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Ausgabe vom: 12. Juli 2002
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900 Jahre Hemmendorf

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Samstagsthemen
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Einblicke ins dörfliche Leben vergangener Tage.


Ritter, Gauklern und Lagerleben im Dorf der Johanniter.


Ortsvorsteher Saile gab persönlich den (historischen) Feueralarm.


Das Löschwasser musste vom Krebsbach geholt werden.


Auch die Feuerspritze wurde mit Muskelkraft betrieben.

Drachenbraten am Spieß


Beim 900-Jahr-Jubiläum in Hemmendorf tummelten sich Bauern und Ritter

HEMMENDORF. "Wie die die Kostüme genäht haben, das ist wunderschön. Auch die Farben, wie sie aufeinander abgestimmt sind", bewunderte Marilyn Irslinger aus Hemmendorf die historische Kleidung der Bauersfrauen, Gesindeleute, Edelmänner und Ritter, die bei der 900-Jahr-Feier am Wochenende durch den Flecken zogen. Sie zeigten, wie die Hemmendorfer früher lebten. Trotz trübem Himmel hatten sie, genau wie das Publikum, sichtlich Spaß dabei.

"Möge der Herr nicht so viel Regen in unser Bier fallen lassen", bat Pfarrer Uwe Thauer beim Fassanstich am Samstagnachmittag mit ernstem Blick nach oben. Sein Wunsch ging nur teilweise in Erfüllung - besonders am Samstag ließen sich deshalb noch nicht viele Auswärtige im Dorf blicken. Aber gestern war dann richtig was los, vor allem nachmittags beim historischen Umzug. "Wenn's am Samstag auch so gewesen wäre, wären wir hochzufrieden", sagte der Johanniter-Ritter Gerhard Schmeckenbecher.

Zu sehen war nicht nur mittelalterliches Leben, obwohl dieses durch die vielen Ritter und Knappen besonders hervorstach. Auch landwirtschaftliches Leben von früher bis heute zeigten die Gastgeber. Mit einer Dreschmachine aus den 50er-Jahren aus Bodelshausen dreschten bäuerlich gekleidete Männer und Frauen aus Hemmendorf authentisch gebundene Garben. Die seien schon letztes Jahr mit der Sense geschnitten, gebunden und dann gelagert geworden, erzählte Schmeckenbecher. Vorne an der Maschine hingen vier Säcke, in die schon nach Qualität sortiert die Körner fielen. Hinten kam das Stroh heraus.

An landwirtschaftlichem Gerät waren außerdem alte Putz- und Schrotmühlen, eine Obstpresse, Schleifsteine, Pflüge und Traktoren ausgestellt. Einige Bulldogs, etwa ein Lanz aus dem Jahre 1922, fuhren beim Umzug mit und zogen große, mit Heu gefüllte Leiterwagen. Zum Vergleich waren auch moderne Maschinen zu sehen, etwa ein riesiger Pflug oder eine Vollerntemaschine, die geschlagene Baumstämme in Sekundenschnelle zerschnitt. Eine andere Gesellschaftsschicht, nämlich das Bürgertum, repräsentierten die Ortschaftsräte. Sie trugen nach ehrwürdiger Biedermeierart Fräcke und Zylinder - geliehene, wie Ortschaftsrat August Eberle verriet.

Selbst genäht waren laut Schmeckenbecher dagegen die Kostüme und Gewänder der mittelalterlich gekleideten Hemmendorfer. Dabei habe man gewissenhaft recherchiert und sich an die Historie gehalten. "Elisabeth Reinspach war hier federführend." Auch die Besucher kamen beim Mittelalter auf den Geschmack, wie sich etwa am Erfolg der "Johanniter Ritterschenke" am Schloss zeigte. Kuriose Gerichte wie "Drachenbraten" und "Drachenschwanzspieß" - tatsächlich war es Lammfleisch - wurden an einem an deren Stand geboten Auch verdursten musste keiner. "Wer hat noch Luft im Glas?" fragte etwa Frank Schmeckenbecher eilfertig beim Fassanstich, und schon reckten sich ihm die leeren Gläser entgegen. In der Backstube neben der Zehntscheuer, die extra für das Fest wieder in Stand gesetzt worden war, bereiteten Backfrauen Holzofenbrot. Auch Met und frisch gebrannten Schnaps konnte man genießen.

Als Verdauungsspaziergang bot sich ein Gang über den Flohmarkt an, das Zeltdorf der Horber Ritter, mehrere Ausstellungen oder - für Familien - der Streichelzoo. Verwundert blieben einige Leute am Gehege eines braunen Huhns stehen, um das sich Entenküken tummelten. Das Huhn hatte sie ausgebrütet und fühlte sich nun als Mutter der Enten. "Das habe man früher öfter gemacht" erklärte eine Besucherin ihrem erstaunten Mann.

Man konnte auch den Waschfrauen zusehen, die auf Waschbrettern mit Kernseife eingeschäumte Hemden und Schürzen rieben. Danach wurden die Sachen in einem großen Zuber gespült, später gepresst und an langen Leinen aufgehängt. Je nach Stoff kam die Wäsche auch in den Kessel und wurde gekocht. Das alles sah nach richtig viel Arbeit aus. Die ersten Vorläufer der Waschmaschinen konnte man ebenfalls bei den Waschfrauen besichtigen.

Musikfans kamen ebenfalls auf ihre Kosten: Sie konnten wählen zwischen Drehorgelmusik, dem Fanfarenzug und Musikverein aus Hirrlingen, den Dußlinger Schlossmusikanten, dem Hemmendorfer Musikverein und mittelalterlichen Klängen aus dem CD-Player. Bereits am Freitag hatte es nach Einbruch der Nacht einen Großen Zapfenstreich mit Fackeln und am Samstag ein Feuerwerk gegeben. Am Samstag sollte im Übrigen der Nachtwächter dafür sorgen, dass die Leute nicht allzu spät ins Bett gingen. Allerdings wurde Peter Hinger, Ortsvorsteher von Weiler, der im Dreispitz und mit Laterne den in Versen sprechende Wächter gab, Augenzeugen-Berichten zufolge selbst noch lange danach beim Feiern gesichtet.

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Bericht: (weh)
Bild(er): Erich Sommer


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