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| das.magazin | Ausgabe vom: 12. September 2003 |
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Der Justizpalast |
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![]() Wer das Gericht betritt, begegnet über und auf der Eingangstüre (siehe Vergrößerung rechts im Text) gleich zwei figürlichen Darstellungen der "blinden" Justitia. ![]() In alten Zeiten war hier auch das Notariat untergebracht. ![]() Auf der Rückseite befinden sich - jedoch nur aus stilistischen Gründen - Schießscharten. ![]() Der Aufgang zum Schwurgerichtssaal beeindruckt durch das Oberlicht aus gefärbtem Glas. ![]() Der Schwurgerichtssaal selbst mit dem riesigen Kronleuchter und einer Art Kirchenfenstern imponiert nicht minder. |
Innenleben bestimmt das Erscheinungsbild Der letzte stadthistorische Spaziergang der Saison führte zum Tübinger Landgericht TÜBINGEN Bei einem Gerichtsgebäude ist es ein bisschen wie mit einem Krankenhaus: Am liebsten sieht man es nur von außen. Etwa 70 Tübinger inspizierten am Mittwoch dennoch neben den Fassaden auch das Innenleben von Justitias Hallen in der Doblerstraße, bei der Abschlussveranstaltung der stadthistorischen Rundgänge "Kennen Sie Tübingen?" Fast hundert Jahre alt ist das Tübinger Justizgebäude. Entstanden ist es 1905. Der Architekt Albert von Beger gehört zu den eher unbekannten Vertretern seiner Zunft, wie Kunsthistorikerin Irene Gocht erklärte. Als Mitarbeiter des königlichen Bauamtes in Stuttgart plante er viele repräsentative Regierungsgebäude im Auftrag Wilhelm II. Und hinterließ damit auch in Tübingen seine Spuren. Nach von Begers Entwürfen entstanden zum Beispiel das Geologische Institut, die Augenklinik und die Hautklinik.Alle diese Gebäude weisen einen unterschiedlichen Stil auf - so war das von dem Architekten auch gedacht. Als Vertreter des Historismus wählte er Grundrisse und stilistische Elemente nach dem Zweck des Gebäudes aus. Für die (mittlerweile abgerissene) Alte Chemie zum Beispiel verwendete er eine moderne Formensprache mit Anklängen an die Industrie-Architektur, erklärte Gocht. Schließlich galt Chemie schon Anfang des 20. Jahrhunderts als wirtschaftlich relevantes Fach. Das architektonisch nicht gerade herausragende Landratsamt im Rücken, die lärmende Doblerstraße vor der Nase, studierten die Zuhörer am Mittwoch die elegante und hoheitliche Sandstein-Fassade des Justizgebäudes, deren Baumaterial aus dem Dettenhäuser Steinbruch kam. Diese Ansicht kennt fast jeder. Neu war den meisten jedoch das rückwärtige Erscheinungsbild mit Backsteinfassade und stilisierten Schießscharten bei den Arrest-Zellen. Noch heute erinnert der Bau an seine eigene Geschichte. So ist das Wort "Bezirksnotariat" über dem linken Seiten-Eingang gemeißelt. "Das ist mittlerweile historisch", erklärte Verwaltungs-Chef Gerhard Vogelwaid. Die Inschrift stammt noch aus einer Zeit, als neben Landgericht und Amtsgericht auch die Notariate und darüber hinaus die Staatsanwaltschaft dort Platz fanden. Das gäbe heute ein ziemliches Gedränge: Die Staatsanwaltschaft ist schon Anfang der 70er Jahre in die Charlotten-Straße gezogen, auch die Notariate und Teile des Amtsgerichts sind mittlerweile ausgelagert. Den Zwiespalt, repräsentative und gleichzeitig zweckdienliche Räume zu gestalten, habe der Architekt recht clever gelöst, sagte Gocht. Wenngleich zum Beispiel der Schwurgerichtssaal ein Spiegel des zeitgenössisch Verständnisses von Gerichtsbarkeit ist: Da sitzen die Richter und Staatsanwälte erhöht, die Angeklagten perspektivisch erniedrigt. Ein weiteres Prinzip ist, dass die Raumaufteilung im Innern das Äußere bestimmt. Ein Beispiel: Die identisch geschnittenen Büroräume spiegeln sich in der gleichmäßigen Gestaltung der Fassade wider. Der Typus des Gerichtsgebäudes ist im Übrigen relativ jung. Denn im Mittelalter wurden die Prozesse auf öffentlichen Plätzen abgehalten, bei Regen auch schon mal in Vorhallen von Kirchen, erzählte Gocht. Auch im 15. und 16. Jahrhundert agierte die Justiz weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Erst im 19. Jahrhundert wurden die Gerichtsverfahren wieder öffentlich. |
Aus dem Archiv: Links zum Thema: Text: Angelika Bachmann Bild(er): Erich Sommer das aktuelle magazin: Diesen Artikel pereMail versenden |
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