Laudatio zum Würth-Literatur-Preis von Dr. Franz Josef Görtz, Redakteur der FAZ und Literaturkritiker, Frankfurt auf "Das Begräbnis" von Marcus Hammerschmitt, gehalten am 6.5.1999 im Museum Würth, Künzelsau

 

Meine Damen und Herren,


vor sechzehn oder siebzehn Jahren, als ich noch und ausschließlich Literaturredakteur war, hatte ich einen Traum: die Lyriker, Romanciers und Theaterdichter säßen im Halbkreis vor einem Kritiker und ließen sich aus seinen gesammelten Verrissen vorlesen. Danach müßte er schweigen, denn nun hätten die Dichter das Wort - und nur sie allein.

Vielleicht wäre der Hörfunk, vielleicht wäre auch das Fernsehen vertreten, und alles wäre gleichzeitig im Radio anzuhören und abends in den Dritten Fernsehprogrammen anzuschauen: das Gekrittel des Kritikers, die Einreden der betroffenen Autoren und das Pfeifen, Lachen und Johlen des Publikums. Von dem Traum erzählte ich während eines Lyriker-Treffens in Münster meinem Freund und Kollegen Harald Hartung. Der fand den Einfall schön und gut und schlug vor, eine solche Veranstaltung, Klagenfurt verkehrt gewissermaßen, dem Literarischen Colloquium in Berlin anzutragen. Irgendwann fand dann am Wannsee ein 1. Kritikertreffen statt und zwei oder drei Jahre später ein 2. Kritikertreffen. Auch Autoren waren geladen. Aber sie mochten nicht reden. Noch weniger mochten sie streiten, am allerwenigsten mit oder gegen ihre Rezensenten.

Der Traum verfolgt mich immer noch.

Denn manchmal leide ich stellvertretend, ärgere mich stellvertretend, schüttle stellvertretend den Kopf und resigniere fast. Gegen Kritiker ist kein Kraut gewachsen. Wer es ernst meint mit der Literatur, wird nicht Kritiker - oder bleibt es nicht lange (zehn Jahre sind viel zu lang und kaum noch gutzumachen), sondern wird stattdessen Juror. So kann man die Schriftsteller ein wenig entschädigen und sich selber auch ein wenig: indem man heftig, lauthals und uneingeschränkt das Wort ergreift für einen Text, den man loben, preisen, rühmen möchte.

Also sage ich lauthals und meine es ohne Einschränkungen: Den Text namens "Das Begräbnis" von Markus Hammerschmitt fand ich ohne Einschränkungen rühmenswert, und ich habe heftig dafür plädiert, ihn mit einem der Würth-Preise für Literatur auszuzeichnen.

Dies ist nicht dies erste Auszeichnung für Markus Hammerschmitt. Er hat 1989 ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg bekommen, 1995 ein Stipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, 1997 den Thaddäus-Troll Preis und 1998 den Essaypreis der Büchergilde Gutenberg. Nicht gerade wenig für einen Autor, der erst seit fünf Jahren den Beruf des ,freien Schriftstellers' ausübt, wie er selber sagt. Er stammt, Jahrgang 1967, aus Saarbrücken, hat als Schüler Gedichte zu schreiben und nach dem Abitur Philosophie und Literaturwissenschaft zu studieren angefangen: ein poeta doctus demnach, der seine akademischen Studien 1993 mit dem Magistergrad abgeschlossen hat. Seine Magisterarbeit haben die Tübinger Philosophen in Auftrag gegeben. Das Thema lautete: "Kritik der modernen Massenkultur - Theodor W. Adornos ,Minima Moralia' als Modellfall".

Drei Bücher von Markus Hammerschmitt sind in rascher Folge bisher im Suhrkamp Verlag erschienen: "Der Glasmensch" (1995), "Wind" (1997) und "Target" (1998). Dem, der ihn fragt, was ihn am Schreiben reize, antwortet er: "Am Schreiben reizt mich vor allem der Schneeflockeneffekt. Der Schneeflockeneffekt ist Menschen, die selbst nicht schreiben, nur extrem schwer zu vermitteln. Kurz gesagt handelt es sich um die glückhafte Selbstentfaltung einer Initialidee (einer Initialinspiration) zu einer kompletten Geschichte, einem Gedicht, einem Roman. Der erste Satz ist da, ich bin in der Nacht einige Stunden schlaflos, und kurz bevor ich doch einschlafe, kristallisiert dieser Satz zu einer kompletten Geschichte aus. Ich kritzele einige unleserliche Notizen auf ein Blatt Papier, beginne in den nächsten Tagen mit der Recherche und habe mit viel Glück eine Woche, einen Monat, ein Jahr
später ein Abbild der Schneeflocke vor mir. Das Werk ist eine Totenmaske der Konzeption, sagt Benjamin, aber damit muß ich leben." Soweit der Autor höchstselbst' zur selbstgestellten Frage, was ihn am Schreiben reizt.

Mitternächtliche Schneeflocken und Konzeptionen und Totenmasken und poetologische Begleitschreiben sind das eine - die Geschichte, das Gedicht, der Roman sind das andere. Woody Allen und Billy Wilder erzählen von einem Kollegen, dem in schlafloser Nacht am Ende der Stoff einfiel, aus dem unsere Träume sind. Hastig kritzelte er das Unerhörte aufs Papier. Und las am nächsten Morgen jene drei Worte, die er sechs Stunden zuvor für eine Revolution gehalten hatte: boy meets girl.

Wenn trotzdem - und sozusagen im Wissen um solche Enttäuschungen - eine Geschichte daraus wird, ist sie meistens gut, plausibel und überzeugend. Ich liebe an guten und plausiblen Geschichten, daß sie lakonisch sind. Auch wenn sie nichts mit Liebe zu tun haben, sondern mit dem Tod: sachliche Romanzen, tränenlose Tode.

Markus Hammerschmitts Begräbnis-Geschichte hat mit einem Tod zu tun, mit einer Pistole und jener Würde, die in unsagbarer Trauer liegt.

Ein Vater und eine Mutter betrauern den Tod ihres Sohnes, der Mitglied einer Vereinigung von Neonazis war und ums Leben kam, weil eine Handgranate in seiner Hand explodierte.

Erst berichtet der Vater, dann erzählt die Mutter.

"Ich kann mir das nicht verzeihen mit der Beerdigung", sagt der Vater. "Ich bin dort gewesen, aber ich bin nicht hingegangen. Ich kann mir das nicht verzeihen, weil ich vor den Freunden meines Sohnes Angst hatte. Um ehrlich zu sein, habe ich sogar noch daran gedacht, meine Pistole mitzunehmen."

"Das tut man nicht", erklärt die Mutter. "An der Beerdigung seines eigenen Sohnes nimmt man teil." Sie erzählt eine andere Geschichte. Sie handelt von dem verzweifelten Versuch, den Sohn zurückzugewinnen: durch eine Lüge, die ihn endgültig und mit aberwitziger Folgerichtigkeit aus der Bahn wirft. "Jetzt ist er tot, und das hat so kommen müssen. Manchmal denke ich, er war ein Wesen aus einer anderen Welt. Ich habe das aufgegeben, mich zu fragen, was ich falsch gemacht habe, aber ich bin deswegen immer noch beim Psychologen."

Überfordert die Mutter, selbstgerecht der Vater: "Stur und dumm ist mein Sohn gewesen, von Anfang an, und das hat ihn umgebracht. Nichts sonst. Der Sarg kann nicht sehr voll geworden sein." Es ist eine Tragödie, die Markus Hammerschmitt mitteilt. Und die Lüge der Mutter ist eine unter vielen, von denen sie und ihr Mann ein Leben im Windschatten, in Unentschiedenheit und Ungerührtheit bestritten haben.

"Er hat mich geheiratet, weil ich diese Wut haben kann, aber sie ist ihm auch peinlich. Ich werfe ihm nichts vor." So seufzt die Mutter. Gegen die abgrundtiefe Trauer hilft es über den Augenblick, daß nach einer Schuld niemand fragt: "Wenn Lars sich nicht getötet hätte, hätte er jemanden anders getötet, so radikal war er schon längst. Wie hätte ich das ertragen? Er ist nicht mehr da."

Im Namen der Jury komme ich zu folgendem Urteil: Markus Hammerschmitts Erzählung "Das Begräbnis", vier Schreibmaschinen-Seiten lang, ist eine makellose Prosa, für die ich dem Autor lauthals und uneingeschränkt dankbar bin.

 


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