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Ausgabe vom: 14. März 2003
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Das Uhlandhaus und andere Tübinger Gebäude kurz nach ihrer Zerstörung durch den Luftangriff vom 15.03.1944.
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Das Wohnhaus von Ludwig Uhland auf einem Holzschnitt des 19. Jahrhunderts.

Vermutlich die frühesten Farbfilmaufnahmen von Tübingen.
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Ein filmisches Selbstportrait von Richard Nill.

Wer kann Hinweise zu den hier abgebildeten Personen und Orten geben?
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Ein unscheinbarer Koffer barg die kleine filmische Sensation.

Ein Fussballspiel der Zonenliga in der Lindenallee.
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Rottenburger "Ommzug" in den 50er Jahren.
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Als die Bilder auch in Tübingen das Laufen lernten


Am 15. März 1944, heute vor 59 Jahren, fiel das Uhlandhaus an der Eberhardsbrücke einem Luftangriff zum Opfer. Am Tag danach griff der Tübinger Richard Nill zur Schmalfilmkamera und tat etwas zu jener Zeit Verbotenes: Er dokumentierte die rauchenden Trümmer und Aufräumarbeiten rund ums Neckartor. Seine Aufnahmen schlummerten jahrzehntelang in einem alten Reisekoffer, der jetzt ins Stadtarchiv gelangte. Doch das altersschwache Gepäckstück birgt noch weitere Schätze: insgesamt 34 Filmspulen, die erst nach und nach gesichtet und enträtselt werden können, darunter Farbaufnahmen aus Tübingen während des Zweiten Weltkriegs sowie Aufnahmen aus dem besetzten Prag und von der Luftwaffe.

Richard Nill wurde 1904 in Tübingen geboren. Nach dem Studium der Innenarchitektur in Stuttgart wollte er eigentlich eine Karriere im erlernten Beruf beginnen. Doch musste er in den zwanziger Jahren in den elterlichen Schreinereibetrieb eintreten. Dessen Maschinen wurden damals noch vom alten Wasserrad der Gerstenmühle angetrieben. Von der Nillschen Möbelfabrik am Ammerkanal, die in ihren besten Jahren 30 bis 40 Mitarbeiter beschäftigte, ist heute nicht mehr viel zu sehen. Das ausgedehnte Anwesen an der Gerstenmühlstraße machte 1981 einer Wohnanlage Platz. Nur das alte Wasserrad im Ammerkanal blieb damals übrig. Wenn demnächst auch noch der gegenüber liegende Maschinen-Majer und die alte Pulvermühle abgebrochen sind, wird nur noch wenig an die industriellen Anfänge im Tübinger Westen erinnern. Irgendwann in den dreißiger Jahren legte sich Richard Nill eine Doppel-8-Schmalfilmkamera zu. Die ersten Modelle für Amateure kamen damals gerade auf den Markt. "Doppel-8" nannte man das System, weil es sich um 16mm-Filme handelte, bei denen zuerst die eine, dann die andere Hälfte des Streifens belichtet wurde. Nach stolzen eineinhalb Minuten Drehzeit musste die Filmspule entnommen, gewendet und andersherum neu eingelegt werden. Das Filmeinlegen war eine Tortur. Meist litten die erste und die letzte Szene unter der umständlichen Prozedur. Scharfe Bilder waren nicht jedermann vergönnt. Außerdem gab es natürlich keinen Ton. Statt Batterien hatte die Kamera eine Art Uhrwerk eingebaut, das immer wieder rechtzeitig aufgezogen werden musste. Erst bei der Entwicklung im Labor wurde dann der 16mm Streifen der Länge nach auseinander geschnitten und die beiden 8mm-Streifen zusammengeklebt.

Kein Hobby für Millionen
Spätestens nach dieser Schilderung wird klar, dass die Amateurfilmerei in ihren Anfangsjahren kein Hobby für Millionen war. Erschwerend kam hinzu, dass die Filme nicht gerade billig waren. Zudem brauchte man einen Projektor zur Aufführung der mehr oder minder gelungenen Streifen. Doch trotz der hohen Kosten und der umständlichen Bedienung hat das neue Medium eine beachtliche Verbreitung gefunden. In deutschen Schubladen lagern offenbar noch Arsenale von Schmalfilmen aus der Vorkriegszeit. Wer in den letzten Jahren aufmerksam historische Fernsehdokumentationen über die NS-Zeit verfolgte, hat vielleicht bemerkt, dass so manche Produktion nicht mehr nur das bekannte Wochenschaumaterial benutzte, sondern dank privater Filmaufnahmen auch eine neue Perspektive bot. Nach über 50 Jahren gelangen mehr und mehr private filmische Nachlässe in öffentliche Archive. Dabei mag es eine Rolle spielen, dass die Erben der frühen Hobbyfilmer kaum noch mit den Spulen ihrer Vorfahren hantieren können. Wenn dann die alten Projektoren alle Schaltjahre vom Dachboden geholt werden, geben sie nicht selten ihren Geist auf oder zerhäckseln das wertvolle Kulturgut. Oft werden die alten Filme aber auch achtlos bei Haushaltauflösungen entsorgt. So konnte das Stadtarchiv vor zwei Jahren noch einen kleinen Film ergattern, der das sogenannte Stadtringrennen 1950 in der Südstadt zeigt. Allerdings war der restliche Filmnachlass schon "anderweitig abhanden" gekommen. Ein Amerikaner hatte ihn uns vor der Nase weggeschnappt.

Ein Koffer mit erstaunlichem Inhalt
In der kleinen Universitätsstadt Tübingen dürfte sich die Zahl der Filmenthusiasten in den dreißiger Jahren in engen Grenzen gehalten haben. Entsprechend selten sind deshalb auch die bewegten Bilder aus der Tübinger Vorkriegszeit. Nur ein paar Streifen haben bislang den Weg ins Stadtarchiv gefunden. Um so gespannter durfte man deshalb sein, als jetzt Renate Mesick, eine Tochter Richard Nills, das Stadtarchiv über ihren Filmkoffer informierte. Die Sichtung der 34 Spulen hat mittlerweile viel Alltägliches aber auch manch Erstaunliches zu Tage gebracht. So handelte es sich bei 11 Spulen gar nicht um private Aufnahmen, sondern um kommerziell hergestellte Filme, die sich Nill zur Information oder bloßen Unterhaltung zugelegt hatte. Meist sind es Zusammenschnitte aus der deutschen Wochenschau zum Beispiel über den Kriegsverlauf in Frankreich, in Russland und auf dem Balkan. Eine kleine Serie zeigt die Waffengattungen der deutschen Wehrmacht: Panzerkreuzer, Unterseeboote, Stukas und Fallschirmjäger. Soweit die Titelsequenzen am Anfang erhalten sind, stammen alle diese Filme von der "Degeto-Schmalfilmschrank". Unter dem Motto "Degeto-Filme bringen die Welt in Ihr Heim" vertrieb diese Firma seit Dezember 1938 eine bunte Palette kurzer Kauffilme für den privaten Bedarf. Wie bunt diese Palette war, kann man sehr gut im Nillschen Filmkoffer nachvollziehen. Er enthält außer den Wochenschauen auch Ausschnitte aus großen Spielfilmen, darunter Szenen aus Leni Riefenstahls "Fest der Schönheit" oder ein Porträt des UFA-Stars Kristina Söderbaum. Ganz im Gegensatz zu Richard Nills Filmkäufen stehen seine eigenen Aufnahmen, die ganz ohne Drehbuch entstanden und überwiegend seine eigene Familie zeigen: die Eltern, den Bruder, die Schwester und andere Verwandte im häuslichen Umfeld, oft bei Geburtstagen, Jubiläen und anderen Festen. Immer wieder im Bild erkennt man Bernhard Nill, den Vater, der über 90 Jahre alt wurde und zu den "Tübinger Originalen" zählte. Der versierte Handwerker hat in den zwanziger und dreißiger Jahren so manches Möbelstück nach Maß gefertigt, das heute noch seine Dienste tut. Zu seinen bedeutenderen Aufträgen zählten etwa die Portaltüren der Neuen Aula. 1925 gehörte er zu den Gründern der Tübinger Volksbank, deren Vorsitzender er zwanzig Jahre lang war. In einer Filmsequenz erleben wir ihn, wie er große, wertvolle Bäume bei der Frauenklinik und in der Platanenallee fällt. Das frische Holz wurde damals noch von Hand an Ort und Stelle verarbeitet und dann im Betrieb bis zur Verwendung gelagert. Ein anderer Film zeigt einen sonntäglichen Ausflug der Familie zur Wurmlinger Kapelle, anschließend kehrte man im Schwärzlocher Hof gemütlich ein. Kaum einer der älteren Filme ist datiert. Doch an Hand der Uniformen, in denen die Familienmitglieder stecken, kann man schließen, das viele Aufnahmen bereits im Krieg entstanden.

Tübingen in Farbe
Dies gilt auch für eine Spule, die Tübingen in Farbe zeigt: Rathaus, Schloss, Stiftskirche, die Untere Stadt, die Anlagen beim Bahnhof mit ihren Blumenrabatten. Nill zeichnet mit seinen etwas wackeligen und manchmal unscharfen Amateuraufnahmen ein kleines Stadtporträt. Es sind die ersten bewegten Farbbilder aus der Universitätsstadt, ein Testfilm, wenn man so will. Denn als Material benutzte Nill den Agfa-Farbfilm, der 1938 erstmals auf den Markt gekommen war. Doch als die scheinbar friedlichen Szenen entstanden, herrschte in der Welt bereits Krieg. Ein Tübinger Dach, vielleicht nur zufällig im Bild, lässt die Datierung zu. Es ist weithin sichtbar mit einem riesigen roten Kreuz gekennzeichnet. Feindliche Flieger sollten die Lazarettstadt Tübingen aus der Ferne erkennen und mit ihrem Bombardement verschonen. Ein frommer Wunsch, wie der weitere Kriegsverlauf zeigen sollte. Der erste Test mit dem Farbmaterial scheint Nill befriedigt zu haben. Er nahm seine Schmalfilmkamera mit in den Krieg und hatte auch einige der neuen Agfa-Filme mit im Gepäck. Auf diese Weise entstanden 1940 oder 1941 seine Aufnahmen in der besetzten Tschechei, vor allem in Prag, wohin ihn die Wehrmacht als Funker eingezogen hatte. In dieser Zeit muss auch ein weiterer Farbfilm auf einem unbekannten Flughafen der Luftwaffe entstanden sein. Er zeigt kleine, einmotorige Maschinen verschiedener Bauart bei der Wartung und bei Starts. Nill war zeitlebens sehr am Flugzeugbau interessiert und hat in seiner eigenen Werkstatt in der Gerstenmühlstraße kleine Flugzeuge konstruiert und gebaut. Allerdings war er selbst nie bei der Luftwaffe. Trotzdem hat man ihm für seine Filmaufnahmen die Maschinen vorgeführt und bereitwillig ihr Innenleben unter den Schutzblechen und im Cockpit gezeigt. Ein ungewöhnlicher Vorgang.

Tübinger Kriegsruinen
Zu den wirklich interessanten Streifen des Filmnachlasses gehören die Aufnahmen rund ums zerstörte Neckartor. Dort hatten in der Nacht vom 15. auf den 16. März 1944 britische Bomber, bedrängt von deutschen Nachtjägern, eine Luftmine und mehrere Brandbomben abgeworfen, die das Uhlandhaus und seine nähere Umgebung in Schutt und Asche legten.
Über die Entstehung dieser Aufnahmen ist nicht viel bekannt. Richard Nill, der zu der Zeit als Funker bei der Wehrmacht eingezogen war, muss wohl zum Zeitpunkt des Angriffs auf Urlaub zuhause gewesen sein. Am anderen Tag jedenfalls nahm er seine Filmkamera und dokumentierte die Folgen des nächtlichen Bombardements: Der gewaltige Luftdruck hatte im großen Umkreis Fenster und Wände der Häuser eingedrückt sowie die Dächer abgedeckt. Die Trümmer, vor allem Holzbalken, Ziegelschutt, Glassplitter, Möbel und Hausrat lagen in den Straßen und blockierten vorerst den Verkehr über die Neckarbrücke. Überall stieg Rauch auf: Eine gespenstische Szenerie mit ein paar Menschen, die sich an die Aufräumarbeiten machten. Nill kletterte auf den Ruinen herum, um die besten Blickwinkel für seine Schwenks zu bekommen. Offenbar hat ihn niemand davon abgehalten. Trotz des Schwarzweißfilms, den er 1944 nur noch zur Hand hatte, sind die Bilder beklemmend und wirken auf den Betrachter viel unmittelbarer als die Fotos, die man bislang kannte. Mit dem "Ruinenfilm" endet die erste sehr aktive Phase des Amateurfilmers Richard Nill. Erst Jahre nach dem Krieg nahm er sein Hobby wieder auf. Die in dem Koffer erhaltenen Streifen setzen erst wieder in den 1950er Jahre ein und sind meist dem privaten Familienleben gewidmet. Nur ab und zu sind Szenen darunter, die auch heute noch ein breiteres Publikum interessieren dürften: ein Tübinger Sommerfest mit Achterbahn und Kettenkarussell in der Lindenallee, ein Fußballspiel der Zonenliga oder ein Umzug der Rottenburger Narren.

INFO:
Richard Nill war kein so langes Leben vergönnt wie seinem Vater. 1969 starb er kaum im Rentenalter angelangt. Einige seiner Filme konnten jetzt für das Stadtarchiv digitalisiert und auf DVD umkopiert werden. Das Stadtarchiv ist für jeden weiteren Hinweis dankbar, der zur Identifizierung der Filme dienlich ist (Tel. Stadtarchiv 07071-204-1705).


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Text: Udo Rauch
Multimedia: Erich Sommer


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