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Ausgabe vom: 23. August 2002
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Bescheißer und Stehbrunzhose

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Die "Bescheißer" sind nur an den sichtbaren Stellen aus feinem Stoff, der Rest besteht aus grobem Leinen.


Mit den (im Schritt unverschlossenen) "Stehbrunzhosen" konnte frau im Stehen - na, was wohl ...


Das an der Rückseite mit einer Klappe versehene Reformbeinkleid leitete die Entwicklung zur Unterhose ein.


Damenschlüpfer der Reutlinger Firma Büsing aus den 30er und 40er Jahren.


Der "Brustschützer" sogte für Züchtigkeit und Eleganz bei minimalem Stoffverbrauch.

Ein Blick in die Wäschetruhe des Reutlinger Heimatmuseums


REUTLINGEN. Wie eine Asservatenkammer macht sich die Textilsammlung des Reutlinger Heimatmuseums aus. Bis ins 15. Jahrhundert lassen sich die Stücke zurückdatieren. Hier ein kurzer Blick auf die historischen "Dessous", die in der Dauerausstellung des Museums nicht gezeigt werden.

"Wir sind keine Altkleidersammlung", betonte Museumsleiter Dr. Werner Ströbele in einem Pressegespräch, "aber ausgewählte Stücke sind für uns immer interessant." Tatsächlich stammt ein großer Teil der tausend Teile umfassenden Textilsammlung aus Nachlässen. Wie das dunkelblaue Arbeitskleid auf der Garderobenstange, das es eigentlich dringend nötig hätte, geflickt zu werden.

"Uns sind gerade auch die Gebrauchsspuren wichtig", erklärte Mitarbeiterin Renate Föll. Die Kulturwissenschaftlerin ist zuständig für die Inventarisierung der Sammlung. "In meinem ersten Beruf war ich Verwaltungswirtin. Das hat sehr viel mit meiner jetzigen Arbeit zu tun", lacht sie. Und angesichts der bunten Stoffstücke, die über den ganzen Tisch verteilt sind, kann man sich das kaum vorstellen. Der dicke Ordner daneben jedoch spricht Bände.

Früher gab es lediglich ein Eingangsbuch, in dem jedes neue Museumsstück verzeichnet wurde. Dieses wurde 1986 um Inventarkarten ergänzt, auf denen die wissenschaftlich fundierte Bezeichnung der Stücke, ihr Hersteller, die Maße und weitere Identifikationsmerkmale verzeichnet sind. "Nur auf der Basis dieser Grundlagenarbeit lassen sich schließlich Aussagen über die Heimat treffen", so Ströbele. Seit 1991 wird diese Arbeit am Computer gemacht. Material, Entstehungszeit und Herkunft von rund 20.000 Objekten des Heimatmuseums sind darin katalogisiert.

Die Nacht- und Unterwäsche macht einen großen Teil der Textilsammlung aus. Ein besonderes Stück ist der "Bescheißer", ein Unterhemd für Frauen. Am Körper grobes, einfaches Leinen, an den Ärmeln, dem einzigen sichtbaren Teil, ein feiner, weißer Stoff. "Damit es so aussieht, als hätte man etwas Wertvolles an", verrät Föll. Nachtjacken finden sich recht oft in der Sammlung, aber auch Unter- und "Stehbrunzhosen", allesamt mit geklöppelter Spitze verziert.

"Um 1850 kamen die ersten Damen-Unterhosen auf", so Föll. Die seien allerdings im Schritt noch offen gewesen. "Erst ab dem 19. Jahrhundert wurde es üblich, geschlossene Unterhosen zu tragen." Eine Übergangsform ist die so genannte Frauenhemdhose mit "Reformbeinkleid". Sie hat hinten eine Klappe, die mit Knöpfen geschlossen werden konnte.

Textilstücke von Reutlinger Unternehmen ergänzen die Sammlung. So stellte die Firma Bild hauptsächlich Kinderkleidung her. Aber auch in diesem Nachlass finden sich einige Skurrilitäten wie "Muffler" und Brustschützer. Beides längst überkommene Stücke, die, um den Hals gebunden, den Brustbereich kleiden sollten. "Ab den 1930er-Jahren wurde mehr Wert auf Eleganz gelegt", weiß Föll. Von der Reutlinger Firma Büsing stammen etwa Damenschlüpfer aus Kunstseide und aufgerauter Baumwolle. Weil die zartfarbenen Unterhosen porös und elastisch gleichzeitig sein sollten, habe die Firma dem Produkt den Namen "Porolastik" gegeben.

Von manchen Stücken sind gleich ganze Konvolute im Besitz der Sammlung. Das Frauenhemd aus grobem Leinen gibt es gleich in 13-facher Ausführung. Alle tragen dasselbe Monogramm, die Initialen B und R. Auch das ist auf den Inventarkarten vermerkt. Und genau das ist es, was die Inventaristin an ihrer Arbeit am meisten fasziniert: "Die Menschen, die dahinter stecken."

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Bericht: (bz)
Bild(er): Erich Sommer


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