Druckpunkt
1
Am Ende war es das Trinken. Wer ernsthaft damit anfängt, marschiert entschlossen und freiwillig auf die Sucht zu, und bei mir war das genauso. Ich brauchte mich nicht groß davon zu überzeugen, daß ich trinken mußte. Es war so offensichtlich, weil ich besser wurde, wenn ich getrunken hatte. Das war ja genau der Zweck. Wenn ich meinen Pegel hatte, ging alles glatt. Es war fast wie eine Meditation. Es war eine Kunst, mich genauso zurechtzusaufen, daß ich in Form war. Idealer Muskeltonus, ideale Atmung, idealer Blutdruck, alles ideal. Ich wurde ein echter Experte im Verhindern einer Alkoholfahne. Wir werden relativ eng geführt, und es ist nicht einfach, unbemerkt in eine Sucht anzugleiten. Aber ich strengte mich sehr an. Dann bemerkte es einer aus der Gruppe, dann wußte es das ganze Kommando. Dann wurde ich in den Innendienst versetzt, in ein Büro ohne Fenster. Dann nahm ich meinen Hut, wie man so sagt. Dienstgrad beim Ausscheiden: Polizeiobermeister.
Wer mich für ein Opfer hält, der weiß nicht wovon er redet. Heute bin ich fast wieder nüchtern, aber ich weiß nicht so recht, wozu.
2Niemand mag Scharfschützen. Das wurde mir erst richtig klar, als ich nach meinem ersten Abschuß zu einem Psychologen mußte. Von mir aus wäre ich nicht hingegangen, aber meine Vorgesetzten empfahlen es mir, rein zur Vorbeugung. Sie wollten Investitionen schützen. Wenn der Staat kein Geld hat, wiegt jedes Versagen doppelt schwer. "Wir haben eine Menge Zeit und Geld in Ihre Ausbildung gesteckt, Mertens, wär schade drum, wenn Sie jetzt zusammenklappen." Ich fühlte mich nicht nach Zusammenklappen. Ich hatte einen Bankräuber getötet, der schon eine Geisel erschossen hatte und drohte, die anderen auch noch umzubringen. Ich hatte genau das getan, wofür ich ausgebildet worden war, und was ich tun wollte. Nicht, daß ich erwartete, man würde mich befördern oder mir ganz schrecklich dankbar sein. Mit den Leuten, die wir befreit haben, bekommen wir sowieso nie Kontakt, weil wir auch dann diese Skimützen tragen müßten, und das würde sich nicht so gut machen, so ein Kaffeeplausch mit einem Vermummten. Aber irgendwie hatte ich mit einer stillen Anerkennung meiner Leistung gerechnet. (Es war ein komplizierter Schuß gewesen, aus fast dreihundert Metern Entfernung, ungünstiger Winkel, halbdurchsichtige Vorhänge, und ich wußte, der Kerl war am Durchdrehen). Aber man schickte mich zum Psychologen. Der Psychologe versuchte mir andauernd klarzumachen, daß ich kein Schwein war. Ich fühlte mich gar nicht so. Er hatte sogar die Vorstrafenliste des Täters dabei, um mir zu zeigen, wer das wirkliche Schwein war. Vielleicht hätte der Täter vorher einen Psychologen gebraucht, wer weiß? Ich sollte andauernd über meine Gefühle reden, vor allem über das der "Machtfülle" (sein Begriff) und das der "Reue". Nach der dritten Sitzung sagte ich, ich sei darüber hinweg. "Machen Sie's gut", sagte er mir zum Abschied, "Sie schaffen das." Und genau da wurde mir klar, daß niemand Scharfschützen mag. Ich habe eine Theorie dazu. Scharfschützen gelten als feige. Sie verstecken sich, bevor sie losschlagen. Sie töten aus großer Entfernung, und können so das Weiße im Auge des Feindes nicht sehen, usw. Der ganze Mann-gegen-Mann Quatsch entfällt für Scharfschützen. Es kommt nur darauf an, gut zu schießen, Mut ist kein Thema. Sie machen eine wichtige Arbeit, aber die ist irgendwie nicht ehrenhaft. Scharfschützen sind die modernen Henker in einer Gesellschaft, die die Todesstrafe abgeschafft hat. Der Henker früher ja auch wichtig, aber keiner mochte ihn. Ich habe neulich gehört, im Mittelalter hätten die Verurteilten den Henkern vor der Enthauptung ein Trinkgeld gegeben, damit sie sauber zuschlagen. Witziger Gedanke, daß die Leute, die ich erschießen mußte mir vorher Trinkgeld geben, damit ich's gut mache.
Ich ging die Treppe runter beim psychologischen Dienst und fühlte mich schlecht. Ich war zum SEK gegangen, weil mir der normale Dienst nicht gefiel. Und ich war zur PSG gegangen, weil ich ein guter Schütze war, immer schon. Aber jetzt dämmerte mir, daß mir dafür niemand auf die Schulter klopfen würde.Übrigens war ich ja niemals ein Scharfschütze. Uns wurde immer eingeprägt, wir seien keine Scharfschützen, sondern "Präzisionsschützen", genauso wie das SEK kein "Sondereinsatzkommando" sondern ein "Spezialeinsatzkommando" sei. Ich habe einmal den Fehler gemacht, nach den Gründen für diese feinen Unterscheidungen zu fragen. Mein Ausbilder hat mich nur angesehen, und gefragt: "Aber Abitur hast du, ja?" Ich konnte solange nichts damit anfangen, bis mir klar wurde, daß "Sondereinsatzkommando" zu sehr nach "Sonderbehandlung" klang, und "Scharfschütze" für militärische Scharfschützen reserviert war. Die Wortkosmetik sagte uns: Wir sind keine Soldaten, schon gar nicht von der Wehrmacht, sondern wir sind Polizisten. Auf Präzision spezialisierte Polizisten. Und so gefiel mir das auch.
"Abschuß" sollte auch keiner sagen. War aber nicht auszurotten.
3Und ob ich mein Gewehr mochte. Es war ein PSG-1 von Heckler & Koch. Präzisionsschützengewehr 1. Dieses Gewehr ist der Standard für unseren Beruf. Bis 600 Meter Entfernung ist es das beste Scharfschützengewehr der Welt. Man muß damit fünfzig mal hintereinander eine Fläche von 16 cm² treffen können, aus 300 Metern Entfernung. 300 Meter sind eine große Entfernung, und fünfzig Mal ist sehr oft, wenn es um's Schießen geht, aber mit diesem Gewehr ist das möglich, wenn man so gut ist wie ich. Das PSG-1 wäre auch bei mehr als 600 Metern das beste Scharfschützengewehr der Welt, wenn es ein Zielfernrohr für größere Entfernungen vertragen würde. Es verträgt aber nur das Hensoldt 6x42, und dessen Markierungen reichen nur bis 600 Meter Entfernung. Das Gewehr nimmt Magazine mit fünf und zwanzig Schuß, wiegt etwa 9 Kilo (mit einem Zwanzigermagazin), ist etwa 1,20 Meter lang, und hat ein Abzugsgewicht von 1,75 Kilo. Es schießt gut, fühlt sich gut an und sieht meiner Meinung nach gut aus. Es gibt Leute, die bemängeln, daß es für den militärischen Einsatz nicht geeignet ist, weil es die Patronenhülsen zu weit auswirft, weil das Mündungsfeuer zu gut sichtbar ist, und weil es nicht über 600 Metern Entfernung einsetzbar ist. Stimmt. Aber wir sind Polizisten und keine Soldaten. Ich sollte damit, wenn nötig, Geiselnehmer und Terroristen erschießen, und keine anderen Soldaten. Und dafür war und ist es das beste Gewehr der Welt.
Weil es 20000 Mark kostete, bekamen es nur die Leute, die es brauchten. Ich brauchte eins.
Ich war fast versucht zu fragen, ob ich es mitnehmen kann, als ich ausschied. Zum Glück habe ich mir das aus dem Kopf geschlagen. Das wäre der Lacher des Jahrhunderts geworden.
Dem Vernehmen nach hatten die DDR-Leute auch das PSG-1.
4Ich mochte verschiedene Dinge. Ich mochte das Schießen. Das war bei mir als Kind schon so, und später erst recht. Als ich Präzisionsschütze geworden war, war das Übungsschießen für mich der schönste Teil des Berufsalltags. Ich schoß gut unter Streß, nach langem Warten, im Regen und bei Sonnenschein, mit vollem und mit leerem Magen, bei allen Windverhältnissen, bei denen man überhaupt im Freien schießen kann, unter allen Bedingungen. Das Übungsschießen machte mir richtig Spaß, es war ein fortgesetzter Wettkampf um Nervenstärke und Genauigkeit, und das fand ich gut. Später fand ich dann heraus, daß ich am allerbesten schoß, wenn ich besoffen war. Fataler Fehler, aber so war es. - Wer denkt, daß ich Dutzende von Menschen auf dem Gewissen habe, täuscht sich. Ich habe in fünf Jahren Dienst als Präzisionsschütze genau fünfmal auf Menschen geschossen, und einer davon hat überlebt. Es ist ein interessantes Merkmal dieses Berufs, daß er so selten wirklich gebraucht wird. Als ich zu der Truppe stieß, war die RAF schon längst in Auflösung begriffen, und unsere Aufgaben verlegten sich immer mehr von der Terrorbekämpfung zurück in den Alltagsbereich und die normale Kriminalität, will sagen Familienstreitereien und Überfälle mit Geiselnahme. Das kommt zwar öfter vor, als man meint, und wir waren auch bei unzähligen Einsätzen dabei, aber eigentlich wußte jeder, daß etwas schief gelaufen war, wenn wir zum Zug kamen.
Es macht mir keinen Spaß, auf Menschen zu schießen. Wenn es unumgänglich war, mußte ich Kriminelle töten, um andere Menschen zu retten, und in allen fünf Fällen, an denen ich beteiligt war, gab es keinen anderen Ausweg. Viermal war mein Schuß tödlich, einmal nicht, in allen Fällen wurde der Täter daran gehindert, Geiseln umzubringen. So war das.Ich mochte auch immer die internationalen Wettkämpfe. Es war reiner Sport. Teams aus der ganzen Welt traten gegeneinander an, und schossen um die Wette. Ich war eigentlich jedes Jahr dabei, und gab mein bestes. Was ich immer erstaunlich fand: An die Schweizer und Österreicher war nicht heranzukommen. Bei den Amerikanern fand ich es nicht verwunderlich, daß sie immer unter die ersten drei kamen, die Amerikaner sind eine waffenverrückte Nation, aber daß wir gegen die Schweizer und die Österreicher nie eine echte Chance hatten, hat mich immer wieder verblüfft. Ich weiß nicht, was die da eigentlich treiben in den Alpen. Man hört auch seltener davon, daß die Schweiz und Österreich Hochburgen des internationalen Terrorismus oder der Kidnapperszene sind. Möglicherweise möchten die Schweizer ihre Banken schützen, das könnte man verstehen. Ich hatte ja auch hier in Deutschland viel mit Banküberfällen zu tun, und die Schweizer sind mit ihren Banken sehr sensibel. An den Gewehren kann es jedenfalls nicht liegen, denn die Schweizer und die Österreicher schossen Steyr-Gewehre, die gut sind, aber nicht so gut wie unsere. Die Alpenteams waren sogar neidisch auf unsere Gewehre, das merkte man immer daran, daß sie uns um Probeschüsse baten. Das hat mich schon gejuckt, daß sie mit unterlegenem Material immer vorne lagen. Aber sie waren eindeutig die besseren Schützen. Meine beste Einzelplatzierung war Rang 6.
5Es gibt einige Dinge beim Schießen, die mich faszinieren. So muß man z.B. ab einer bestimmten Entfernung die Corioliskraft mitbedenken, die einfach dadurch entsteht, daß die Erde eine Kugel ist, die sich um sich selbst dreht. Und die Magnuskraft, die dadurch entsteht, daß die Kugel sich um die Längsachse dreht. Ich habe es immer spannend gefunden, daß man all diese Kräfte mitbedenken mußt, aber sie nicht völlig berechnen kann. Es ist ein Stück Intuition dabei, wenn man ein Ziel trifft, vor allem über große Entfernungen. Ich weiß nicht woher das bei mir kommt, aber ich bin glücklich, wenn ich treffe. Der Psychologe, der mich nach meinem ersten Abschuß beraten hat, wüßte es vielleicht. Es war nicht das Töten, es war das Treffen.
Und dann war ich gut im Warten. Ich war gut im Warten auf einen Einsatz, weil ich ja eigentlich keine große Lust darauf hatte, daß es ernst wurde. Und ich war gut im Warten während der Einsätze. Wie ich ja schon gesagt habe, bin ich nicht oft zum Schuß gekommen. Die Einsätze selbst bestanden die meiste Zeit aus warten. Wir lagen oder knieten auf irgendwelchen Dächern, Balkonen etc. herum, und warteten darauf, daß uns per Funk der Abschuß befohlen wurde. Da konnte eine Schicht schon mal 12 Stunden lang dauern. Wir haben da diese Liegematten, die uns vor der Kälte des Untergrunds schützen. Aber die nützen manchmal nicht viel. Man konnte bei den entsprechenden Temperaturen ganz schön durchfrieren. Aber mir machte das nicht so viel aus. Ich kann vielleicht sogar ohne Übertreibung sagen, daß es mir im Vergleich zu den anderen in meiner Gruppe am wenigsten ausmachte. In dem Jahr, in dem ich den Dienst quittierte, wurde einer meiner Kollegen getadelt, weil er außerplanmäßig im Winter für zwei Minuten aufgestanden war, um sich die Kälte aus den Muskeln zu schütteln. Zum Glück ist während dieser Kunstpause bei der Geiselnahme nichts passiert, dann wäre er rausgeflogen. Ich wäre nie aufgestanden. Das war bei mir einfach nicht drin. Und selbst wenn es mir richtig ungemütlich wurde, konnte ich mein Unbehagen wegmeditieren. Es war eine Art Meditation. Ich hab niemand davon erzählt, weil ich nicht für spinnert gehalten werden wollte, aber ich machte dasselbe mit dem Atem, was irgendwelche Leute machen, die für die Erleuchtung meditieren. Wir machten natürlich ganz offiziell autogenes Training für die Konzentration usw., aber niemand nannte das Meditation. Ist aber doch eigentlich dasselbe. Ich fand den Begriff Meditation besser. Komisch hört sich vielleicht auch folgendes an: Wenn ich ein paar Stunden mit meinem Gewehr auf der Matte herumgelegen war und auf ein Fenster, oder ein Ziel unter freiem Himmel angelegt hatte, ergab sich so eine Art Verbindung zwischen mir und dem Gewehr. Ich spürte dann die Grenze zwischen der Waffe und meinem Körper nur noch ganz schwach. Ich konnte kaum noch unterscheiden, wo meine Haut aufhörte und das Holz, der Kunststoff und das Metall begannen. - Jeder von uns hatte so seine Tricks gegen das Einschlafen. Manche lösten schwierige mathematische Aufgaben im Kopf oder memorierten lange Gedichte. Keller, einer meiner Teamkollegen, lernte zu diesem Zweck die ganzen langen Riemen von Goethe und Schiller auswendig. Kein Witz. Mein Trick war die von mir selbst erfundene Scharfschützentrance. Nach dem ersten Abschuß wußte ich auch, daß ich keine Probleme damit hatte, aus der Trance wieder in den Normalzustand zu kommen. Der Befehl kam über den Knopf im Ohr, ich sah den Geiselnehmer durch mein Zielfernrohr herumbrüllen, überschlug noch einmal Entfernung und Windstärke etc. und erschoß ihn. Es wirkte einfach und natürlich. Wie bei einem Elektrogerät, das aus dem Standby-Modus aufwacht. Ich war sofort voll da und kam zum Schuß.Später kam dann zu der Scharfschützentrance der Alkohol dazu.
6"Wie konnte das nur passieren?", hat mein ehemaliger Ausbilder mich gefragt, als klar geworden war, daß ich bei jedem Einsatz einen Flachmann in der Hosentasche hatte. Und meine Antwort lautete: "Das kann ich Ihnen nicht sagen." Ich hätte ihm schon was sagen können, aber er hätte es mir nicht geglaubt. Mit Alkohol wurde ich einfach noch besser beim Schießen. Es war so. Ich entdeckte das nach einem Abend mit dem Teamkameraden, an dem wir bis tief in die Nacht meinen Geburtstag gefeiert hatten, und am Morgen war noch soviel Restalkohol da, daß es meine Performance beeinflußte. Und zwar positiv. Ich fand das überraschend. Natürlich war mir klar, daß ich als Präzisionsschütze beim SEK kein Alkoholiker sein durfte, wie ich schon sagte, bin ich da offenen Auges hineingeraten. Ich wollte ja auch kein Alkoholiker sein. Ich wollte immer nur gerade soviel trinken, daß ich ganz ruhig wurde. Ich wollte den Alkohol gewissermaßen therapeutisch einsetzen. Nach einer Zeit hatte ich den Bogen raus. Die Ergebnisse am Schießstand waren sehr gut, und bei den Einsätzen war ich sehr gelassen und konzentriert, als hätte ich genau die richtige Dosis eines Beruhigungsmittels eingenommen. Meinen 6. Platz bei dem letzten internationalen Wettbewerb, an dem ich teilnahm,holte ich auch nur deswegen, weil ich mich zurechtgetrunken hatte. Ich fand das alles sehr seltsam. Alle Welt erzählte einem, Drogen und Alkohol wären in meinem Beruf tabu, aber ich machte meinen Job einfach besser, wenn ich ein bißchen Gas hatte. Nie zuviel. Immer ein bißchen. Dann kippte das natürlich. Ich trank auch privat mehr; in die kleinen Flaschen, die ich zur Arbeit mitnahm, mußte ich immer härtere Sachen reintun, usw. usf., man kennt das ja. Ich strengte mich aber an. Niemand sollte was merken.
Dann kam mein fünfter Abschuß. Das war ein furchtbarer Einsatz. Es war so ziemlich das schlimmste passiert, was man sich vorstellen kann: Geiselnahme in einem Kindergarten. Der Täter war der Vater eines der Kinder, es ging um Sorgerecht und so, er war völlig durchgedreht und hatte eine Handgranate und einen Revolver dabei. Die Zeitungen haben nachher geschrieben, er sei psychisch krank. Unsere Psychologen bearbeiteten ihn nach allen Regeln der Kunst, um ihn am Ausrasten zu hindern, und als sie sich ein Bild von ihm gemacht hatten, schlugen sie die Strategie vor, die dann auch zum Erfolg führte. Einige Kollegen verkleideten sich als Zeitungsreporter, und lockten den Mann auf den Vorplatz des Kindergartens, weil sie angeblich ein Interview mit ihm führen wollten. In dem Moment, als er ein paar Meter vor der Tür stand, schaltete ich ihn aus. Ich traf sofort, und weil er sehr langsam nach hinten stolperte, als habe er sich noch unter Kontrolle, schoß ich noch einmal. Es ist sehr schwer, auf große Entfernungen bewegliche Ziele zu treffen, aber ich schaffte es, ich war ganz ruhig. Er wurde dann später lange operiert und überlebte. Ich habe mich manchmal gefragt, was aus ihm geworden ist. Kurze Zeit später wurde der Alkohol in meinem Spind entdeckt, eigentlich eher aus Zufall.
7Nachdem ich aus der Polizei ausgeschieden war, bin ich noch einmal privat zum Psychologen. Ich wollte selber genauer erforschen, wie es dazu kam, daß ich getrunken habe, seelisch, meine ich. Ich wollte auch mit dem Trinken aufhören, und suchte nach Unterstützung, sicherheitshalber, falls ich es nicht allein schaffe. Der Mann war mir auf Anhieb sympathisch, und ich glaube bis heute, daß er mir ehrlich helfen wollte. Aber leider ist er auf eine völlig falsche Fährte geraten. Nach ein paar Sitzungen war er nämlich davon überzeugt, daß ich das Trinken angefangen habe, weil ich Schuldgefühle gegenüber den Leuten hatte, die ich erschießen mußte. Wenn man mich fragt, ist das totaler Schwachsinn. Das machte überhaupt keinen Sinn. Ich trank doch, weil ich besser schießen wollte! Wie paßt das mit der Idee zusammen, daß ich Schuldgefühle wegen meines Berufs hatte? Aber davon wollte der Psychologe nichts hören. Er glaubte, meine untergründigen Schuldgefühle wegen meiner vier gelungenen Abschüsse hätten mich zum Alkohol gebracht, in einer Art Rache gegen mich selbst. Manchmal wundert es mich nicht, daß Psychologen in der Öffentlichkeit immer ein wenig belächelt werden. Sie suchen immer nach "untergründigen" und "verdrängten" Motiven, für die sie keine Beweise haben. Wenn man an diesem Verdrängungskonstrukt zweifelt, gilt ihnen das als Beweis dafür, daß sie recht haben. Wenn ich Schuldgefühle gehabt hätte, hätte ich etwas davon gespürt. Aber die ganzen Jahre gab es keine Träume, keine Fehlleistungen, nichts. Das konnte alles nicht stimmen. Ich habe die Therapie aufgegeben. Danach war ich noch in einer Selbsthilfegruppe, aber da fühlte ich mich so fremd, als sei ich in den falschen Film geraten. Unter all diesen Leuten konnte ich meinen Beruf nicht erwähnen, und deswegen blieb ich immer allgemein und vage, und es machte keinen Sinn. Auch damit habe ich schnell wieder aufgehört.
Ich trinke jetzt gar nicht mehr so viel. Nur nach vier Uhr, und keine harten Sachen mehr.
8Berufsaussichten? Daß ich nicht lache. Ich bin 38. Wer nimmt einen 38-jährigen ehemaligen Scharfschützen mit Neigung zum Alkohol? Ich könnte ja meine Fähigkeiten woanders einbringen. Es gibt Unternehmen, die würden einen wie mich mit Kußhand nehmen und überall dorthin vermieten, wo es Scharfschützen braucht. Von einem in London habe ich sogar die Adresse. Aber ich bin Polizist, kein Lohnkiller.
Oder ich könnte Leibwächter sein. Körperlich bin ich topfit, ich habe die ganze Zeit Sport getrieben, manchmal bis zum Umfallen. Den Waffenschein haben sie mir auch gelassen, und ich war regelmäßig im Schießstand, bei einem Schützenverein, man stelle sich nur vor. Ich bin auch immer recht gut in Kampfsport gewesen, das ist ja beim SEK Standard. Ich könnte dann irgendwelche Prominente bewachen, oder Leute, die sich dafür halten und genug Geld haben, ich hätte eine dunkle Sonnenbrille auf und trüge einen Knopf im Ohr. Aber es gibt da ein Niveauproblem. Für die einen wäre ich überqualifiziert und für die anderen untragbar. Bei den miesen Klitschen wäre ich wahrscheinlich auch nichts anderes als ein Lohnschläger, und bei den wirklich interessanten und seriösen Läden würde man mich sofort fragen, warum ich bei der Polizei ausgestiegen bin. Dann müßte ich lügen, denn die Seriösen und Interessanten würden niemand dulden, der säuft. Oder je gesoffen hat. Ich bin ein schlechter Lügner. Ich werde rot dabei.
In Amerika hätte ich noch eine andere Karrieremöglichkeit. Ich könnte Amokläufer werden. Das hat ja in Amerika Tradition. Man hat dort einen Frust, kommt mit sich selbst und der Welt nicht klar, und fängt an, um sich zu schießen. Es gibt einen Film über Charles Whitman, den ehemaligen Armee-Scharfschützen, der 1966 16 Menschen in Austin erschossen hat. "Turm des Schreckens" heißt der Film, den habe ich neulich gesehen. Man vermutet ja, daß Whitman wegen eines Gehirntumors durchgedreht ist, aber letztendlich konnte man das nicht beweisen. In Amerika wäre so etwas standesgemäß. Aber ich will ja weiterleben, und ich will auch eigentlich niemand mehr erschießen. Vier Menschen reichen eigentlich, finde ich. Außerdem sind wird hier nicht in Amerika.
Ich war auch schon beim Arbeitsamt. Dor hat man mir gesagt, daß ich unvermittelbar bin. Ich habe gefragt, ob ich vielleicht eine Umschulung machen kann, aber man war sich nicht sicher. Ich war mir auch nicht sicher, in welchen Beruf ich umgeschult werden wollte. Ich habe ein Hobby, aus dem ich früher mal einen Beruf machen wollte. Aber damit wollte ich den Leuten beim Arbeitsamt gar nicht erst kommen.Ich werde wahrscheinlich etwas anderes machen. Ein Freund von mir, von früher, aus dem normalen Polizeidienst, hat ein Wachschutzunternehmen aufgemacht. Er hat mich gefragt, ob ich nicht bei ihm im Objektschutz anfangen will. Ich habe ihm erklärt, daß ich bei der Polizei gegangen bin, weil ich getrunken habe. Da hat er gesagt: "Wenn ich alle rausschmeißen würde, die saufen, wär's hier bald ziemlich einsam. Überleg's dir."
Ich glaube, das werde ich machen.
© Marcus Hammerschmitt, 2001
Marcus, Hammerschmitt, Scharfschütze, Scharfschützen, Präzisionsschütze, Präzisionsschützen, PSG, PSG-1, Heckler & Koch, Hensoldt, SEK, Sondereinsatzkommando, Spezialeinsatzkommando, Polizei, Bankraub, Verbrechen, Geisel, Geiselnahme, Terror, Terrorismus, RAF, Schütze, Gewehr, Munition, Trance, Meditation, Alkohol, Alkoholismus, Neue Deutsche Literatur, ndl, Aufbau Verlag Marcus, Hammerschmitt, Scharfschütze, Scharfschützen, Präzisionsschütze, Präzisionsschützen, PSG, PSG-1, Heckler & Koch, Hensoldt, SEK, Sondereinsatzkommando, Spezialeinsatzkommando, Polizei, Bankraub, Verbrechen, Geisel, Geiselnahme, Terror, Terrorismus, RAF, Schütze, Gewehr, Munition, Trance, Meditation, Alkohol, Alkoholismus, Neue Deutsche Literatur, ndl, Aufbau Verlag Marcus, Hammerschmitt, Scharfschütze, Scharfschützen, Präzisionsschütze, Präzisionsschützen, PSG, PSG-1, Heckler & Koch, Hensoldt, SEK, Sondereinsatzkommando, Spezialeinsatzkommando, Polizei, Bankraub, Verbrechen, Geisel, Geiselnahme, Terror, Terrorismus, RAF, Schütze, Gewehr, Munition, Trance, Meditation, Alkohol, Alkoholismus, Neue Deutsche Literatur, ndl, Aufbau Verlag Marcus, Hammerschmitt, Scharfschütze, Scharfschützen, Präzisionsschütze, Präzisionsschützen, PSG, PSG-1, Heckler & Koch, Hensoldt, SEK, Sondereinsatzkommando, Spezialeinsatzkommando, Polizei, Bankraub, Verbrechen, Geisel, Geiselnahme, Terror, Terrorismus, RAF, Schütze, Gewehr, Munition, Trance, Meditation, Alkohol, Alkoholismus, Neue Deutsche Literatur, ndl, Aufbau Verlag