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| das.magazin | Ausgabe vom: 27. Dezember 2002 |
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Das Streibsche Haus |
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![]() Kann das Streib'sche Haus noch vor dem Abriss gerettet werden? ![]() Vom Hausfundament von 1616 brückenartig überspannt, konnte der mittelalterliche Brunnenschacht im Bereich des Kellerabgangs von der Küche aus weitergenutzt werden. ![]() Zeichnerische Rekonstruktion des Zustands 1616. ![]() "Wiedlöcher" beweisen, das zum Bau Floßhölzer benützt wurden. ![]() Detail am Ostgiebel von innen und außen. |
Ein 386 Jahre altes Schultheißenhaus sucht seinen Investor Das "Streib'sche Haus" in Mössingen wurde als Kulturdenkmal eingestuft. MÖSSINGEN. Endlos viele Gebäude besitzen eine interessante Geschichte. Aber nur wenige Häuser verraten soviel Details über ihre Erbauer und ihre Zeit wie das sogenannte Streib'sche Haus in Mössingen. Historiker und Bauforscher sind zurzeit im Auftrag der Stadt Mössingen und des Landesdenkmalamtes dabei, die spannende Bau- und Besitzergeschichte des als Kulturdenkmal eingestuften Gebäudes in der Waibachstraße 26 zu erforschen. Die bislang zutage getretenen Erkenntnisse haben dazu beigetragen, dass das Fachwerkhaus, das eigentlich schon Ende November abgerissen werden sollte, nun doch noch eine Chance bekommt - wenn sich innerhalb eines halben Jahres ein Investor findet, der das Gebäude denkmalgerecht sanieren würde. Aufgrund der bau- und ortsgeschichtlichen Bedeutung des Hauses bemüht sich nun auch der Bundesvorstand der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. um den Erhalt des Gebäudes. Der bundesweit aktive Verein sucht daher nach Kaufinteressenten und steht beratend als Ansprechpartner für Fragen über finanzielle Vorteile und Förderungsmöglichkeiten bei der Sanierung eines solchen Baudenkmals zur Verfügung. Eine Begleitung und Beratung der Restaurierungsmaßnahmen vor Ort kann ebenfalls durch örtliche IGB-Mitglieder sichergestellt werden. ![]() Das über 17 m lange und 11,5 Meter breite Fachwerkhaus wurde überwiegend aus Eichenholz errichtet, das im Winter 1615/16 geschlagen wurde. Die Daten aus der dendrochronologischen Untersuchung des Hauses fanden ihre überraschende Bestätigung in einer Bauinschrift am östlichen Zierfachwerkgiebel: "M[eister] : MARTiN : MiLER : ZIMERMAN _ A & M _ IACOB : MiLER : DER : BAV_HER [hier: der Bauleiter]: DEN : ii : TAG : MARCI : 1616 ::" Die Initialen A & M bezeichnen wahrscheinlich die auch archivalisch ermittelten Eigentümer des Hauses, die Eheleute Anna und Michael Streib. Michael Streib war der damals amtierende Mössinger Schultheiß und zugleich einer der reichsten Einwohner des großen Dorfes. Die Bauinschrift, die wahrscheinlich auf das Richtfest des Hauses zurückgeht, macht das Gebäude damit selbst zu einem bedeutenden Geschichtsdokument. Bei der bauhistorischen Untersuchung wurde deutlich, dass das Streibsche Haus einen mittelalterlichen Vorgänger ersetzte. Der tonnengewölbte Keller und ein heute zugeschütteter Brunnen, die beide in den bestehenden Bau integriert wurden, weisen darauf hin. Das Gebäude von 1616 zeigt die damals in der Region übliche Bautechnik mit vollständig verzapftem Fachwerk. Die hohe Qualität der Konstruktion war die Voraussetzung dafür, dass das Fachwerk im Bereich der Wohnräume in einem hohen Maße erhalten blieb. Die östliche Giebelseite weist eine reiche Gestaltung mit geschwungenen Strebenpaaren und einzelnen Zierelementen auf. Die beiden Stuben besaßen hier einst breite Fenstererker, deren Glasfenster damals einen großen materiellen Wert darstellten. Dagegen sind alle westlich davon liegenden Bauteile auffallend sparsam ausgebildet. Diese Sparsamkeit macht sich auch in der Verwendung zahlreicher Bauhölzer aus Abbruchhäusern bemerkbar und steht damit scheinbar in Widerspruch zum finanziellen Potential des Schultheißen Streib. Deutlich wird dieser Kontrast auch in Hinblick auf die beachtliche Grundfläche des Hauses, welcher die eingeschossige Bauweise des Hauses entgegensteht. Die Erklärung für diese Merkwürdigkeiten bieten offenbar die ausschließlich bei langen Bauteilen verwendeten Tannen- und Fichtenstämme. Sie stammen eindeutig aus dem Floßholzhandel am Neckar, was bedeutet, dass sie von Tübingen her über 15 Kilometer weit auf dem mühsamen Landweg nach Mössingen transportiert werden mussten. Ein solcher Aufwand, aber auch die bereits genannte Sparsamsamkeit in der Holzverwendung, lässt auf akuten Holzmangel schließen, der die ungewöhnliche Form des Bauernhauses maßgeblich bestimmte. Vor diesem Hintergrund ist der repräsentative Ostgiebel als deutlicher Beleg für den gut gefüllten Geldbeutel des Bauherren zu werten. Dennoch ist die Anzahl der Wohnräume überdurchschnittlich, weil sie sich auf zwei Etagen verteilen. Im Erdgeschoss findet sich die seit dem 16. Jahrhundert obligatorische Anordnung der Wohnräume mit der vom Küchenflur aus zugänglichen Stube und die daran angegliederte Stubenkammer. Dieselbe Raumanordnung ist auch eine Etage höher nachweisbar, sprich im ersten Dachgeschoss. Die Anlage einer Wohneinheit im Bereich des Dachwerks ist im historischen Baubestand um Mössingen derzeit ohne Vergleich. Ungewöhnlich ist auch der im ersten Dachgeschoss rechtwinklig zum Treppenflur abknickende Mittellängsflur, von dem aus Türen in die ehemals fünf etwa gleich großen Dachkammern führten. Gemeinsam mit einer weiteren straßenseitigen Dachkammer im zweiten Dachgeschoss verfügte das Gebäude somit über zwei Stuben, zwei Stubenkammern und sechs Dachkammern, so dass problemlos zwei Familien darin Platz finden konnten. Allerdings mussten sie sich damit begnügen, einen gemeinsamen Treppenaufgang und Flur zu benutzen. Zudem konnte die obere Stube nur indirekt durch eine Lüftungsklappe in der Stubendecke vom Erdgeschoss aus beheizt werden. Diese intime Art der Gebäudeaufteilung lässt auf innerfamiliäre Besitzverhältnisse schließen, wobei die obere Stube möglicherweise als Altenteil dienen sollte. Tatsächlich erscheint das Gebäude bereits um 1631 aufgeteilter Grundbesitz, was sich bis zuletzt nicht mehr ändern sollte. 1714 wurde der bis dahin als ungeteilter Lagerraum und Trockenbühne genutzte westliche Teil des 2.DG in einzelne Bretterverschläge unterteilt, die von einem Mittellängsflur aus zugänglich waren. Vielleicht erhielten die beiden Wohnstuben in jener Zeit auch ihre teils bis heute erhaltenen Kassettendecken. Um 1865 wurde der Wohnteil des Gebäudes an der südlichen Traufseite aufgestockt, so dass die obere Stube und die westlich angrenzende Küche nun Südfenster erhielten. Um 1900 mußte der westliche Stallbereich stark erneuert werden, wobei man die Gelegenheit auch zur Aufstockung der übrigen Teile an der Südtraufe nutzte. Das weitgehend in diesem Zustand überlieferte Gebäude bietet nun die große Chance für einen Architekten und/oder Investoren, Erhalten und Gestalten gleichzeitig zu praktizieren. Bei einer respektvollen Behandlung der alten Bausubstanz könnte das Streib'sche Haus wieder zu einem Mössinger Prachtbau werden - wie im März vor bald 387 Jahren. Tilmann Marstaller M.A. DFG-Projekt "Haus und Umwelt" Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters Universität Tübingen INFO: Ansprechpartner der IGB (Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.): - Dr. Dietrich Maschmeyer, Bundesvorstand der IGB (E-Mail:maschmeyer@igbauernhaus.de) Telefon: 02361/16079 - Bundesgeschäftsstelle der IGB Frau Karin Schade (Tel 0559/21840-) - Holger Friesch, Mössingen, Mitglied der IGB (Tel.: 07473-4146) |
Links zum Thema: Text: Tilmann Marstaller Bild(er): Erich Sommer das aktuelle magazin: Diesen Artikel pereMail versenden |
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