Tod eines Künstlers
Ein Nachruf (1956)
Filemon Geprägs war der König der Kunstfurzer. Sowohl seine außergewöhnliche Kunst als auch sein freundliches und aufgeschlossenes Wesen gewannen die Herzen von Tausenden. Selbst Menschen, die Vorurteile gegenüber dem Kunstfurzen hegten, und sich nur deswegen zu einem seiner Konzerte herabließen, um ihn eventuell durch Zurufe oder Gelächter aus der Fassung zu bringen, besannen sich immer sehr schnell, und schlossen meistens schon nach den ersten Takten die Augen. Das war um so erstaunlicher, als Filemon Geprägs von den Veranstaltern nie anders angekündigt wurde als "Filemon, die Arschtrompete". Wenn man ihn zu seinen Glanzzeiten fragte, warum er eine solche ehrabschneiderische Werbung zuließ, lächelte er nur höflich und zuckte mit den Schultern. Ein einziges Mal antwortete er verbal darauf: "Man muss wissen, wo man herkommt." Als der Reporter der "Frankfurter Zeitung" eine nähere Erklärung erbat, mußte er sich mit einem weiteren Lächeln und Schulterzucken zufrieden geben.Nachdem Filemon Geprägs seine Kunst von William C. Bronfman gelernt hatte, einem amerikanischen Kunstfurzer, der Eingeweihten noch heute als Donner-Billy bekannt ist, stieg er im Berlin der Zwanziger Jahre schnell zu einem der gefragtesten Artisten in seinem Metier auf. Es waren diese goldenen Jahre des Variétes mit ihrer Verspieltheit, ihrer Vergnügungssucht, ihrem lärmigen Treiben, die einem Künstler selbst in der Sparte des Kunstfurzens ein einträgliches Auskommen, ein bürgerliches Leben und, im Falle von F. Geprägs, originären Wohlstand, wenn nicht gar Reichtum ermöglichten. Als Filemon Geprägs 1931 die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte fehlerfrei zur Begleitung des Berliner Kammerorchesters vom Blatt abfurzen konnte, und dies auch vor internationalem Publikum und unter Anwesenheit des schwedischen Königs vor Beweis stellte, dachten viele, das sei der Gipfelpunkt der Kunstfurzerei. Fachleute schrieben in der damals führenden Fachzeitschrift "Kunst und Können" von einem "Endpunkt der Entwicklung", "der Apotheose des Metiers", "dem Ende einer Disziplin in ihrer letzten Vervollkommnung". Aber der Ehrgeiz des Künstlers reichte weiter.
Wie erstaunt und geradezu schockiert war das Publikum, als Filemon Geprägs zum erstenmal mit seiner Arschtrompete auf die Bühne trat. Und wie schnell wandelte sich der Schock in verzückte Begeisterung, als Geprägs zur Begleitung einer Neger-Jazzband aus New York seinem Instrument Soli abrang, wie sie zu dieser Zeit selbst Louis Armstrong nur schwer vollbrachte. Er musste Jahre mit der Konstruktion der Apparatur verbracht haben, die ihn dazu befähigte, mit seinen Verdauungsgasen eine Trompete zu bedienen, und weitere Jahre mit der Vervollkommnung seiner Fähigkeiten in dieser Richtung. Vergegenwärtigen wir uns die Szenerie von damals, so sind die Verblüffung, der Schock, ja auch die heftigen Vorurteile der Ahnungslosen völlig verständlich. Da lag also der Künstler bauchunter auf einer Art Liegestuhl, seinen teilweise aus der hinten knöpfbaren Spezialhose herauslugenden Allerwertesten an den Adapter pressend, der Anus und Trompete miteinander verband, hochroten Gesichts eine Tastatur bedienend, die die Ventile der Trompete steuerten, und erzeugte dabei die schönste Musik, die man sich vorstellen kann. Das Ganze angekündigt unter dem Titel: "Filemon, die Arschtrompete, bläst Ihnen den Marsch. Größter Kunstfurzer aller Zeiten spielt Werke von Bach bis Benny Goodman." Unerhört, im wahrsten Sinne des Wortes. Und dennoch, die schärfsten Kritiker streckten die Waffen, nachdem sie den Künstler erst einmal auf der Bühne erlebt hatten.
Es ist immer die Kennmarke des Genies, wenn es in dem von ihm frei gewählten Betätigungsfeld gleich von Anfang an mit Meisterschaft und Sicherheit auftritt. Die Produktion des genialen Künstlers setzt immer sofort mit Kraft, Sicherheit und Eleganz gerade an dem Punkt ein, wo sie die größte Wirkung zu erzeugen vermag, und genau das trennt das Genie auf der einen Seite vom Mittelmaß und auf der anderen Seite vom hysterisch und geistlos von Presse und Funk verheizten Augenblickstalent, das heute wie ein Stern strahlt und morgen schon erloschen ist. Es war die Eleganz und die Sicherheit von Filemons Stil, die ihn auch bei der Aufführung der klassischen Trompetenliteratur nie versagen ließ. Man weiß nicht, was Johann Sebastian Bach von einer Interpretation seiner Trompetenwerke durch Filemon Geprägs gehalten hätte, die beiden großen Musiker konnten einander ja nie begegnen. Die Kritiker hingegen, anfangs noch skeptisch, obgleich schon durch jene rauschende Darbeitung der Arie der Königin der Nacht gewarnt, waren sich nach den ersten Konzerten einig: ein musikalisches Jahrhundertereignis. Filemon Geprägs wurde in den Feuilletons der größten Blättern gefeiert, und das Publikum lag ihm zu Füßen. Es kam zu Eheanträgen; Einladungen, auf Hochzeiten zu hohen Gagen zu spielen, wurden in den Glanzzeiten sackweise bei dem Künstler abgegeben, Würdenträger aus Politik und Wirtschaft gaben sich bei seiner Agentur die Klinke in die Hand, der Papst schickte ein Telegramm.
Nur wenige wissen, wie hart Filemon Geprägs sich diesen Ruhm erkämpfen mußte, mit welcher Ausdauer er für seine Erfolge trainierte (er sprach nie von "Üben", immer von "Trainieren"), wie kräftezehrend die strenge Hülsenfruchtdiät war, die er sich von seinen frühesten Auftritten an verordnet hatte. Zwar bemerkten einige der Zeitgenossen, dass es vieler Fürze bedurfte, um ein anderthalbstündiges Trompetenkonzert über die Bühne zu bringen, aber diese Bemerkungen zeugten eher von Verdacht als von Hochachtung. Es muss an dieser Stelle einmal ganz klar gesagt werden: die hie und da immer wieder auftauchenden Gerüchte, Filemon Geprägs habe bei seinen Arschtrompetenkonzerten einen "Furzgasverstärker" oder eine Art "Kompressor" benutzt, um die nötige Druckleistung zu erbringen, entbehren jeder Grundlage. Der einzige Kompressor, den er je benutzte, war der Eimer leicht angekochter Bohnen, der immer in Griffweite der oben beschriebenen Tastatur stand, und von dem sich Filemon Geprägs in den kurzen Pausen zwischen seinen Einsätzen Nachschub zuführte.
1932, politisches Unwetter dräute schon über Deutschland - das beste Jahr von Filemon Geprägs. Man darf den Essay des Philosophen Eduard Brand aus dieser Zeit, in dem der Künstler als lebender Beweis für den Sieg des Geistes und der Ästhetik über die Materie und die Verdauung angeführt wird, gut und gern als den klarsten Spiegel für die Strahlkraft zitieren, mit der Filemon Geprägs seine Kunst in der Gesellschaft zur Geltung zu bringen wußte.
Es kamen die dunklen Jahre der Schreckensherrschaft. Nach kurzem Erbeben und leichter Konfusion auch auf dem Kunstfurzermarkt wurde schnell klar, dass das Metier nicht, wie viele andere Sparten und Darbietungen als "entartet" oder "verjudet" verfemt werden würde, wenn auch zunächst keine glamourösen Auftritte vor großem Publikum stattfanden. Filemon Geprägs mußte sich zunächst damit abfinden, mit Portraits ausländischer Staatsmänner auf dem Hintern bei SA-Versammlungen und dergleichen aufzutreten. Bei diesen Gelegenheiten ging es recht unkünstlerisch und derb zu, wie man wohl vermuten kann. Aber selbst so blieb die Meisterschaft des Musikers nicht verborgen. Auch der dämonische Josef Goebbels erfuhr von diesen Konzerten, und brachte eine Aufführung vor Hitler selbst zustande. Dass dieser die Veranstaltung am 3.10.1936 nach zehn Minuten verließ, wurde allgemein als schlechtes Zeichen für Filemon Geprägs interpretiert, aber Goebbels hielt die Hand über ihn, und eine erstarkende Armee brauchte Unterhaltung. Von Goebbels ist die rhetorische Frage überliefert, ob man diesen Geprägs nun mit einem staatlichen Kunstpreis auszeichnen oder ins KZ stecken solle, und das macht deutlich, in welch prekärer Lage der Künstler die ganze Zeit über lebte. Zwar hatte er sein Auskommen, zwar konnte er auftreten, aber all diese Vergünstigungen konnten ihm jederzeit von den selbsternannten Göttern in der Berlin genommen werden.
Ob Fluch oder Segen, Filemon Geprägs war sich dieses Damoklesschwerts, das ständig über seinem Kopf hing, nicht bewusst. Er wollte nur auftreten, er wollte die Arschtrompete blasen, alles andere war ihm gleichgültig. Nur mit dieser politischen Naivität, ja Instinktlosigkeit, ist zu erklären, dass er erstens sein Glückwunschtelegramm an Hitler zum Anschluss Österreichs viel zu spät abschickte (sein Schreiben traf erst ein, als sich die Grüße der Furtwänglers und Karajans auf den Schreibtischen der Reichskanzlei schon stapelten) und dass er zweitens dieses verspätete Telegramm mit "Filemon, die Arschtrompete" unterschrieb. Seine Karriere war mit einem Schlag beendet. Er erhielt sofortiges Auftrittsverbot auf Lebenszeit und wurde so von heute auf morgen von seiner künstlerischen Berufung abgeschnitten. Es ist bekannt, dass er seiner Verhaftung und Verschleppung ins KZ nur deswegen entging, weil seine Frau vor einem hohen SS-Offizier mit persönlichen Beziehungen zu Himmler auf die Knie fiel. Die restlichen Jahre der Tyrannis verbrachte Filemon Geprägs in innerer Emigration. Zwar teilte er nicht das Schicksal anderer Opfer des Nationalsozialismus, aber ein Zuckerschlecken war dieses Leben nicht.
Diese harten Jahre brachen seinen Geist, wie nur allzu schnell nach der Niederlage zu erkennen war, denn obwohl langsam der Amüsierbetrieb und die Festivitäten im zerbombten Deutschland wieder an Stellenwert gewannen, obwohl Währungsreform und Marschallplan den Kunstbetrieb auch wieder auf eine solide finanzielle Basis stellten, obwohl viele Künstler aus dem Exil nach Deutschland zurückkamen, war die Spannkraft von Filemon Geprägs zusammen mit seiner Popularität verflossen. Er war gealtert, er war müde, seine Därme hatten kaum noch Kraft. Man muss die Geschichte dieses beruflichen Abstiegs nicht in allen deprimierenden Einzelheiten kennen, um sich das Elend des Künstlers in seinen späten Jahren vorstellen zu können. Wenige und schlecht bezahlte Engagements, ein vom amerikanischen Geschmack mehr und mehr verdorbenes Publikum, improvisierte Bühnen, kaum Bohnen geeigneter Qualität und ein arthritisches Gelenkleiden machten ihm das Leben zur Hölle. Als im Jahre 1951 seine geliebte Frau Hildgund starb, verließ ihn der letzte Lebensmut. In Düsseldorf, seiner Wahlheimat nach dem Krieg, war er zuletzt nur noch als ein alter, verwahrloster Mann bekannt, der manchmal mit seiner seltsam gebauten Trompete in der Hand auf der Königsallee hin und her lief, und bei den wenigen Menschen, die er ansprach, einen verwirrten Eindruck hinterließ. Filemon Geprägs ist, wie erst heute bekannt wurde, vor zwei Wochen im Düsseldorfer Mathildenspital allein und vergessen gestorben.
© Marcus Hammerschmitt, 2000
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