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| das.magazin | Ausgabe vom: 09. Mai 2003 |
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Die Bücherverbrennung |
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![]() Mit deutscher Ordnung wieder den Geist: In der Nacht des 10. Mai 1933 verbrannten Studenten nach exakt ausgearbeitetem Plan die Bücher der Autoren, die den Ruf der Deutschen als Kulturnation begründet hatten. ![]() Stadtarchivar Matthias Röhrs mit seinen Schätzen: Originalausgaben "verbrannter Dichter". ![]() Begleitet von "Feuersprüchen" wurden die Bücher ins Feuer geworfen. |
Klassiker brannten Zum 70. Jahrestag der Bücherverbrennung Am 10. Mai 1933 loderten Scheiterhaufen in vielen deutschen Universitätsstädten. Deutsche Studenten warfen Bücher deutscher Schriftsteller ins Feuer, Werke von Heinrich Mann, Erich Kästner und Sigmund Freud brannten. In Tübingen lehnte der Landesführer des Nationalsozialistischen Studentenbundes Gerhard Schumann eine Verbrennung von Büchern ab und wurde dabei vom Ministerpräsidenten und Kultusminister Prof. Mergenthaler unterstützt. In Mössingen, vor 70 Jahren Schauplatz des einzigen Generalstreiks gegen die Nazi-Diktatur, wird am 9. Mai der Tübinger Professor Jürgen Wertheimer an die Bücherverbrennung erinnern. Nicht nur das: In Mössingen existiert auch, in Privatbesitz, eine umfangreiche Bibliothek der verbrannten Bücher. Matthias Röhrs, seit letztem Jahr Mössingens neuer Stadtarchivar, trägt seit vielen Jahren die Schriften von Autoren zusammen, die damals während dieser Maitage aus öffentlichen und privaten Bibliotheken aussortiert und im Feuer vernichtet wurden, unter Anwesenheit großer Menschenmengen, etwa in Würzburg, Köln, Bonn, Nürnberg oder München. "Das war wohlvorbeitet", so Röhrs, "und keineswegs eine spontane Aktion", wie behauptet wurde. Mehr als 20 000 Bücher verbrannten am Abend des 10. Mai 1933 allein auf dem Opernplatz in Berlin, wo die Schriften in Möbeltransportautos herangekarrt worden waren und Propagandaminister Goebbels in eigener Person der Vernichtung des "geistigen Unflats" beiwohnte. Grausig klingen bis heute die "Feuersprüche", die dabei gerufen wurden, in den Ohren. Der pazifistische Romancier Ernst Glaeser kam wegen "Dekadenz und moralischem Verfall" dran, mit dem Aufschrei "Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs!" landete Erich Maria Remarque den Nazis besonders verhasstes Romanwerk "Im Westen nichts Neues" auf dem Scheiterhaufen. Röhrs hat "nicht die Erstausgabe, aber die Ausgabe, die damals ins Feuer flog". Der Archivar, der Geschichte, EKW und Politik studiert hat, interessiert sich "seit Kindesbeinen für Geschichte und Literatur". In Antiquariaten und auf Flohmärkten hat er immer wieder gestöbert, eine stattliche Bibliothek von Schriftstellern der Weimarer Republik ist über die Jahre hinweg zusammengekommen. Da findet sich die Familie Mann, Alfred Döblin, René Schickele oder Karl Marx und Karl Kautsky, die man mit dem Ruf "Gegen Klassenkampf und Materialismus" ins Feuer beförderte. Die "Herabwürdigung großer Gestalten" machte man dem vielgelesenen Emil Ludwig zum Vorwurf. Seine "Gespräche mit Mussolini" interessieren ihn besonders, Röhrs Doktorarbeit widmet sich dem "Bild der Deutschen in italienischen Kriegserinnerungen". Da steht eine niedliche Miniatur-Ausgabe von Kurt Tucholskys zauberhafter Liebesgeschichte "Rheinsberg" neben Oskar Maria Grafs wuchtigem Werk "Wir sind Gefangene". Natürlich - "das war zwingend" - sind auch Bücher von Friedrich Wolf dabei, so der in Hechingen entstandene "Arme Konrad" in der Erstausgabe aus dem Chronos-Verlag in Ludwigsburg. Und viele andere wertvolle Ausgaben aus jüdischen Verlagen und Verlagen der Arbeiterbewegung, auch Anarchisten wie Gustav Landauer, Kurt Eisner, Erich Mühsam, von dem Röhrs viele Gedichte auswendig hersagen kann, "weil ich sie so oft gelesen habe". Mühsam wurde 1934 im KZ ermordet. Oder Martin Buber, SPD-Jurist Gustav Radbruch, Walter Rathenau, Bertha von Suttner, alles verbrannt, verboten und vernichtet. Deutsche Physiker mochten die "jüdischen Spitzfindigkeiten" des Albert Einstein nicht dulden. Deshalb hat Röhrs auch eine Erstausgabe seiner Schrift "Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie" angekauft. Natürlich umfasst die Bibliothek auch die Gegenseite, so die Erinnerungen von Kaiser Wilhelm II. oder Alfred Rosenbergs "Mythus des XX. Jahrhunderts", das Goebbels den "Weltanschauungsrülpser der Bewegung" nannte. In Röhrs' Sammlung steht auch ein seltenes Buch von 1934 mit dem Titel "Dichter auf dem Scheiterhaufen", das der Schriftsteller Werner Schlegel als "Kampfschrift für deutsche Weltanschauung" in die mittlerweile reindeutsche Literaturlandschaft setzte. "Eine üble Rechtfertigungsschrift", sagt Röhrs. Für Schlegel war "die Bücherverbrennung das Symbol für die Revolution, das Symbol für die endgültige Überwindung des geistigen Verfalls, das Zeichen des Sieges der neuen Wertlehre". Immer wieder verblüfft es Röhrs bei der Lektüre der verbrannten Bücher, "was für ein Niveau das Kulturleben der Weimarer Republik hatte!" Kopfschüttelnd stellt er zu Verbrennung, Verbot und Ausbürgerung fest: "Die Dummheit hat über die Qualität triumphiert!" Die bücherliebhabende Sammelleidenschaft hat für den Archivar auch praktische Gründe des Selbststudiums, "die Kenntnis der Quellen ist mir sehr wichtig". Und: "Ich liebe Originale." Seine Sammlung legt ihm Zeugnis ab von der "geistigen Vielfalt in den sozialen und kulturellen Bewegungen", die die Nazis unterdrücken wollten. INFO: Um 20 Uhr spricht Professor Jürgen Wertheimer am 9. Mai in der Aula des Mössinger Quenstedt-Gymnasiums auf Einladung des Fördervereins Stadtbücherei über die Bücherverbrennung und ihre Folgen. Der Tübinger Literaturwissenschaftler hat bereits im Januar die streikenden "Blechtrommler von Mössingen" als listige Widerstandsgruppe gewürdigt. |
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