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| das.magazin | Ausgabe vom: 03. Mai 2002 |
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Die Boygroup von Titanic |
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Auch Heldentaten
Titanic-Redakteure lasen im Sudhaus Angekündigt waren sie zu dritt, der derzeitige Herausgeber der Titanic, sein Vorgänger und sein Nachfolger. Aber dann musste ein leerer Stuhl den designierten Chef präsentieren. Über Thomas Gsellas Wegbleiben wurden während des Abends drei widersprüchliche, teils erschreckende (Krankenhaus), alles in allem aber wenig glaubhafte Versionen verbreitet, auf deren Widergabe wir daher verzichten. Da nur zu zweit, sprachen Oliver Maria Schmitt (Ex-Chef) und Martin Sonneborn (demnächst Ex-Chef) zu Beginn in aufreizender Langsamkeit, um die angekündigten, von drei Pausen unterbrochenen sechs Stunden Lesezeit auch füllen zu können. Es gab ja auch viel zu sagen. Außerdem zwei Bücher zu verkaufen, eins davon von Ex-, und nun bald Ex-Ex-Chef Schmitt, zur 2000-jährigen Geschichte des Satiremagazins Titanic ("Die größten Kritiker der Elche", Eichborn). Aber dann wurde rein gar nichts aus den Anfängen dieser Zeitschrift gebracht, es gab ausschließlich Texte und Heldentaten aus der jüngsten Vergangenheit und meist von Sonneborn oder Schmitt selbst verfasst, initiiert, verbrochen. Man stellt sich doch am liebsten selbst dar. Heldentaten? Doch, es gab welche. Das Protokoll einer kurz nach Einführung der neuen Währung im Osten durchgeführten Telefonaktion. Ob man denn ein Pflegeset für das neue Geld annehmen würde? Viele bejahten, eine Frau verriet, wie sie bisher mit Mark und Pfennig umgegangen war: Sie tat sie in die Geschirrspülmaschine. Angeblich blinken die dann wieder wie neu. Mit einer Auszeichnung für satirisch-investigativen Journalismus sollte eine Aktion während des CDU-Spendenskandals belohnt werden, bei dem es den Titanic-Leuten gelang, sich als Banker auszugeben und Partei-Entscheidungsträger bis nach Luzern zu locken. Auf der Leinwand sah man Fotos der wunderlichen Aktion, auf der Bühne verwandelte sich der Text bisweilen in ein Mehrpersonen-Schurkenstück mit reichlich Gelegenheit für Dialektproben. Was Titanics Mitwirken bei Deutschlands Bewerbung für die WM 2006 betrifft, waren keine Dialektproben nötig. Sonneborn hatte gefälschte Bestechungsfaxe an einige Entscheidungsträger geschickt, mit hahnebüchenen Versprechungen (Tee, Wurst etc.). Was die Bild-Zeitung, die von den Faxen und dem Absender Wind bekommen hatte, dazu bewog, weiß eigentlich niemand so genau, vermutlich interpretierte sie es als Gefährdung für Deutschlands Bewerbung, jedenfalls forderte sie ihre Leser unter Angabe der Titanic-Telefonnummer auf, dort anzurufen und sich zu beschweren. Und die folgten! In einem nicht ganz legalen Akt nahm Titanic etliche der Anrufe auf und machte eine CD draus. Das Produkt pendelt irgendwo zwischen einer politischen Aktion, einem dadaistischen Akt und einem Stück Volkskunde. Ja, an diesem Abend zeigte es sich wieder: Satire kann der Realsatire, sei sie nun protokolliert oder live konserviert, nie das Wasser reichen. Was es noch gab: Lustiges zu Afghanistan, zu Gräfin Dönhoffs Ableben, zu Rolf Töpperwiens Unfall. Wo die Grenzen der Satire sind, bestimmt die Satire bekanntlich selbst. Dazu wurden reichlich "Briefe an die Leser" serviert, neben Max Goldts Kolumne und der Humorkritik immer das erste und manchmal auch das einzige, was man in dieser Postille las, als sie einem, zu Schmitts Amtszeit, monatlich unentgeltlich zugestellt wurde, eine kleine Aufmerksamkeit für frühere Mitstreiter. Das muss lange her sein, denn nach der Pause erinnerte sich Oliver Maria Schmitt an "die Adenauer-Zeit", als er in Tübingen studierte und konkret an ein Stammessen 2, das "Rinderbraten Robert" hieß und auch genauso schmeckte. Dann befasste er sich mit dem Essen im Lokal des Stammtisch "Unser Huhn" und machte es dermaßen runter, dass Jürgen Jonas im Publikum zu einem so ungehaltenen wie unüberhörbaren "Hör auf!" bewegt wurde. So gehen Freundschaften kaputt. Vom Berichterstatter forderte Schmitt einen harschen Verriss, um eventuell aufkommenden Befangenheitsvorwürfen entschieden begegnen zu können. Es wäre gar nicht nötig gewesen. Dazu lief einfach viel zu viel schief. Nur ein Detail: Es wurden überhaupt keine sechs Stunden gelesen, sondern nur schlappe drei. Erbärmlich, einerseits. Andererseits: Sechs Stunden dieser Scheißveranstaltung hätte kein Mensch aushalten können. Man kann nur froh sein, dass der Dritte erst gar nicht kam. |
Links zum Thema: Bericht: Peter Michael Ertle Video(s): Erich Sommer das aktuelle magazin: Diesen Artikel pereMail versenden |
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