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Ausgabe vom: 09. Mai 2003
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In jedem der drei Kirchenschiffe war eine eigene Leinwand aufgestellt.

Szenen aus dem Anfang des Filmes.
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Live-Musik von der Orgel-Empore.
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Frank Bockius (links) und Günther Buchwald.


Auch von außen war die Stiftskirche den ganzen Abend über illuminiert.

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Gothic trifft Gotik


Film und Ort harmonierten prächtig: 700 sahen "Metropolis" in der Stiftskirche




TÜBINGEN. Als "Metropolis " 1927 erstmals das Licht eines Projektors erblickte, galt das Kino großen Teilen der Kirche, katholischer wie evangelischer, noch als "Schmutz und Schund "; eine "Giftschlange ", die alle positive Bildungsarbeit vernichte, wie es damals in einer Eingabe an den Rottenburger Bischof geheißen hatte. Heute sieht man das nicht mehr so eng. "Es gab Widerstände im Kirchengemeinderat ", sagt dessen Vorsitzende Eva Arnold-Schaller, "aber am Ende wurde der Beschluss mit breiter Mehrheit gefasst. " Es siegte das Argument, dass sich die Kirche, als Raum und Institution, der weltlichen Kunst und damit einer größeren Öffentlichkeit öffnen müsse.

So kam es, dass am Freitag zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte ein Film in der Tübinger Stiftskirche gezeigt wurde: Fritz Langs klassisches Science-fiction-Epos über die Zukunftsstadt "Metropolis ", die in fidel luxurierende Reiche und unterirdisch hausende Arbeiter-Sklaven gespalten ist. "Es musste vom Ambiente passen ", begründet Veranstalter Carsten Schuffert von der Firma "Bewegte Bilder " die Wahl. Und tatsächlich vereinigten sich Atmosphäre und Design des Films (heutzutage nennt man so was "gothic ") und die Innenarchitektur der Kirche phasenweise aufs Harmonischste.

Mit der von Arnold-Schaller als zusätzliches Pro-Argument ins Spiel gebrachten "Sozialkritik " von "Metropolis " ist es dagegen so eine Sache. Wohl werden da mit gebührender Drastik geknechtete Arbeitermassen vorgeführt. Doch die Auflösung des Konflikts zwischen Kapitalisten und Proletariern – "die Versöhnung von Hirn und Hand durch das Herz " (sprich: die Macht der Liebe) – ist reaktionärer Mumpitz. Sogar Regisseur Fritz Lang hat sich in späteren Jahren oft über das Drehbuch seiner damaligen Gattin Thea von Harbou, einer glühenden Nationalsozialistin, lustig gemacht. Auch über den unterschwelligen Antisemitismus, fokussiert in der Figur des mit "jüdischen " Attributen versehenen Oberschurken Rotwang, wurden schon viele Abhandlungen geschrieben.

Das alles spricht nun überhaupt nicht gegen eine Aufführung von "Metropolis " – anders als beim jährlichen Proll-Ritual mit der "Feuerzangenbowle " auf dem Haagtorplatz. Schließlich saßen am Freitag in der Stiftskirche sicher Reflexions-tüchtige Leute, die sich der "schwülstigen Fabel " (Luis Buñuel) bewusst waren (oder wurden) und sich gleichwohl an dem "wundervollsten Bilderbuch, das man sich vorstellen kann " (ebenfalls Buñuel) ergötzten.

In formaler Hinsicht ließ die Veranstaltung ohnehin keine Wünsche offen. Zum ersten Mal wurde in Tübingen die von der Murnau-Stiftung sorgfältig rekonstruierte Fassung aus dem Jahr 2001 gezeigt (fast ein Viertel des Originals ist allerdings weiterhin verschollen). Die saubere, durch Lichteinfall ein bisschen beeinträchtigte Digital-Projektion auf drei Leinwände bot allen Zuschauern optimale Sicht auf das Geschehen. Die Live-Musik der Freiburger Profis Günter Buchwald (Kirchenorgel, Geige) und Frank Bockius (Percussion), eine Eigenkomposition mit Referenzen an den Original-Soundtrack, blieb ein dienstbarer Geist der Bilder ohne Eigensinn. Sie war düster in den düsteren Passagen, dramatisch in den dramatischen, furios in den furiosen. Als den geschundenen Proleten in den Tiefen von Metropolis die Maschinenkessel um die Ohren fliegen, hat Trommler Bockius Schwerstarbeit zu verrichten. Der einzige Kommentar war kein Kommentar. Ganz zum Schluss, wenn der Film auf seinem sozialkitschigen Tiefpunkt angelangt ist, legten Buchwald und Bockius ein demonstratives Päuschen ein.

Am Ende gab es von fast 700 Besuchern minutenlangen Beifall – verdient für die Musiker und das von "Bewegte-Bilder "-Azubi Maggie Paal als Abschlussarbeit entwickelte Event. Der auch finanzielle Erfolg (750 Euro gehen als Spende an den "Förderverein Stiftskirchenorgel ") hat Carsten Schuffert angestachelt, seine Firmen-Philosophie der "ungewöhnlichen Filme an ungewöhnlichen Orten " auch in Tübingen verstärkt umzusetzen. Fortsetzung folgt wohl noch in diesem Jahr.

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Links zum Thema:
Stiftkirche Tübingen online
Bewegte Bilder AG


Text: Klaus-Peter Eichele
Bild(er): Erich Sommer
Multimedia: Erich Sommer


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