Lob der Annette Gerlach


Gucken Sie auch manchmal ARTE? Diesen Fernsehsender, zu dem man nur kurz hinzappt, um dann stundenlang bei einer Dokumentation über die Verwendung von Yakmist in der Energiewirtschaft der inneren Mongolei hängenzubleiben? Oder bei einem dieser französischen Liebesfilme, die sich 90 Minuten lang überlegen, ob sie demnächst mal eine Anspielung auf das eigentliche Thema machen sollten?

Ja, ARTE, dieser Fernsehanstalt gewordene Zen-Buddhismus mit den seltsamsten Überleitungen des Planeten, bei denen entweder Frauen in pailettenbestickten Körperstrümpfen grazile Bewegungen über wehenden Luftschlangen machen oder verwackelte Handkamerabilder von Straßenschildern und Toreinfahrten in Paris auf das kommende Feature über Lesbianismus in der Daladier-Ära oder die Yakmist-Dokumentation hindeuten?

Ich gucke manchmal ARTE. Aber nicht nur, weil mich die Wasserknappheit auf den Hochebenen Perus und die neuesten Entwicklungen auf dem vietnamesischen Buchmarkt interessieren, sondern aus sexuellen Gründen. Ja. Ich gebe es zu. Mein Hauptgrund, ARTE zu gucken hat einen konkreten Namen, und dieser Name ist: Annette Gerlach.

ARTE hat auch eine Nachrichtensendung, falls Sie das nicht wissen sollten, sie nennt sich "ARTE info", fängt um 19.50 Uhr an und hört um 20.15 Uhr auf, und berichtet über die wichtigsten Nachrichten des Tages, und außerdem von den Alphabetisierungskampagnen in Nepal bis zu den soziokulturellen Implikationen des Lösungsmittelmißbrauchs bei chinesischstämmigen Surfern im größeren Umkreis von Los Angeles.

Und ARTE info, die zweitsurrealste Nachrichtensendung der Welt gleich hinter den Tagesthemen, wird im Wechsel von verschiedenen Sprechern moderiert. Drei von ihnen habe ich bisher deutlicher wahrgenommen, und eine davon sehr deutlich. Da ist einmal ein Mann. Er sieht wie ein Deutschlehrer aus, der vom Fleck weg aus einer Unterrichtsstunde entführt worden ist und das bisher noch gar nicht gemerkt hat. Dann gibt es da die Dunkelhaarige. Natürlich, sie ist hübsch, das gehört ja bei Nachrichtensprecherinnen wohl zum Berufsbild, aber irgendwie springt der Funke nicht über.

Und dann gibt es noch Annette Gerlach. Meine Annette. Ich könnte mir sogar einen vielstündigen Mehrteiler über die sehr allmähliche Ankunft des Internets in Fischerdörfern der Ägäis ansehen, wenn er nur ab und zu durch Zwischenansagen von Annette Gerlach unterbrochen würde. Welche Agonie, wenn ich von der Tageschau fiebernd zu ARTE umschalte, und dann statt Annette den Deutschlehrer oder die Dunkelhaarige vorfinde!

Es ist völlig klar. Die Symptome sind eindeutig. Ich bin in Annette Gerlach verliebt. Und lassen Sie mich hinzufügen: Es ist dies eine keusche Liebe nicht. Das finde ich umso schockierender, als mich Film- und Fernsehstars ansonsten völlig kalt lassen. Wynona Ryder? Pah! Sharon Stone? O je. Birgit Schrowange? Nee, nee, nee. Woher kommt's? Worum geht's? Warum Annette Gerlach und nicht eine der Ansagerinnen der Tagesschau? Warum nicht Ellen Arnold, Eva Herman oder Susanne Daubner?

Ellen Arnold, Eva Herman oder Susanne Daubner sind sicherlich privat ganz reizend und charmant, und doof können sie auch nicht sein. Aber wenn sie in der Tagesschau ihrer Arbeit nachgehen, sehen sie aus, als hätte man ihnen ihre Kleider angeschmiedet. Wie eine mittelalterliche Ritterrüstung. Und nicht nur das, sie bewegen sich und sprechen, als steckten sie in einem Schraubstock.

Im italienischen Fernsehen wird der Wetterbericht von einem Soldaten in Uniform verlesen. Das kommt offenbar daher, daß die Meterologie in den Händen des Militärs ist. Seit ich das einmal gesehen habe, muß ich beim Betrachten der Tagesschau immer daran denken, und zwar vor allem bei den Frauen. Korrekt bis in die Haarspitzen, steif und kerzengerade sitzen sie da, als hätten sie ein Lineal verschluckt. Sie verströmen den Charme eines Eisblocks, der noch lange nicht schmilzt, nur weil eine Batterie von Studiolampen auf ihn gerichtet ist.

Annette Gerlach dagegen hat die unmöglichsten Klamotten an. Furchtbar. Da sind Fummel dabei, die muß sie im Kleiderschrank ihrer Mutter gefunden haben, und zwar ganz hinten. Aber sie sieht hinreißend darin aus. Natürlich ist sie aufwendig zurechtgemacht. Natürlich wird durch das ganze Styling ein bestimmter Effekt erzeugt. Aber im Normalfall wirkt sie, verglichen mit der Konkurrenz, wie das Leben im Frühling.

Es geht nicht darum, daß sie Französin ist. Ist sie nämlich nicht. Sie heißt nicht Annett Dscherlak. Sie kommt aus Berlin. Ich weiß alles über sie. Es ist wahrscheinlich schon allein die Großaufnahme. Bei ARTE info steht unübersehbar der Sprecher oder die Sprecherin im Vordergrund, und das ist bei Annette auch nur gerecht. Bei der Tagesschau sitzen die Sprecherinnen weggerückt an einem Tisch vor weltkartenähnlichen Projektionen, die trotz der freundlichen Blautöne immer an einen war room denken lassen.

Dann leuchtet der alternde Arafat unter seiner Palästinserwindel auf, Kohl ertrinkt grinsend in seinem eigenen Fett, oder eine BSE-Kuh zittert über den Bildschirm, und die Sprecherin ist nur noch ein Sprachrohr der historischen Unbarmherzigkeit des Weltgeschehens. Sachlichkeit ist Trumpf. Sie können den größten Unsinn oder die ungeheuerlichsten Katastrophen verkünden, und würden immer gleich klingen. "Cape Canaveral. Die Entdeckung, daß der Mond entgegen früherer Annahmen doch aus grünem Käse besteht, sorgt derzeit für Aufruhr in der Wissenschaft." "Berlin. Die offizielle Ankündigung des Weltuntergangs für Donnerstag nächster Woche hat bei den politischen Parteien unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen."

Annette würde genau dassselbe sagen. Aber ausdrücken würde sie: "Was für ein Quatsch. Wir sollten lieber tanzen gehen." Sie ist immer ein wenig vorgebeugt, als wollte sie sagen: "Mal im Vertrauen: Glaubt ihr das alles wirklich?" Sie müßte nur noch mit den Augen zwinkern, und die Ironie wäre perfekt. Sie hütet sich vor jedem Gezwinkere. Sie neckt nur. Ihr Mund ist sehr sinnlich. Wenn sie lächelt, geht es der Nachricht durch Mark und Bein, und mir erst recht.

Und dann ist da natürlich ihr Busen. Sie hat eine Neigung zu tiefen Ausschnitten, und im Zusammenhang mit ihrer Kleidung, ihrem Lächeln und ihrer Körperhaltung ist der Busen kein Körperteil, sondern ein Kommentar. Der Kommentar lautet: "Es gibt wichtigeres als Politik, mes amis." Einmal ließ sie an einer tief ausgeschnittenen weißen Bluse rechts und links kurz über dem Brustansatz je ein schwarzes Mikrofon anbringen. Das war der Gipfel, wenn man mich fragt. Ich mußte da einfach hinsehen. Jeder mußte da einfach hinsehen, schon allein wegen der Farbkontraste. Ein Skandal.

Wie sie das alles macht, ohne billig zu wirken, ist mir ein absolutes Rätsel. Aber sie schafft es. Wenn ich dreizehn wäre, oder Arthur Miller hieße, würde ich sie heiraten wollen. So aber bleiben mir nur "ARTE info" und die Sehnsucht.



© Marcus Hammerschmitt, 2001



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