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Ausgabe vom: 14. Juni 2002
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Landeshauptstadt Tübingen

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Ein kleiner Rundgang durch die Ausstellung.


Am 19. März 1949 begann das Schwäbische Tagblatt mit "Onsere Diebenger" eine der längsten Artikelserien seiner Geschichte (über 200 Folgen). Im Bild: Marktfrau Mathilde Kienle.


Der Südwest-Rundfunk hat zwei Vitrinen und eine "Hörstation" zur Ausstellung beigesteuert.


Im Juni 1951 eröffnete das Tübinger Freibad mit einer Bademodenschau.


Am 25. Juli 1951 veranstalteten 3.000 Studenten zu Ehren der weithin bekannten Studentenmutter" Tante Emilie" einen Fackelzug.

Metropole im glücklichen Winkel


Eine Ausstellung im Kloster Bebenhausen erinnert an die Jahre, als Tübingen Landeshauptstadt war

BEBENHAUSEN. Es waren karge Jahre, und doch liegt auf ihnen ein besonderer Glanz: Von 1945 bis 1952 war das im Zweiten Weltkrieg weitgehend unzerstört gebliebene Tübingen Landeshauptstadt. Und sogar eine mit zwei Regierungen - einem französischen Besatzungsgouverneur und einer deutschen Zivilregierung. Das Land Württemberg-Hohenzollern war nur so groß wie der heutige Regierungsbezirk und zählte kaum mehr als eine Million Einwohner. Dort, wo sein Parlament zusammentrat, im Winterrefektorium des Klosters Bebenhausen, erinnert jetzt eine Ausstellung des Tübinger Stadtarchivs an die sieben Jahre, als alles Anfang war. Gestern wurde sie eröffnet.

Der Krieg war zu Ende, die Franzosen rückten ein und requirierten Häuser, Zimmer, Gasthäuser, Fabriken. Aber das Alltagsleben ging weiter, und es normalisierte sich erstaunlich schnell - aus heutiger Sicht. Wenn auch Stadtarchivar Udo Rauch in seiner Eröffnungsrede darauf hinwies, wie eng sich die Menschen in der überfüllten Stadt mit 5000 Besatzungssoldaten, Flüchtlingen, Studenten zusammendrängten, wie prekär sich die Ernährungslage 1947 noch einmal zuspitzte, so belegen die in mühe- und liebevoller Kleinarbeit zusammengetragenen Exponate vor allem einen außerordentlichen Hunger der Bevölkerung nach Kultur und zivilisiertem Umgang.

Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer lenkte als Begrüßungsrednerin den Blick auf die "geschickte Kulturpolitik" der Besatzer. Ohne die Franzosen, so ihre These, "gäbe es kein LTT, keinen Rundfunk, kein Institut Franco-Allemand". 42000 Besucher hatte 1946 eine Kunstschau mit Leihgaben aus dem Wallraff-Richartz-Museum und der Stuttgarter Staatsgalerie - bei einer Stadtbevölkerung von etwa 35000 Einwohnern plus 3500 Studenten. Zur Finanzierung von Konzerten, Open-Air-Kino im Schlosshof, ambitionierten Kunstwochen, Vortragsreihen bediente man sich einer noch für die Gegenwart beispielhaften Erfindungsgabe: Eine gemeinsame Städte-Lotterie Tübingen-Reutlingen spielte Geld für den kulturellen und wirtschaftlichen Wiederaufbau ein. So konnte man sich sogar einen Auftritt des Pariser Balletts leisten.

Andererseits, die Verwaltung war spartanisch und hoch effizient. Tübingens erster Nachkriegs-Bürgermeister, der Sozialdemokrat Viktor Renner, erledigte am Vormittag die
Stadtverwaltung und versah am Nachmittag noch die Funktion des Landrats - eine Verwaltungsverschlankung, die Russ-Scherer nicht im Ernst, sondern augenzwinkernd
Landrat Albrecht Kroymann zur Überlegung anheim stellte. Im auch sommers klammen Bebenhauser Winterrefektorium teilten sich 60 Abgeordnete 18 kleine, schlichte Tische, die das Stadtarchiv erst kürzlich in einem Speicher wiederfand (wir berichteten). Sie wurden für die Ausstellung in der ursprünglichen "Sitzordnung" wieder im Raum verteilt und dienen als Unterlage für die "flachen" Exponate: Fotos, Plakate, Lebensmittelkarten, maschinengetippte Anordnungen.

In wenigen Vitrinen sind Gegenstände versammelt, die zum Teil eher kurios wirken, wie die Pokale der Motorradrennen, die zwischen Reutlinger, Hechinger und Stuttgarter Straße veranstaltet wurden. Ausgesprochene Hörgenüsse steuerte der mitveranstaltende Südwest-Rundfunk aus seinem Archiv bei. Als Audio-File kann man die Staatsgründungsansprache von Reinhold Maier hören, Erinnerungen der Erste-Stunde-Politiker Gebhard Müller und Carlo Schmid, oder eine Rede von Otto Erbe bei der Eröffnung des Tübinger Rundfunks.

Wirklich komplett wird die Ausstellung aber erst durch den informations- und bilderreichen Katalog. Neben einer Chronik der Ereignisse enthält er Porträts der wichtigsten Personen der Zeitgeschichte, ausführliche und andekdotische Darstellungen der politischen und alltäglichen Probleme und ihrer Lösungen: von der Gründung der Nachkriegsparteien über die Einrichtung von Volksküchen, die (halbherzige) Entnazifizierung, die Währungsreform und den Wohnungsbau.

Das vom Krieg wenig beschädigte, vorwiegend agrarische Hinterland bis zum Bodensee galt als "glücklicher Winkel". Die Tübinger fühlten sich gern als Hauptstädter (auch wenn sie manche Verwaltungsleute anfangs wegen der Wohnraumknappheit lieber nach Reutlingen expediert hätten). Trotzdem gehörten sie mit mehr als 90 Prozent zu den entschiedenen Befürwortern des Südweststaats. Der war das Ende des kurzen Metropolenglanzes. Weder blieb der Landtag in Bebenhausen, noch wurde die Uni-Stadt, was manche als Kompensation erhofft hatten, oberster Gerichtsort des Landes. 1952 verabschiedete sich das Parlament und schenkte Bebenhausen zur Erinnerung eine Glocke, die gestern ausnahmsweise erklingen durfte. Der französische Gouverneur verließ die Stadt mit einer Militärparade. Und Tübingen musste seine Besonderheit unter den Provinzstädten wieder auf andere Weise behaupten.

INFO Die Ausstellung im Kloster Bebenhausen ist bis zum 8. September zu sehen. Öffnungszeiten montags von 9 bis 12 und von 13 bis 18 Uhr; dienstags bis sonntags von 9 bis 18 Uhr. Katalog, herausgegeben von Udo Rauch und Antje Zacharias (Kulturamt): "Sieben Jahre Landeshauptstadt", 239 Seiten, 14,80 Euro.
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Sieben Jahre Landeshauptstadt


Bericht: Ulrike Pfeil
Bild(er): Erich Sommer


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