die Zigarette zur Hälfte, und machte nicht die geringsten Anstalten, zu gehen. Dann drückte er sie in dem Aschenbecher auf dem rotweiß gewürfelten Tischtuch aus, rückte seine Brille zurecht, uns erklärte:

"Hören Sie, es ist mir egal, wie Sie dazu denken. Meine Meinung ist die folgende. Diese stinkende Revolution kann mir gestohlen bleiben. Ich kann das hier laut und deutlich in Ihrer Sprache sagen, weil diese Trottel sie nicht verstehen. Als Ihre Truppen hier waren, ging es Griechenland gut. Was man sich von diesen Massakern erzählt, ist übertrieben oder erlogen, die meisten Opfer waren Banditen und Strauchdiebe, und nur die Türken haben sie unmenschlich behandelt. Ich habe in Deutschland studiert, weil mein Vater ein guter Mann war. Mein Vater kontrollierte vor dem Krieg die Fischerei hier in Loutro und der Umgebung, aber als diese Gleichmacher in Athen an die Macht kamen, haben sie uns enteignet. Andere sind gegangen. Aber ich nicht. Es gibt noch einige hier, die so denken wie ich. Wir haben das deutsche Denkmal gerettet. Zwar mußten wir die Ehrenplakette mit dem Namen der Einheit abnehmen, die hier stationiert war, aber immerhin. Die Trottel in Athen konnten uns nicht ausrotten, sonst wäre ihre schöne Revolution im ersten Jahr schon wieder abgesoffen wie ein lecker Dampfer. Sie brauchten uns. Wir setzen uns für die Wahrheit ein. Und wissen Sie warum? Weil in Deutschland der letzte Rest des alten Griechenland weiterlebt. Unsere Kultur ist von den Türken so geschändet worden, daß hier davon nichts übriggeblieben ist. In Deutschland hat man ein Ohr dafür. Hölderlin! Ha, sagen Sie, wie steht es um Hölderlin in Deutschland?"

"Er wird gelesen", sagte ich knapp.

"Gut. Gut so. Als die Deutschen kamen, habe ich den Leuten gepredigt: Die Deutschen haben Kultur. Sie sind eine Kulturnation. Habt keine Angst, es wird nichts passieren. Die Deutschen sind jetzt aus taktischen Gründen mit den Türken verbündet, um das kommunistische Ungeziefer auszurotten, aber nach dem Krieg, ihr werdet sehen! Es war alles umsonst. Sie sind diesen Bauerntrotteln hinterhergerannt. Widerstand nannte sich das."

Er hatte sich mittlerweile eine neue Zigarette angezündet und wedelte damit in der Luft herum. Je länger er sprach, desto stärker kam sein griechischer Akzent durch.

"Widerstand, daß ich nicht lache! Banditen! Unsere Kutter haben sie uns angezündet, weil wir regierungstreu waren, weil wir für die Deutschen waren! Aber am nächsten Tag in eine unserer Tavernen kommen, und sich die Bäuche vollschlagen! Von gestohlenem Geld! Diebe und Banditen!"

Er angelte sein Portemonnaie aus der Tasche, klappte es auf, wobei ein wenig Zigarettenasche hineinfiel, und zog ein Bild heraus. Soweit ich das noch erkennen konnte, glich der Mann darauf Tryantafelidis auf entfernte Weise. Er schnaubte entrüstet.

"Wie gesagt, es ist mir egal, wie Sie darüber denken. Diese Geiselerschießungen, daß man angeblich Experimente mit Gefangenen vorgenommen hat und all das, das sind alles Propagandalügen. Ich glaube nicht daran."

Er zeigte auf das Paßbild, das, von der alten Brieftasche gebogen, wie ein abgefallener Schmetterlingsflügel oder ein großes Blütenblatt neben dem Aschenbecher auf der Tischdecke lag, bestäubt von einigen Flocken Zigarettenasche.

"Das da ist Matthäus, mein Bruder. Er war auch im Widerstand. Eure Leute haben ihn gefangen. Er saß eine Zeit lang auf einer Strafinsel, wir haben noch zwei, drei Briefe von ihm bekommen, und dann ist er verschwunden. Er war schon immer das schwarze Schaf der Familie. Sozialismus und anderer Unsinn. Freiheit. Was denn für eine Freiheit! Sehen Sie, was diese Trottel mit ihrer Freiheit machen? Nichts! Nichts!" Er rauchte, um sich ein wenig zu beruhigen. "Bitte nehmen Sie das Bild mit nach Deutschland. Ich weiß, daß es nichts nützt. Aber man darf nie aufgeben. Nehmen Sie das Bild mit?"

Er sah mich nicht an. Ich hatte nicht die geringste Lust, ihm zu helfen. Eine Stimme in meinem Kopf sagte: Nimm das Bild. Ich streckte die Hand danach aus und sagte:

"Ich werde sehen, was sich machen läßt."
"Wirklich?", fragte er, leicht verblüfft.
"Ja. Machen Sie sich keine Hoffnungen. Sie wissen, daß alle Gefangenen ausgetauscht wurden, damals in Belgrad. Es gibt keine verschollenen griechischen Kommunisten in Deutschland. Allein die Vorstellung ist schon absurd."

Aber all das wollte der Mann schon nicht mehr hören. Er hatte mir bereits seine Adresse aufgeschrieben, in einer gestochenen lateinischen Schrift.

"Danke", sagte er, stand auf und streckte mir zum Abschied die Hand hin. "Das Essen ist schon bezahlt."

Er ging schnell weg. Trotz der emotionalen Reden, die er gehalten hatte, schaute ihm niemand nach. Ich bezahlte das Essen noch einmal, der Wirt nahm das Geld ohne Zögern.

(...)

© Marcus Hammerschmitt, 2000



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