Leseprobe zu "Das Begräbnis"

von Marcus Hammerschmitt


1. Der Mann

Einer muß hingehen. Haben wir uns gesagt. Natürlich muß einer hingehen. Ich wollte das auch meiner Frau nicht zumuten. Wir wollten nicht zusammen gehen. Was hätten die geglaubt? Daß wir sie auch noch unterstützen? Ich kann mir das vorstellen, in einer ihrer Zeitungen, die trauernden Eltern am Grab des gefallenen Helden. Wahrscheinlich haben sie mich für einen Polizisten gehalten oder etwas dergleichen. Ich bin nicht hingegangen. Ich habe es nicht ausgehalten. Es sind zwei Wagen vor dem Friedhof gestanden, einer davon mit laufendem Motor. Ich stand genau am Eingang. Es hat geregnet. Die Freunde meines toten Sohnes standen mit ihren Fahnen um das Grab herum und haben Reden gehalten. Ich habe später in der Zeitung gelesen, daß einer ihrer Führer extra aus Berlin gekommen ist. Angeblich sind nach der Beerdigung seine Personalien überprüft worden. Wir haben es am Telefon erfahren. Ein Journalist hat uns angerufen, und gefragt, was wir dazu meinen. Zu was wir was meinen, hat meine Frau gefragt. Na zu dem mit der Handgranate. Ich habe dann meine Frau die Hand über den Hörer legen gesehen, und dann habe ich sie sagen hören: Komm mal her Karl, da ist ein Spinner am Telefon. Der Journalist hat mir dann erzählt, daß unser Sohn Lars durch eine Explosion umgekommen ist, die er wahrscheinlich selbst ausgelöst hat. Woher wissen Sie das, habe ich den Journalisten gefragt. Von der Polizei, hat er gesagt. Es hat sich dann später herausgestellt, daß es wirklich eine Handgranate gewesen ist, sowjetischer Bauart, aus NVA-Beständen. Mein Sohn ist mit seinen Freunden in einem alten verkrauteten Bunker gesessen, sie haben besprochen, was sie als nächstes tun können für Deutschland, dann sind die Freunde gegangen, mein Sohn ist zurückgeblieben und hat sich aus Versehen oder absichtlich in die Luft gesprengt. Sagen seine Freunde. Ich glaube das. Mein Sohn war schon immer ein sehr dummer Mensch, daran haben weder meine Frau noch ich etwas ändern können. Daß er sich mit den Neonazis eingelassen hat, war nur die letzte seiner Beleidigungen. Stur und dumm ist mein Sohn gewesen, von Anfang an, und das hat ihn umgebracht. Nichts sonst. Der Sarg kann nicht sehr voll geworden sein.

(...)

© Marcus Hammerschmitt, 1999

 


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