Café Vidocq
Fencing (Right honorable) in this new fangled age, is like our fashions, every day a change, resembling the chameleon, who alters himself into all colors save white. So fencing changes into all wards save the right. That it is so, experience teaches us, why it is so, I doubt not but your wisdom does conceive. There is nothing permanent that is not true, what can be true that is uncertain? How can that be certain, that stands upon uncertain grounds? (George Silver's Paradoxes of Defense, 1599)
Mein Vater war ein Rockstar, er hat sich in den Kopf geschossen, als ich zwei war, ich vermisse ihn nicht, er war ein Schwein, er hat mich angefaßt. Er war kein Schwein, er war ein Opfer: sagen auch manche, sie sagen: meine Mutter, die auch ein Rockstar war, hat ihn umbringen lassen, wegen des Geldes und weil er berühmter war als sie. Sie haben ihn gefunden auf einer Glasveranda in einem Haus, das er sich vierzehn Tage vorher gekauft hatte, angeblich mit einem Schrotgewehr im Mund und einem Loch im Kopf, es gibt aber auch welche die sagen: es hat kein Gewehr gegeben. Es hat kein Loch gegeben. Der erste Bulle an seiner Leiche will kein Blut gesehen haben, er hat seinerzeit ein Buch gemacht, das ist heute alles vergessen. Mein Vater war ein Rockstar. Ich kenne seine Musik. Plutonium hieß die Band, und wenn Charles mich aufregen will, legt er "I havent got a mind" auf im Café, ich habe ihm einmal deswegen was ins Gesicht geschüttet. Die Musik verbreitet ungefähr dieselbe Stimmung wie Lungenkrebs. Mein Vater hat mit dieser Platte Millionen gemacht; als meine Mutter starb, war leider nichts mehr davon da. An Abenden, an denen ich glaube, daß meine Mutter meinen Vater hat umbringen lassen, höre ich mir sie selbst an. Sehr laut. Neulich hat mich ein Nachbar versucht, daran zu hindern. Mir war alles so scheißegal, daß ich die Knarre zur Tür mitgenommen habe. Der Wichser hat vielleicht geglotzt. Ich dachte, jetzt holen sie mich. Jetzt kann dir das Café nicht mehr helfen, habe ich gedacht. Aber es ist dann gar nichts passiert. Ernst sagt immer: ich helfe euch mit einem neuen Paß. Ich helfe euch mit einer neuen Kanone. Ich lasse Spuren verschwinden. Aber wenn ihr bedröhnt den Kollegen vom RD in die Finger kommt, ist das eure Problem. Klar? Ernst beendet jede seiner Reden mit einem strammen "Klar?". Er läßt sich Mr. Himmler von mir nennen, aber nur von mir. Deswegen darf er zu mir manchmal Miss America sagen. Ich bin eine der wenigen Frauen im Café. Das Café Vidocq war einmal. Mein Dad war einmal. Ich bin bald auch einmal gewesen.Mein Name ist Nico. Ich bin eine Mörderin. Ich singe jetzt das Deutschlandlied. Die erste Strophe zuerst. Mein Name ist Das Deutschlandlied. Ich bin eine Nico. Ich singe jetzt das Lied Die Mörderin. Die letzte Strophe zuerst. Mein Name ist Mörderin. Ich bin ein deutsches Mädchen. Ich singe jetzt das Lied Die Nico. Seine einzige Strophe zuerst.
Mein wirklicher Name ist Nico. Ich bin eine Mörderin. Das habe ich ihm dann auch gesagt, als mir endgültig klar war, daß ich den Job nicht machen konnte. Ich konnte das nicht. Als ich ihm das gesagt habe, mitten in sein Gesicht hinein, daß er verschont ist von mir, da war er nicht einmal sehr erstaunt. Er ist nicht dumm. Er hat nie wirklich geglaubt, daß ich mich aus Liebe an ihn gehängt habe. Hat er gesagt. Er glaubt es mir wahrscheinlich immer noch nicht. Es ist etwas passiert. Er hat mich weinen gesehen. Und er hat selbst geweint, und gesagt: "Du bist der kränkste Mensch, den ich je getroffen habe." Daß man in Deutsch weinen kann, es war mir selten so klar. Und er muß es doch wissen, er ist früher Psychologe gewesen. Laute Musik in meinen Ohren, der Junge neben mir hört ... nicht Plutonium, das kenne ich nach dem zweiten Takt. Berliner Blässe im Gesicht, spitze Nase tief in irgendeinem weißen Pulver, still sitzt das kleine Arschloch da neben mir und verbreitet aus seinem Ohrimplantaten das neueste Punkderivat der Hauptstadt. Kommt sich damit originell vor, bis die Bahnbullen ihn rausschmeißen. Und wenn er derjenige wäre, ders mir besorgt? Ich bin eine Mörderin, die einen Job nicht hat machen können, und die nun langsam paranoid wird. Im Café laufen jetzt die Wetten, wie lange ich durchhalte. Manchmal kommt es mir immer noch möglich vor. Ich liege im Aschenlicht eines Berliner Morgens neben meinem ältlichen Geliebten und denke: töte ihn. Geh aus der Wohnung. Nimm die U-Bahn (Französische Straße) geh ins Café um sieben Uhr morgens, sieh Charles an und sag: "Kann ich etwas zu trinken haben?" Charles wird da sein. Charles schläft nie. Charles würde sagen: "Was macht das Geschäft?", und ich würde sagen: "Geht so." Er würde mir einen Orangensaft auf den Tresen stellen, dann sein Handy aus der Brusttasche ziehen, das entfernt an ein ergonomisches Zahnarztinstrument erinnert, sich umdrehen, damit ich die Nummer nicht höre, die er durchgibt und dann mit einem höflichen Herren am anderen Ende der Leitung einige Banalitäten über das Wetter austauschen. Oder über ein Sportereignis. Und damit wäre mein Arsch gerettet. Charles ist auch Deutscher. Hier in Berlin gibt es so viele davon, man kommt sich beinahe wie im Ausland vor.
Züge und Felder, Züge und Felder. Ich FUHR in der U-Bahn, die ließen sie in den Grund gebohrt, als die Schwebebahnen kamen, die ließen sie als das Billigere den Leuten die das Billigere brauchen, früher bin ich geschwebt, jetzt fahre ich U-Bahn, hier kommt man noch ohne Registrierung durch, dafür sind die Bahnbullen aggressiver. Ich FUHR in der U-Bahn. Ein Junge in Schwarz SASS neben mir und ließ die Luft schwingen im Takt feiner iridiumbeschichteter Plättchen, die er sich hatte einoperieren lassen statt seiner Ohren. Es GAB damals eine neue Krankheit. Sie STANDEN auf der Straße, LAUSCHTEN und LAUSCHTEN, man NANNTE sie die Lauscher, es WAR eine neue Form von Geisteskrankheit, die von den Implantaten kam. Ich FUHR in der U-Bahn, in einem verpissten Wagen, ich SASS, wie eine Schlange liegt, ich TRUG meine Waffe bei mir, und WAR bereit, sie zu ziehen. Ich FUHR zu meinem Geliebten. Iridium, Plutonium. Ich leg das alles nach rückwärts, damit es mir vorkommt, als wär es vorbei. Der Scheißer hört keine Musik mehr. Er sitzt nur noch still neben mir, und das ist noch schlimmer als vorher. Er merkt, daß ich merke, daß er merkt. "Rape me", hieß einer der großen Hits von Plutonium. Seit zwanzig Tagen überfällig. Käm ich jetzt ins Café. Sie ließen mich nicht mehr gehen. Ich FUHR an einem Wohnblock entlang. Ich KONNTE in ein Fenster sehen, in ein Fenster hinter einer Gardine in einer Wohnung die sanft hell war, an der Wand: Aquarien? Bookshelves? Ich SAH das Bild länger, als ich es sehen konnte. Felder und Züge. Die unterschiedlichen Größen von Ein- und Ausschuß beruhen auf folgenden Ursachen: Obwohl die Haut gedehnt wird, wenn das Geschoß in den Körper eindringt, kehrt sie wieder in die frühere Lage zurück. Daher erscheint die Größe der Einschußwunde oft geringer als der Durchmesser des Projektils. Ich SAH den Jungen neben mir, im letzten Winkel meiner Augen. Ich WUSSTE er würde ein Lauscher, so still und bekokst und andächtig SASS er da. Ich FUHR durch die Häuser hindurch. Der Zug RISS Löcher in die Mauern. Die deutlichsten Spuren an einem Geschoß werden von den sogenannten Zügen verursacht, die einem abgefeuerten Projektil auf seinem Weg durch den Lauf einen lagestabilisierenden Drall geben, je nach Hersteller der Waffe einen Rechts- oder Linksdrall. Allein anhand der Spuren, die der gezogene Lauf dem Projektil einprägt, kann es eindeutig einer bestimmten Waffe zugeordnet werden. Die Deutschen, die Deutschen, die Deutschen. Ich - ich / ich - ich - ich / ich - ich - ich / ich - ich. So MACHTE der Zug. So FUHREN wir über die Felder. Als ich einmal klein war, habe ich mit meiner Mutter so lange in der Vergangenheitsform gesprochen, bis sie mich ins Gesicht schlug. Es WAR Winter in Berlin. Keine Felder und Züge bei mir. Dazu bin ich zu modern.
Er steht vor mir. Er ist ein fetter Mann. Er ist nicht eigentlich fett. Er ist ein Mann mit einem Bauch. Er hat graue Haare, und selbst sein Schamhaar wird grau, das habe ich bei ihm zum ersten Mal gesehen. Wenn man genau hinsieht, dann ist er ein bißchen wie ein dicker Affe. Er schwitzt, wenn er in mir ist. Ich habe die Beine angezogen, ich schließe die Augen nie. Er steht vor mir. Er ist nackt, bis auf ein albernes Kettchen um seinen Hals. Er hat große Hände. Er war einmal ein Psycho. Er ist mein Opfer.
Er sagt:
"Warum haben Sie dich auf mich angesetzt?"Ich sage:
"Ich weiß es nicht."Er sagt:
"Macht dir das nichts aus, nicht zu wissen, warum einer sterben soll?"Ich sage:
"Es kümmert mich nicht."Er sagt:
"Warum tötest du mich nicht?"Ich sage:
"Warum läßt du mir meine Waffe?"Die Wahrheit ist, es ist zu spät dazu. Ich bin seit zwei Wochen mit ihm unterwegs. Ich bin übergelaufen, und das Café weiß es. Ich fahre billig U-Bahn. Ich benutze meinen Kreditchip nicht. Ich gehe nicht in die französische Straße. Das alles nützt mir nichts.
(...)
© Marcus Hammerschmitt, 1996
Café, Vidocq, Marcus, Hammerschmitt, Science, Fiction, science, fiction, Heyne, Verlag, story, Erzählung, Geschichte, Café, Vidocq, Marcus, Hammerschmitt, Science, Fiction, science, fiction, Heyne, Verlag, story, Erzählung, Geschichte, Café, Vidocq, Marcus, Hammerschmitt, Science, Fiction, science, fiction, Heyne, Verlag, story, Erzählung, Geschichte, Café, Vidocq, Marcus, Hammerschmitt, Science, Fiction, science, fiction, Heyne, Verlag, story, Erzählung, Geschicht