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Ausgabe vom: 22. August 2003
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Stationen des stadthistorischen Fachwerk-Spaziergangs.


Die Abbundzeichen am Fachwerk belegen, dass anstelle dieses Fensters im Rathaus sich früher eine Türe zu einem Vorbau befand.


Kleeblattverzierung am Fachwerk des Fruchtkastens.


"Wiedloch" an einem Fachwerkhaus, das sich "Am Kleinen Ämmerle" befindet.

Tübingen bietet kolossales Fachwerk

Tilmann Marstaller führt zu oft unterschätzten, teils verputzten und nur selten beschriebenen Preziosen


TÜBINGEN. Fruchtkasten und Kornhaus, Burse und Rathaus - die Tübinger Altstadt ist reich an beeindruckenden, repräsentativen Fachwerkbauten. Der Mittelalter-Archäologe Tilmann Marstaller hat die meisten untersucht, Bohrproben genommen, die Fachwerk-Systematik analysiert. Marstallers Ruf als kompetenter Bauforscher hat sich offensichtlich mittlerweile herumgesprochen: Knapp 200 Zuhörer folgten ihm am Mittwoch bei der Führung "Kennen Sie Tübingen? - die berühmte und doch unbekannte Fachwerk-Stadt".


Tübingen, das ist für viele Touristen vor allem Fachwerk. Selbst dort, wo die Holzkonstruktionen verputzt und überhaupt nicht sichtbar sind, neigen sich die oberen Stockwerke der mittelalterlichen Wohnhäuser in der typisch auskragenden Bauweise über die schmalen Gassen. "Darum fühlt man sich hier so heimelig", sagt Tilmann Marstaller. Zudem gibt es die großen, repräsentativen Fachwerk-Gebäude, die nicht mit ihren Reizen geizen, wie etwa der Fruchtkasten und das Kornhaus: Hier sind Balken und Streben verziert und dekorativ gestaltet.

Doch so dominant das Fachwerk in der Tübinger Architektur ist, so armselig ist dazu bislang der Forschungsstand, sagt Marstaller. Nach Literatur sucht man vergeblich. Und es gibt nur einige wenige Baudokumentationen der Fachwerkmuster. Und selbst bei diesen muss man feststellen: Wer sie gezeichnet hat, hat oft nicht genau hingeschaut.

Die Marstallersche Führung am Mittwoch war demnach eine bislang einmalige Gelegenheit, die Fachwerk-Preziosen der Stadt kennenzulernen. Als "architektonische Monstra" hatte Friedrich August Köhler noch Ende des 18. Jahrhunderts dieses mittelalterliche Erbe bezeichnet und mag damit vielleicht auch den Fruchtkasten (Baujahr 1474/75) gemeint haben. Das Gebäude, das zur Zeit für 5,15 Millionen Euro saniert wird, gehört laut Marstaller zu den "größten und imposantesten Fachwerk-Bauten in Baden-Württemberg".

Wie dessen Baumeister es überhaupt geschafft haben, auf dem 14 Meter tiefen Schwemmland des Ammertals einen solchen Koloss zu erbauen, nötigt dem Bauforscher noch heute Respekt ab. Kaum weniger repräsentativ als der Fruchtkasten ist das Kornhaus (Baujahr 1454/55). In dessen Inneren lassen sich beispielhafte Holzkonstruktionen bewundern. "Fachwerk ist immer Konzeptbau", klärt Marstaller auf. Für das Kornhaus bedeutet das: Das obere Stockwerk diente als Kornmarkt, als Verkaufshalle. Also wurden die senkrechten Fachwerkständer zur Sicherung der Statik nur an den Decken schräg verstrebt. Die Grundfläche am Boden musste so groß wie möglich und damit frei von Schräghölzern bleiben.


Im Kern unverwüstlich

Alle Balken im Kornhaus sind übrigens aus Eiche - des Zimmermanns Lieblingsmaterial. "Von außen sieht das Holz ziemlich wurmstichig aus", sagt Marstaller. Doch der Kern einer Eiche enthält so viel Gerbsäure, dass die Schädlinge sich nur in den äußeren Stamm, den Splint, bohren. Innen bleibt die Eiche über Jahrhunderte solide. Überhaupt ist das Kornhaus für Marstaller "ein gutes Beispiel dafür, wie unverwüstlich Holzkonstruktionen sind". Der Bau steht sicher, obwohl sich der Untergrund bis zu einem halben Meter abgesenkt hat.

Während der zweieinhalbstündigen Führung sucht Marstaller den Blick seiner Zuhörer zu schulen. "Schauen Sie genau hin!" mahnt er immer wieder. Oft sind es die Kleinigkeiten, die einem Aha-Erlebnisse bescheren. An der offen liegenden Fachwerk-Seite des Tübinger Rathauses etwa übersetzt Marstaller die einst vom Zimmermann in die Balken geritzten Abbundzeichen. Tatsächlich: Die Nummerierung der Balkenreihen beginnt bei Zwei. Was für Marstaller den Schluss nahelegt, dass das Rathaus dort, wo jetzt die Haaggasse entlang führt, einst einen Vorbau hatte.

Gleich nebenan, zwischen der Haaggasse 2 und 11, liegt laut Marstaller das "Dorado" für Fachwerkkenner. Wer sich einmal im Kreis dreht, kann Bautechniken aus drei Jahrhunderten vergleichen. Selbst dort, wo das Fachwerk unter Putz liegt, wie beim Haus mit der Nummer 11. "Mein privater Favorit für das älteste Haus Tübingens", sagt Marstaller. Der erste Stock kragt weit hervor, überdacht den Hof um mehr als einen Meter - ein typisches Merkmal für die Bauweise des 14. Jahrhunderts.

Dergestalt hervorspringende Geschosse sorgten nicht nur für eine größere Wohnfläche, klärt der 35-jährige Bauforscher auf. Sie waren willkommener Wetterschutz für Handwerker und Händler, die im Erdgeschoss zur Straße hin ihre Waren ausliegen hatten.
Detailverliebt macht Marstaller auf Schutzrosetten (über dem Rathausfenster) und Kleeblatt-Verzierungen (am Fruchtkasten) aufmerksam. Und verliert dabei doch nicht den Blick für das Übergeordnete. Denn Baugeschichte ist immer auch Wirtschaftsgeschichte.

In Tübingen darf da die Gründung der Universität (1477) nicht unerwähnt bleiben. Sie bescherte der Stadt einen außerordentlichen Bau-Boom. In nur zwei Jahren wurde ein Ensemble von Universitäts-Gebäuden von der Münzgasse über die Burse bis zur Alten Aula aufgebaut.

Holz aus dem Schwarzwald

Woher das Baumaterial kam, hat Marstaller, der zur Zeit an seiner Dissertation arbeitet, kürzlich klären können. Auch hier half wiederum der Blick aufs Detail. Viele Balken an den Uni-Gebäuden haben so genannte Wiedlöcher. Das sind typisch geformte Vertiefungen zum Flößen von Stämmen. Siehe da: Ein Jahr vor der Uni-Gründung hatte Graf Eberhard einen alten Flößervertrag mit der Stadt Esslingen und Vorderösterreich wieder erneuert.

Das Bauholz kam also aus dem Schwarzwald den Neckar herabgeschippert. Unterhalb der Neckarhalde gab es einen geschickten Anlegeplatz. Dort konnten die Zimmerleute zudem die zugeschnittenen Balken probehalber aufrichten, bevor sie an Ort und Stelle gebracht wurden.

Natürlich diente auch der nahe Schönbuch als Holz-Lieferant, mit verheerenden Auswirkungen. "Der Wald wurde ausgebeutet bis aufs Letzte", sagt Marstaller. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts war nur noch kärglicher Baumbestand übrig.

INFO: Beim nächsten Stadthistorischen Spaziergang geht Prof. Dr. Wilfried Setzler auf "Spurensuche" nach "Nonnen und Mönchen in der Tübinger Altstadt". Treffpunkt: Mittwoch, 27. August, 17 Uhr am Tor des Evangelischen Stifts.

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Text: Angelika Bachmann
Bild(er): Erich Sommer


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